
| Inhalt Ausgabe 48 / Nov 06
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Hans Stegerer Menetekel: Rütli-Schule Viel ist über Berlins Rütli-Schule und ihren dramatischen Hilferuf geschrieben und diskutiert worden. Für uns Lehrer sind Zustände, wie sie an dieser Schule herrschen, ein Alptraum; für Eltern schulpflichtiger Kinder sowie für lernwillige Schüler nicht minder. Und dennoch gibt es in diesem Land eine schulpolitische Richtung, die eine Lösung des Problems vornehmlich darin sieht, unser gegliedertes Schulwesen abzuschaffen. Verschwiegen wird dabei, daß dieses Konzept sich hierfür bereits als völlig ungeeignet erwiesen hat, so zum Beispiel in Frankreich. Rütli, ein unheilvolles Zeichen, das andeutet, worauf unsere Schule hinsteuert? Zur Erinnerung an die Schlagzeilen anläßlich der Vorfälle im April dieses Jahres an der Berliner Hauptschule sei hier ein wörtlicher Auszug des Hilferufs an die Behörden wiedergegeben. Sodann folgt eine Auseinandersetzung mit der Argumentationsweise eines Bochumer Germanistikprofessors, die sich jedoch in zahlreichen Varianten in der aktuellen öffentlichen Diskussion dieses Themas wiederfinden läßt. „Der Gesamtanteil der Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft beträgt 83,2% [...] Wir müssen feststellen, daß die Stimmung in einigen Klassen zur Zeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber. [...] In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert. Einige Kollegen/-innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können. Wir sind ratlos. [...] Die Schüler/-innen sind vor allem damit beschäftigt, sich das neueste Handy zu organisieren, ihr Outfit so zu gestalten, daß sie nicht verlacht werden, damit sie dazugehören. Schule ist für sie auch Schauplatz und Machtkampf um Anerkennung. Der Intensivtäter wird zum Vorbild. Es gibt für sie in der Schule keine positiven Vorbilder.“ Rütli: Kapitulation vor dem Chaos Der Brief der Rütli-Schule, ein Hilferuf an die verantwortliche Behörde, eine Kapitulation vor dem Chaos, eine Warnung an alle, die noch nicht wissen, auf welchem Weg wir uns befinden, ein Aufruf an jene, die noch guten Willens sind und die Möglichkeit haben, dieser Tendenz entgegenzusteuern. Schulpflicht Schulpflicht, 1717 vom preußischen „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm eingeführt, bedeutete für die damalige vorwiegend ländliche Jugend das Recht auf ein Mindestmaß an Bildung, bedeutete den rechtlichen Schutz für Kinder, von ihren Eltern nicht ausschließlich zur Mitarbeit auf dem Hof herangezogen zu werden. Schulpflicht galt für Eltern ihren Kindern gegenüber, Schulrecht für Kinder! Doch welchen Sinn ergibt ein solches Schulrecht, wenn „Lehrkräfte (.) gar nicht wahrgenommen (werden)“ oder wenn „Gegenstände (.) zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen (fliegen)“? Ist solch ein Gebaren nicht eine obszöne Geste angesichts des großen Aufwandes und der hohen Kosten, die eigens für diese an Konsum und an „Intensivtätern“ orientierten Jugendlichen aufgewendet werden? Unhaltbare Zustände, so möchte man sagen, und dennoch gibt es unüberhörbare Stimmen einer einflußreichen bildungspolitischen Richtung, die nicht etwa den Jugendlichen die Schuld für ihr selbstverursachtes Chaos gibt, sondern vielmehr dem Staat, der angeblich nichts für sie tue. Repräsentativ hierfür sei der am 11.4.2006 in der Frankfurter Rundschau erschienene Artikel von Manfred Schneider, Professor für Neu-Germanistik an der Ruhruniversität mit dem Titel: Unser Lexikon der Schulmenetekel / Erfurt, Pisa, Rütli: Schulen entscheiden nicht über Krieg und Frieden, sondern sind die wichtigste konkrete gesellschaftliche Herausforderung So urdeutsch wird’s nimmer mehr
Auffällig ist auf dem ersten Blick zunächst das groß in den Artikel hineinmontierte Foto einer Schulklasse aus den fünfziger Jahren, die in bescheidener Kleidung an Holzbänken sitzend höchst konzentriert eine schriftliche Arbeit verfaßt. Man meint, die berühmte „Stecknadel“ fallen zu hören. Darunter der Kommentar des Autors: So urdeutsch wird’s nimmer mehr wie in diesem Schulzimmer der holden fünfziger Jahre. Doch warum, so fragt sich der erstaunte Leser, soll konzentrierte geistige Arbeit „urdeutsch“ – und damit etwas Negatives – sein ? Warum, so fragt er sich des weiteren, hat der Autor etwas gegen ungestörtes geistiges Arbeiten, ist dieses doch auch die Grundvoraussetzung für seine Tätigkeit als Professor? Was wäre wohl aus ihm geworden, hätte er, statt in den „holden fünfziger Jahren“ in eine urdeutsche Schule zu gehen, das zweifelhafte Glück genossen, jahrelang das tägliche Chaos einer Rütli-Schule zu erleben? Und entsprechend seiner Einstellung, daß die Zeit der „urdeutschen“ Schule unwiederbringlich vorbei sei, ist dem Autor das Thema Rütli lediglich ein Begriff, ein „Eintrag ins Schulmenetekellexikon“ so wie zuvor schon Pisa und Erfurt. Und all diese Begriffe lassen sich seiner Meinung nach auf einen „gemeinsamen Nenner“ bringen: Schule (ist) ein Schicksalsort. Schicksal jedoch nicht für die geschundenen und verhöhnten Lehrkräfte, die sich, nervös das Handy umklammernd, tagtäglich in die Höhle des Löwen wagen, sondern für die „jungen Leute mit Migrationshintergrund“, denen „diese Gesellschaft keine Ermutigung und keine Zukunft“ bietet. Und Schuld daran ist – wie kann es anders sein? – unser jetziges Ausbildungssystem, das bewirkt, daß Migrantenkinder „bereits mit zwölf nur noch ein Ziel ansteuern, nämlich als Hartz IV-Empfänger ihr Auskommen zu finden.“ „No child left behind!“ Die Lösung des Problems liege nach Professor Schneider in einem Schulsystem, das niemand mehr „benachteiligt“, und er verweist auf ein Programm der amerikanischen Regierung aus dem Jahre 2001 mit dem Motto: No child left behind. Das klingt zunächst sehr human, denn welcher verantwortungsbewußte Mensch läßt schon sein Kind zurück? Tatsächlich bedeutet es jedoch, daß eine marschierende Gruppe nicht schneller sein darf als der Langsamste unter ihnen, ansonsten dieser ja zurückbliebe. Dieses Motto rechtfertigt selbst ein anhaltendes Auf-der-Stelle-Treten, denn so ist die Gefahr, jemanden zurückzulassen, am geringsten. Die radikale Selektion nach Leistungskriterien, die unser Schulsystem trägt, hat die Hauptschule (..) zerstört und zu Entsorgungsanstalten(!) sozialer und intellektueller Problemkinder herabgestuft. „Entsorgungsanstalten“, der Hauptschüler darf sich als „Müll“ betrachten! Man fragt sich indes, warum die Volksschule in den holden fünfziger Jahren trotz ungleich radikalerer „Selektion“ zugunsten der weiterführenden Schulen so problemlos funktionierte? Das deutsche gegliederte Schulwesen sei das Grundübel, sei der eigentliche Grund, weshalb es in unseren Schulen Zustände wie in Rütli gibt. „Nicht Selektion, sondern (.) die Mischung der Kompetenzen“, mit anderen Worten die Einheitsschule sei die Lösung des Problems. Dort können Ängstliche im Umgang mit Mutigen mutig, Lernschwache in der Zusammenarbeit mit Intelligenten intelligent werden; vor allem fördere sie jedoch den sozialen Frieden. Letzteren nennt der Autor „Gesellschaftszustand“ – in Abgrenzung zu dem inzwischen auf manchen Schulhöfen herrschenden „Naturzustand“. Man findet aber zum Gesellschaftszustand nicht zurück, indem man die „Problemschüler“ in Internatguantanamos (!) verschwinden läßt. „Guantanamo“ und „Verschwindenlassen“, welche Assoziationen werden hier nur geweckt?! Baccalauréat für 80% Was der Autor uns verschweigt, ist die Tatsache, daß beispielsweise Frankreich mit seinen gesamtschulartigen Collèges nicht etwa weniger rütlihafte Zustände zu beklagen hat als wir in Deutschland, sondern mehr. In puncto „Chancengleichheit“ ist man dort auch weiter fortgeschritten als hierzulande. Das von Napoleon I im Jahre 1808 eingeführte baccalauréat sollte 1985 nach Wunsch des damaligen Erziehungsministers J.P. Chevènement künftig für 80% eines Jahrgangs erreichbar sein. Inzwischen, so heißt es, sei man bei 74% angekommen. Diese Methode der Vergabe von „sozialen Chancen“ trotz gravierender Begabungs- und Intelligenzunterschiede ist in etwa so „sozial“, als druckte man zehn Mal mehr Eintrittskarten als ein Theater oder Stadion Plätze hat. Diese werden durch Papier nicht mehr, der Wert solcher inflationärer „Tickets“ hingegen tendiert gegen null. Lehrer in apokalyptischen Vorstädten „Heute Lehrer zu sein“, schreibt ein französischer Kollege im Internet, bedeutet, als „Polizist (officier) in apokalyptischen Vorstädten zu leben, bedeutet angespuckt, beleidigt und attackiert zu werden“. Der französische Lehrer-Selbsthilfe-Verband FAS meldet, es habe im Schuljahr 2004/05 allein 1651 Übergriffe gegen Lehrer gegeben. 2005 kündigte Innenminister Sarkozy angesichts „80000 Gewalttaten“ in den Gesamtschulen ein härteres Vorgehen gegen Delinquenten an. Die Schule der Republik ist nicht die Schule der Beleidigungen, der Drohungen und der Erpressungen!“ Doch das brachte nahezu die gesamte etablierte Presse gegen ihn auf; sie gab ihm schließlich die Schuld für die wochenlangen bürgerkriegsähnlichen Zustände in den Pariser Vororten und anderswo. Der Innenminister, der seine Lehrer und lernwilligen Schüler vor Gewalt besser schützen wollte, stand nun plötzlich als der eigentliche „Brandstifter“ am Pranger. Die Hauptschule – in Paris gibt es keine – ist nicht die Ursache der Misere, noch ist die Einheitsschule die Lösung des Problems. Werden die Problemkinder der Hauptschulen auf Einheitsschulen verteilt, so wird es nur noch mehr „Naturzustand“ geben mit der Konsequenz, daß die privaten Schulen, in denen es eine „Selektion“ noch gibt, sich in Deutschland eines bislang ungekannten Booms erfreuen werden, und zwar desto mehr, je strenger die Auslese. Und dann werden diejenigen, die es sich leisten können, ihre Kinder dorthin zu schicken, für deren Bildung gleich zweimal zahlen. Zum einen in Form von Steuern, zum anderen durch das Schulgeld. Ein weiteres Absinken der deutschen Geburtenraten ist dabei vorauszusehen. Menetekel für unsere Schulen? Menetekel, laut Lexikon „eine unheilverkündende Warnung, ein ernster Mahnruf oder ein Vorzeichen drohenden Unheils“. In der Bibel erscheint im Buch Daniel 5 dem König Belsazar eine geisterhafte Schrift an der Wand seines Palastes. Der Prophet Daniel liest Mene, mene tekel upharsin und interpretiert: gezählt, gewogen und geteilt. Noch in derselben Nacht verliert Belsazar sein Leben (gewogen und zu leicht befunden), sein Reich wird zugunsten der Meder und Perser geteilt.
Eine andere Deutung ist diese: Mine, Schekel und Upharsin. Minen und Schekel waren Gewichte bzw. Währungseinheiten, wobei eine Mine 50 Schekeln entsprach. Upharsin (von paras = scheiden) bedeutet Scheidemünze. Auf unser deutsches Schulsystem bezogen, könnte das Wort Rütli-Schule als writing on the wall so verstanden werden: Das humanistische Bildungssystem Humboldtscher Prägung war eine Mine wert – kein anderes Land brachte so viele Nobelpreisträger hervor, ausländische Studenten kamen zuhauf an weltberühmte deutsche Universitäten. Nach den Reformen der siebziger Jahren stellen die Pisa-Studien inzwischen einen Abstieg in die Mittelmäßigkeit fest; karrierebewußte Studenten und Akademiker suchen ihr Heil in renommierten angelsächsischen Universitäten. Die Mine wurde zum Schekel. Mit der flächendeckenden Einführung der Einheitsschule wird deutsche Bildung – wie lange wird es sie dann überhaupt noch geben? – nur noch den Wert von Kleingeld besitzen.
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