Inhalt Ausgabe 47 / Nov 03

Resolution des Personalrats des Studienseminars für Gymnasien in Frankfurt am Main

Die Schuldenfalle

 

 

 

Christoph Hartmann

Was hat der Mathematikunterricht mit Mathematik zu tun?
Mängel des traditionellen Mathematikunterrichts und Wege zu seiner Verbesserung

Angesichts der immer rascheren Entwicklung der Technik läuft ein Unterricht, der seinen Schülern nur Rezepte mitgibt, Gefahr, sie wenige Jahre nach ihrem Abgang von der Schule oder der Universität völlig unausgerüstet zu lassen. Das, was man auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit braucht, das sind Köpfe, die fähig sind, mit neuen Situationen fertig zu werden.
Andre Revuz / Moderne Mathematik im Schulunterricht /1965

Nichts als Rezepte

Als ich vor einigen Tagen meinen Sohn, der gerade sein Betriebswirtschaftsstudium beendet hat, das bekanntlich sehr hohe Mathematikanteile beinhaltet, die Titelfrage stellte, antwortete er spontan : „Nichts“. Er begründete diese radikale Antwort mit seiner Erfahrung, daß im Mathematikunterricht zuviel Rezepte vermittelt und angesammelt werden, statt den Schülern beizubringen, wie man ein Problem mathematisiert und danach unter Einsatz adäquater mathematischer Hilfsmittel löst (Dieses Kernproblem des Mathematikunterrichts wird später genauer betrachtet). Mich hat die provozierende Titelfrage solange beschäftigt, wie wir diese Zeitschrift machen, und ich kam eigentlich immer zur gleichen Antwort : „immer weniger“, weil die äußeren Umstände, zugespitzt formuliert, die Erlasse und Lehrpläne, nichts anderes zuließen. Die Tatsache, daß mehrere internationale Vergleichsstudien in den letzten Jahren nachgewiesen haben, daß die deutschen Schüler beim Anwenden von Rezepten vergleichsweise gut sind, beim Problemlösen aber abfallen, bestätigt diese Ansicht. Man müßte sich daher wieder auf die wesentlichen kreativen geistigen Tätigkeiten innerhalb der Mathematik besinnen, nämlich

1. definieren und mathematisieren,
2. vermuten und
3. Beweise finden,
um aus dem Mittelmaß herauszukommen.
Für den jetzt gültigen hessischen Lehrplan für Mathematik am Gymnasium steht in dieser Beziehung jede Menge Optimierungsarbeit bevor, da von einer konsequenten Rückbesinnung auf die typischen Methoden der Mathematik als eigenständige Unterrichtsinhalte nicht die Rede sein kann.

Verteidigung der klassischen Inhalte der Schulmathematik

Die letzten Jahre waren nicht gerade durch die Diskussion um das Wesen der Mathematik und die Propädeutik der Methoden im Rahmen die Schulmathematik geprägt. Es ging während der letzten Legislaturperiode, in der die SPD noch das Sagen hatte, d.h., als der schulformübergreifende Rahmenplan noch in der Diskussion war, um die Sicherung der grundlegenden Inhalte der Mathematik im Gymnasium. Diesen Rahmenplan hat der HPhV, an dessen Begutachtung ich seinerzeit beteiligt war, abgelehnt. Seitdem die CDU regiert, ging es um die jetzt beendete Wiederherstellung jahrgangsbezogener, schulformspezifischer Lehrpläne mit Inhalten, die einer langen Tradition entsprechen. Diese erfreuen sich breiter Zustimmung, allerdings finden sich viele Inhalte, die mit tragenden mathematischen Methoden verknüpft sind, nur im fakultativen Teil. Jedoch gehören das Dualsystem in Klasse 5, die Grundkonstruktionen mit Zirkel und Lineal in Klasse 7, der GAUSS- und der HERON-Algorithmus in Klasse 9 und die Summensätze und der Cosinussatz der Trigonometrie in Klasse 10 in den Pflichtkanon, um nur einige zu nennen.

Aus dem Blick geriet der Kern der mathematischen Arbeitsweise, nämlich das Beweisen der behaupteten Aussagen, ausgehend von den Voraussetzungen, nach den Regeln der Logik. Man vermißt einen thematischen roten Faden durch die Klassenstufen mit dem Aufzeigen von charakteristischen mathematischen Aussagen, deren Beweise die Schüler nachvollziehen sollten, um sie zu eigenen Beweisübungen zu veranlassen. Stattdessen werden nur wenige Aussagen in den Blick genommen, deren Beweise gezeigt werden sollen, beispielsweise, daß die Quadratwurzel aus 2 nicht rational ist (Was Schüler übungshalber auf Wurzeln aus beliebigen Primzahlen übertragen könnten). Wenn das Beweisen als konstituierende Geistesarbeit in der Mathematik gelernt werden soll, so müssen Themen und Situationen vorgeschlagen werden, mit denen das geübt werden kann. Da reicht keine unverbindliche Absichtserklärung an einigen Stellen des Lehrplans.

Qualitätssicherung richtig verstanden

Zur Zeit geht es in der hessischen Bildungspolitik um die sogenannte Qualitätssicherung, ein Schlagwort, das zu den Lieblingsworten der Kultusministerin zählt. Ehe jedoch die Qualität des Mathematikunterrichts gesichert werden kann, sollte erst einmal die mathematische Qualität des Mathematikunterrichts im Sinne der Beherrschung der fachspezifischen Methoden, nicht nur der Reproduktion der Inhalte, wiederhergestellt werden. Die Verfasser des jetzt gültigen gymnasialen Lehrplans für Mathematik beabsichtigten wohl in erster Linie Begriffe, Inhalte und auf ihnen beruhende Lösungen für die traditionellen Problemstellungen der Schulmathematik sicherzustellen. Man könnte das ein wenig polemisch als Einstudieren von Rezepten bezeichnen. Sie haben aber offenbar die mathematische Arbeitsweise aus dem Blick verloren. So wird z.B. im Übergangsprofil von der Jahrgangsstufe 10 in die gymnasiale Oberstufe auf die Struktur mathematischer Aussagen und auf Beweismethoden gerade einmal unter Geometrie in einem einzigen Satz mit minimalem Anforderungsgrad eingegangen: „Voraussetzung, Behauptung, Beweis als Aufbau eines mathematischen Lehrsatzes kennen“.
Dies ist selbst im Sinne des Lehrplanaspektes „Mathematik als deduktives Gedankengebäude“, welcher unter den Aufgaben und Zielen des Lehrplans explizit formuliert wird, zu wenig. Danach nimmt nämlich der Mathematikunterricht im Gymnasium die Aufgabe wahr, das Argumentieren und Deduzieren sowie logisches Schließen zu üben etc.

Leitbegriffe für einen Mathematikunterricht mit mathematischer Qualität

Im Jahre 1989 hat die Fachgruppe Mathematik des HPhV in der Ära Wallmann ebenfalls unter meiner Beteiligung Leitbegriffe für die fachlichen Inhalte formuliert (s. Blickpunkt Schule 1/89, Mathematik im Gymnasium, Abschlußbericht der Fachgruppe Mathematik) die die Realisierung der wesentlichen Denkweisen und Verfahren der Mathematik im wissenschafts-propädeutischen Sinne sicherstellen sollten. Diese waren

Grundbebriffe der Aussagenlogik (Logische Grundfunktionen und Schlußregeln und darauf beruhende Beweisverfahren)
Funktionsbegriff (Beziehung zwischen Objekten oder Strukturen)
Strukturbegriff (algebraische und geometrische Strukturen und ihre Gesetze)
Grenzwertbegriff
Algorithmusbegriff (numerische Verfahren)
Grundbegriffe der Stochastik

Die Erarbeitung der unter diesen Leitbegriffen subsummierten Inhalte sollte in alters- und entwicklungsgemäßer Weise die Erfassung der Wirklichkeit mit Hilfe der Mathematik im Rahmen des bekannten Modellbildungszyklus ermöglichen:
Modellbildungszyklus
Situation der Wirklichkeit
(Verbale Beschreibung des Problems)

Mathematisierung
(Definition von Begriffen)
Modellbildung
(Beziehungen zwischen den Begriffen werden durch Axiome beschrieben)
Theorieaufbau
(Folgerungen aus den Axiomen -> Sätze)
Rückkehr zur Ausgangssituation
(Anwendung der Sätze der Theorie auf die Wirklichkeit)

Ich konnte 1989 die Kollegen von der grundlegenden Bedeutung der Modelle in der Mathematik überzeugen, die Revuz im eingangs erwähnten Büchlein eingängig dargelegt hatte. Gerade die Beherrschung des Modellbildungsverfahrens ist eine unabdingbare Voraussetzung für die fächerübergreifende Anwendung der Mathematik, die seit einigen Jahren, wenigstens als Absichtserklärung, in die Lehrpläne eingedrungen ist. Eine weitere Voraussetzung ist ein grundlegendes Verständnis für Algorithmen als einer Folge von Anweisungen (beispielsweise die Befehle in einem Computer-Programm), die in der Regel Funktionen berechnen. Auch die Rechenoperationen sind Funktionen. Hierzu wird weiter unten unter dem Algorithmusbegriff noch die Rede sein.

Während der Recherchen zu diesem Artikel konnte ich feststellen, daß Hessen zusammen mit einigen anderen Bundesländern Bildungsstandards für Mathematik, Gymnasium Klasse 10 im Jahr 2003 veröffentlicht hat, in der sogenannte Leitideen formuliert werden (wohl in Anlehnung an Heymann), die unseren damaligen Leitbegriffen von der Gliederung der Inhalte her weitgehend entsprechen. Wenn diese Leitideen allerdings nicht zu tragenden Prinzipien mit Auswirkungen für den täglichen Unterricht erhoben werden, wird sich an der mangelnden Qualität des Unterrichts wenig ändern. Wie ergiebig beispielweise der Leitbegriff der Funktion sein kann, soll das folgende Beispiel zeigen.

Ein Beispiel für die Nutzung des Leitbegriffes Funktion

Wir erinnern an die Behandlung der Umkehrfunktionen zu einer Funktion f : X->Y mit Df=X und Wf=Y. Das übliche Rezept ist, daß die Funktionsgleichung y=f(x) nach x aufgelöst wird, weil man die Zuordnung umkehren möchte. Man erhält, wenn f gutartig ist, eine Funktion x = g(y) wobei y dasjenige x zugeordnet wird, das unter f auf y abgebildet wurde mit Dg= Bild(f) = {f(x)|x aus Df}. Diese hat noch den gleichen Graphen wie die Ausgangsfunktion, denn die Eingabe findet auf der y-Achse statt. Also nimmt man noch Variablentausch vor, um das zu ändern, mit dem Effekt, daß die Graphen spiegelbildlich zur Geraden y=x sind (sollte man beweisen!). Die Schüler sind zufrieden, weil das Rezept bequem ist. Doch mathematische Einsichten hat man nicht gewonnen.

Wenn man den Begriff der Funktion als universelles Werkzeug interpretiert, mit dem Zuordnungen genau gehandhabt werden können, kann man allerdings wesentlich mehr mathematische Erkenntnisse gewinnen, nämlich eine allgemeine Aussage über die Umkehrbarkeit beliebiger Funktionen (Kennt jeder Mathematiklehrer aus seinem Studium). In der Tat lehrt die Anschauung sofort, daß f nur dann eindeutig umkehrbar ist, wenn das Urbild von y unter f, also die Menge Inv(y): = {x | f(x)=y } nur aus einem Element x besteht. Dies ist dann der Fall, wenn aus x<>x’ => f(x)<>f(x’) (I) oder äquivalent, aber berechenbarer, wenn aus f(x)= y =f(x’) => x=x’ (Logische Umkehrung von (I)). Dann kann man g(y):=x setzen. Will man, daß g auf ganz Y definiert werden kann, so sehen auch die Schüler sofort, daß dann für alle y aus Y die Menge Inv(y) nicht leer sein darf. Also muß es zu jedem y ein x geben mit f(x)=y.

Man definiert nun:

f : X->Y ist genau dann umkehrbar, wenn

1) aus f(x) = f(x’) => x=x’ (Injektivität von f ) und es
2) zu jedem y aus Y ein x aus X gibt mit f(x)=y (Surjektivität von f ).

Ist f in diesem Sinne umkehrbar, so setzt man g(y):=x (dabei ist x dasjenige, das unter f auf y abgebildet wurde) und nennt g eine Umkehrfunktion zu f .

Mit dieser Definition können die Schüler leicht vermuten und auch beweisen ,
1) daß f(g(y))=y und g(f(x))=x ist, wie es sich für eine Umkehrfunktion gehört,
2) zu jeder Funktion , wenn überhaupt, nur genau eine Umkehrfunktion existiert und
3) daß jede streng monotone Funktion umkehrbar ist, insbesondere die Funktion y=e^x=f(x), Df=R mit der Umkehrfunktion g(y)=ln(y), Dg=R+.

Es bietet sich noch an, den Strukturbegriff ins Spiel zu bringen, indem man zeigt, daß f und g die algebraischen Strukturen erhalten (Isomorphismen), die den jeweiligen Definitions-bereichen durch die Addition und die Multiplikation aufgeprägt werden. Dies ist der Gehalt des bekannten Logarithmengesetzes ln(y1 * y2) = ln(y1) + ln(y2) . In diesem Zusammenhang könnte man klären daß sowohl die Addition + als auch die Multiplikation Funktionen von RxR nach R sind, die gewissen Regeln (Axiomen) gehorchen, die auf R bzw. R+ die Zahlbereichsstruktur ausmachen.

Im Schulbuch für die 10. Klasse, das die Schüler unserer Schule benutzen, steht im Gegensatz dazu folgende, völlig unzureichende Erklärung (soll wohl eine Definition sein) für die Umkehrfunktion einer Funktion :
Ist die Umkehrzuordnung einer Funktion f wieder eine Funktion (Anm. des Verf. eindeutig!), dann heißt die Funktion f umkehrbar, ihre Umkehrzuordnung nennt man eine Umkehrfunktion.
Es wurde eine Gelegenheit vertan, eine operationalisierbare Definition des Begriffes der Umkehrfunktion zu geben, mit der Konsequenz, daß keine Kriterien (Injektivität und Surjektivität) entwickeltwerden konnten, die es gestatten, die Umkehrbarkeit einer Funktion zu entscheiden, ohne die Umkehrung im Sinne des obigen Rezeptes durchzuführen. Vom mathematischen Gehalt des Begriffes der Umkehrfunktion bleibt fast nichts übrig.

Systematische Verdrängung der Leitbegriffes Algorithmus

Trotz seiner fundamentalen Bedeutung für die Mathematik führt der Begriff des Algorithmus im Lehrplan ein Mauerblümchendasein. So wird er in den fakultativen Bereich abgeschoben bzw. diskriminiert als schematische Benutzung von Operationen In der Tat gibt es nicht-algorithmische Themen in der Schulmathematik fast nicht, wie Jochen Ziegenbalg, Professor am Institut für Mathematik und Informatik der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe feststellt (eine Auflistung findet man in der schriftlichen Fassung seines Vortrags, gehalten anlässlich des 5. Dresdner Kolloquiums zur Mathematik und ihrer Didaktik am 8. Februar 2000). Wollte man der Einschätzung der Lehrplanmacher folgen, müßte man fast die ganze Schulmathematik als fakultativ deklarieren.
Die Universalmaschine zur Abarbeitung von Algorithmen ist der Computer. Damit ist heute der Computer das wichtigste Werkzeug, um mathematische Probleme zu lösen und um mathematische Experimente durchzuführen. Soweit Ziegenbalg. Offensichtlich sind die Lehrplanmacher von der irrigen Annahme ausgegangen, daß die Schüler in der informationstechnischen Grundbildung in Hessen etwas über Algorithmen erfahren (selbst, wenn diese überhaupt stattfände, müßte man daran zweifeln). Gäbe es einen Informatikunterricht ab Klasse 5, wie das die Gesellschaft für Mathematik und Informatik schon seit Jahren fordert, könnte man wohl davon ausgehen. So muß bzw. sollte der Mathematikunterricht einen guten Teil einer Einführung in das informatische Denken im Zusammenhang mit dem Algorithmusbegriff übernehmen. Das bedeutet, daß im Mathematik-Lehrplan die Behandlung des Algorithmusbegriffes als Pflichtaufgabe deklariert werden muß und entsprechende Lernziele und Lerninhalte definiert werden müssen.

Was wird durch die Qualitätsinitiative ‘Sinus’ verbessert ?

Seit die PISA- Studien immer wieder die Mittelmäßigkeit der deutschen Schüler insbesondere in Mathematik und deren Konditionierung auf Rezepte feststellten (die Ursachen wurden mehrfach an anderer Stelle in SCHIFF diskutiert, zuletzt in Heft 46/02 ‘Dieser Absturz war absehbar’), hat die BLK das bundesweite Modellversuchsprogramm SINUS „Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts“ ins Leben gerufen. Beide Teilbereiche haben sich in Hessen als Modellversuch den Titel „Gute Unterrichtspraxis“ (kurz GUP) gegeben. Das Programm bzw. der Modellversuch wurde koordiniert durch das Staatliche Schulamt Kassel und durchgeführt von Prof. Dr. W. Blum (Mathematik) und Dr. Stäudel (Naturwissenschaften) von der Universität-Gesamthochschule Kassel. Auf diesem Modellversuch basiert ein landesweites Fortbildungsprogramm (SINUS Fortbildung), das ein Angebot für Schulfachkonferenzen ist, in der Regel 4-5 Tage umfaßt, schulformorientiert ist, vor Ort an der jeweiligen Schule stattfindet und von HELP-Mitarbeitern bzw. Lehrern nordhessischer Modellversuchsschulen durchgeführt wird.

Als schulbezogene Ziele der Qualitätsinitiative SINUS, mithin der Fortbildung, werden von Annerose Neeb-Fleckner, Projektleiterin für die Qualitätsinitiative SINUS im Help/Weilburg folgende aufgelistet:

Auf der Unterrichtsebene (Mathematik):

Die Themenbausteine, die für die Arbeit mit den Schulfachkonferenzen entwickelt werden, sollen den Fachunterricht inhaltlich und methodisch ergänzen. Der Fachunterricht soll inhaltlich anspruchsvoller werden durch Orientierung auf das Lösen von Problemen und auf fachbezogene und fachübergreifende Vernetzungen. Er soll sich an einer mathematischen Grundbildung orientieren und nicht die Einübung von Kalkülen als Schwerpunkt haben. Weiterhin soll der Fachunterricht durch mehr Schüleraktivitäten, Reflexionsphasen und Methodenvielfalt methodisch anspruchvoller werden.

Auf der Ebene der Schulfachkonferenzarbeit:

Das Angebot initiiert bzw. unterstützt die kollegiale Selbstevaluation (Reflexionen, Gespräche; Hospitationen; Tandem-Modell) und Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung in der Fachgruppe.

Weitgehend allgemein wird zunächst ein inhaltlich und methodisch anspruchsvollerer Mathematikunterricht gefordert. Schaut man sich die im Internet verfügbaren Themenbausteine (Aufgaben) an, so wird man keinen Hinweis auf qualitätssichernde Leitbegriffe bzw. die typischen Arbeitsweisen der Mathematik (definieren, vermuten, beweisen) oder gar den Modellbildungszyklus finden. Sicher sind die zahlreichen durch Graphiken belebten Aufgaben und Aufgabenvarianten (genannt Öffnen von Aufgaben) und die problemorientierten Aufgabenstellungen interessant, bieten aber auch nichts grundsätzlich Neues, da viele Schulbücher mittlerweile durchaus Vergleichbares bieten. Als medieale Ergänzung zum Angebot der Schulbücher sind sie sicher empfehlenswert, wenn es da nicht einen Haken gäbe, und das sind die Kopierkosten, die einen eher seltenen Gebrauch ahnen lassen.

Was die kollegiale Selbstevaluation der Fachkollegien anbelangt, so wird man über Reflexionen und gelegentliche Gespräche (bei der Vorbereitung von Vergleichsarbeiten beispielsweise) angesichts der vollen Stundenpläne und des bis in den Nachmittag reichenden Unterrichts auch trotz Weiterbildung nicht hinauskommen. Gegenseitige Hospitationen und Tandem-Modell sind sicher reizvoll, aber angesichts des fachspezifischen Lehrermangels in Mathematik und Naturwissenschaften absolut utopisch.

Fazit : Die Wirkungen der Qualitätsoffensive SINUS auf den real existierenden Mathematikunterricht werden auf dem im Internet dokumentierten Niveau eher marginal sein. Man fragt sich, ob die ganze Qualitätsoffensive nichts weiter ist als ein weiterer bildungspolitischer Schnellschuß, d.h., ohne gründliche Analyse der eigentlichen Probleme des Mathematikunterrichts und Erprobung der Verbesserungsmaßnahmen (vgl. die Entwicklungszeiten in Niedersachsen im nächsten Abschnitt), da sich Anspruch und Wirklichkeit nicht decken.

Ein vielversprechender kognitionstheoretischer Ansatz

Eine Lösung des eingangs angesprochenen Kernproblems des Mathematikunterrichts, nämlich den Schülern beizubringen, wie man ein Problem mathematisiert und danach unter Einsatz adäquater mathematischer Hilfsmittel löst, sollte Ausgangspunkt für eine grundlegende Neuorientierung des Mathematikunterrichts werden. Gerade schwächere Schüler scheitern oft an der Aufgabe nach dem Erarbeiten und Üben von Algorithmen diese zur Lösung von Anwendungsaufgaben einzusetzen. Der gymnasiale Mathematikunterricht muß daher verstärkt darauf ausgerichtet werden, in den Köpfen der Schüler tragfähige Modellvorstellungen aufzubauen, sowohl über den innermathematischen „Betrieb“ als auch über den Prozeß der Abstraktion von Begriffen aus umgangssprachlichem Text und der Interpretation von abstrakter Mathematik durch konkrete Situationen. So formuliert es Elmar Cohors-Fresenburg, Professor für Mathematikdidaktik-Kognitionswissenschaft an der Universität Osnabrück, der in Niedersachsen die Erarbeitung eines Mathematik-Currriculums betreute, das die Modernisierung der Unterrichtsmethoden im Fach Mathematik vor dem Hintergrund der neueren Technologien zum Ziel hatte. Leitidee war die Auffassung von Mathematik als einer universellen Sprache zur präzisen Darstellung intuitiven Wissens, die es insbesondere gestattete die informationstechnische Grundbildung zu integrieren. Während eines fünfjährigen Schulversuches mit insgesamt fast tausend Schülern wurde die Neustrukturierung der Schulmathematik mit den Fundamenten Algorithmik/Mathematische Modellbildung mit Funktionen und Axiomensysteme/ Umgang mit Regelwerken für Zahlen erprobt.

An dieser Stelle können natürlich keine Einzelheiten dargestellt werden. Wer mehr Details über die beschriebene Neuorientierung des Mathematikunterrichts wissen möchte, die größtenteils eine Rückbesinnung auf die algorithmischen und axiomatischen Grundlagen der Mathematik darstellt, der findet in dem neunseitigen Aufsatz Mathematik als Werkzeug der Wissensrepräsentation: das Osnabrücker Curriculum von Elmar Cohors-Fresenborg in der Zeitschrift Der Mathematikunterricht, Heft 1/2001 ausführliche Informationen. Dort sind die Lehrpläne für die Klassen 7 - 10 abgedruckt und sind die neu entwickelten Textbücher für Schüler bzw. die zugehörigen Lehrerhandbücher aufgelistet. Sie können über das FMD (Forschungsinstitut für Mathematik Didaktik e.V.), Postfach 1847, 49008 Osnabrück bezogen werden.

   

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