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Inhalt Ausgabe
47 / Nov 03
Vorwort
Die
Kunstklasse
Resolution
des Personalrats des Studienseminars für Gymnasien in Frankfurt
am Main
Die
Schuldenfalle
Auf
nach Florenz!
Newrules
Chaos
In
den Schulen: 17. Juni
In
Memoriam Wolfram Weinke
Besondere
Leitungen in freiwilligen AGs
Briefe,
die ins Zuchthaus führten
Was
hat der Mathematikunterricht mit Mathematik zu tun?
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Hans Stegerer
Briefe, die ins Zuchthaus führten
Eine Rezension des gleichnamigen Buches von Baldur Haase
In der Gesellschaft von Orwells „1984“ behauptet die allmächtige „Partei“,
aller Fortschritt, sei er wissenschaftlicher oder sozialer Natur, wäre
allein ihr zu verdanken. Winston Smith, der Protagonist des Romans, hat
hieran seine Zweifel, weiß er doch schon aufgrund seiner Tätigkeit
im Propagandaministerium (Ministry of Truth), wie in seinem Staat mit
der Wahrheit umgegangen wird. So begibt er sich in das Arbeiterviertel
(proles quarter), um sich bei einem Zeitzeugen Aufschluß über
die Zeit vor der Revolution zu verschaffen. In einem Pub trifft er einen
alten Mann, doch sind ihm dessen Erinnerungen wenig hilfreich weil zu
subjektiv, verschwommen und thematisch ungeordnet.
Die untergegangene DDR wurde vor dem Mauerfall
von linker Seite stets ideologisch verklärt und durchweg als das „bessere Deutschland“ hingestellt.
Zahlreich waren die Bemühungen, sie politisch anzuerkennen, d.h.
der endgültigen Teilung Deutschlands zuzustimmen. Als 1989 die Möglichkeit
der Wiedervereinigung in greifbarer Nähe stand, hatten die meisten
prominenten Vertreter der heute regierenden Parteien nichts anderes im
Sinn, als diese mit allen ihren Mitteln zu verhindern. Heute herrscht
in unserem Land eine Art DDR-Nostalgie, und man bekommt den Eindruck
vermittelt, daß es so schlecht „drüben“ nun auch
nicht gewesen sein konnte. Da wird der Film Good bye Lenin neunfach ausgezeichnet – u.a.
mit dem Deutschen Filmpreis in Gold –, und in den Industrieruinen
in Berlin-Oberschönweide soll auf einer Fläche von 10.000 Quadratmetern
eine Mini-DDR als Erlebnispark wiedererstehen. Ostalgie ist „in“.
Liebenswerte DDR!?
 In diesem Zusammenhang erweisen sich Bücher wie das von Baldur
Haase, Briefe, die ins Zuchthaus führten für diejenigen, die
gleich Winston Smith jeglicher Propaganda skeptisch gegenüberstehen,
als ungemein wertvoll. Haase ist ein Zeitzeuge, der ungleich dem in „1984“ geschilderten
alten Mann im Pub ein sehr detailliertes Bild von der DDR in der Zeit
von 1948-1961 zeichnen kann.
Und diese DDR war keine sozialistische Idylle, sondern ein totalitärer
Staat, der mit der von Orwell in „1984“ geschilderten Gesellschaft
die wesentlichen Strukturen gemein hatte. Allein der Besitz des Romans „1984“,
den Haase im Alter von 19 Jahren von einem gleichaltrigen Brieffreund
aus Duisburg zugeschickt bekam, reichte aus, um ihn wegen „staatsfeindlicher
Hetze“ zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus zu verurteilen. Dabei handelte
es sich hierbei nicht einmal um einen Einzelfall, Haases spätere
Recherchen ergaben, daß noch weitere DDR-Bürger wegen „1984“ hinter
Gitter mußten.
Der Grund, weshalb die DDR-Machthaber Orwells Buch
als „staatsgefährdend“ einstuften,
liegt wohl darin, daß sie ihren totalitären Staat in ihm so
ungeschminkt widergespiegelt fanden und sie deshalb Angst hatten, ihre
Bürger könnten sich dessen genauso bewußt werden wie
der Protagonist des Romans. Und genau dies geschieht mit Haase; er identifiziert
sich mit dem Helden jedoch nicht nur aufgrund der Parallelen in den Lebensumständen,
sondern auch weil er wie Smith – intelligent ist. Smiths Intelligenz
besteht darin, daß er jahrelang einen „unaufhörlichen
inneren Monolog“ führt und sich irgendwann einmal entschließt,
ein Tagebuch zu führen, um Zeitzeuge für künftige Generationen
zu sein. Haase tut es ihm gleich, vernichtet sein gut verstecktes Tagebuch
jedoch bald nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus aus Angst, es könnte
ihn irgendwann einmal bei der Staatssicherheit belasten. Das vorliegende
Buch jedoch ist ein Zeitzeugnis ganz im Sinne von Winston Smith, der
folgende Widmung in sein Tagebuch schreibt:
To the future and to the past, to a time when
thought is free ...
From the age of solitude, from the age of Big
Brother, from the age of doublethink – greetings. „
Für eine Zeit, in der die Gedanken frei sind.“
In der DDR waren die Gedanken nicht frei und dies wird Haase zum Verhängnis.
Er setzt sich als 19jähriger kritisch mit seiner Umwelt auseinander,
schreibt seine Gedanken nieder, vertraut sie Freunden und Verwandten
an und teilt sie seinem Brieffreund in Duisburg mit. Doch seine Briefe
werden von der Staatssicherheit abgefangen und fotokopiert in seiner
Akte abgelegt. Sein Schwager ist ein Spitzel und gibt Haases „unorthodoxe“ Gedanken
der Stasi zu Protokoll.
Aus dem Zeitalter des Doppeldenk ...
Doublethink ist für Orwell die Fähigkeit, Widersprüchliches
zu denken, ohne sich von der Widersprüchlichkeit des Gedachten stören
zu lassen. Ein Beispiel hierfür ist, daß Haase für die
Behauptung, „im Sozialismus herrsche keine freie Meinungsäußerung“ als
Verbrecher verurteilt wird. Indem man ihn jedoch wegen dieser Äußerung
verurteilt, gibt man ihm recht und straft sich selber Lügen; doch
dank Doppeldenk bereitet das den Genossen Funktionären keine schlaflosen
Nächte.
Aus dem Zeitalter der Einsamkeit ...
Haase wird eingesperrt, weil er nicht damit rechnete, daß sein
eigener Schwager ihn denunzieren könnte. Doch selbst im Zuchthaus
ist man vor Spitzeln nicht sicher, und es kommt vor, daß Häftlinge
sich wegen unbedachter staatskritischer Äußerungen einige
Haftjahre zusätzlich – ein sogenannter „Nachschlag“ – einholen.
Nach seiner Haftentlassung hat Haase das Vertrauen in seine Mitmenschen
verloren, er wird zum Einzelgänger, macht um jede Uniform einen
weiten Bogen, erschrickt, wenn er unverhofft von jemanden auf der Straße
angesprochen wird.
Aus dem Zeitalter des Großen
Bruders
Man fragt sich, warum das Regime der DDR die Persönlichkeit eines
intelligenten und schriftstellerisch begabten jungen Menschen nur wegen
einiger kritischer Äußerungen und des Besitzes eines verpönten
Buches brechen mußte. War er denn wirklich eine Gefahr für
den Bestand des Staates? Er hat weder einen Umsturz geplant noch sich
einer „konterrevolutionären“ Organisation angeschlossen,
wie dies Winston Smith letztendlich tut. Doch die Wahrheit allein ist
schon eine Gefahr für einen auf Lügen aufgebauten Staat, und
deshalb ist es wohl auch unabdingbar, abweichendes Denken mit Mitteln
des Terrors zum Schweigen zu bringen und die entsprechenden Persönlichkeiten
zu zerbrechen. Ähnlich wie Winston Smith „gesteht“ Haase
nach monatelanger Einzelhaft und tagtäglichen Vernehmungen aus Verzweiflung
letztendlich alles, was man von ihm hören will. Hierzu ein Satz
aus dem Geständnisprotokoll:
„
Ich sehe ein, daß es ein verwerflicher Charakterzug von mir war,
eigener, persönlicher Vorteile willen, über die DDR in hetzerischer
Art Unwahrheiten zu verbreiten.“
Dies erinnert deutlich an die durch Folter und Gehirnwäsche erpreßten
Geständnisse in den stalinistischen Schauprozessen sowie an die
in Anlehnung hieran geschilderten Dissidenten Jones, Aaronson and Rutherford
in Orwells Roman. Diese gestehen, ein Komplott mit dem eurasischen Feind
gegen den eigenen Staat geschmiedet zu haben, obwohl sie sich nachweislich
zum angegebenen Zeitpunkt ganz woanders aufgehalten haben.
 Der „Große Bruder“ in „1984“, das ist
trotz des allgegenwärtigen Porträts einer schnauzbärtigen
Person nicht ein leibhaftiger Mensch, sondern das durch Propaganda verbreitete
kollektive Denken. Winston Smith liebt den Großen Bruder erst auf
der letzten Seite des Romans und zwar dann, wenn sich sich bei der Ankündigung
des Sieges über die eurasische Armee seine Beine selbständig
machen und in „konvulsivischen Bewegungen“ mit der manipulierten
Masse auf dem Fernsehschirm mitmarschieren. Das individuelle, der Wahrheit
und der Liebe verpflichtete Denken hat abgedankt zugunsten des enthusiastischen
Mitbrüllens und Mitmarschierens mit der manipulierten Masse. Das
kollektive Denken ist die geistige Heimat des Menschen, egal ob es sich
mit humanistischen und christlichen Idealen vereinbaren läßt;
diese besänftigende Erkenntnis steht am Ende von Smiths langer ideologischer
Umerziehung.
In diesem uniformen Denken war Haase wie Winston Smith ein Webfehler
(a flaw in the pattern), der ausgemerzt werden mußte. Daß in
Haases Fall hierzu weniger drastische Mittel angewandt wurden als in
Orwells Roman ist dabei von untergeordneter Bedeutung.
Als eine geschichtliche Ironie erscheint mir die
Tatsache, daß Haase
wegen einiger relativ harmloser kritischer Äußerungen in der
ehemaligen DDR wegen „Staatsgefährdung“ ins Zuchthaus
mußte, während in Westdeutschland jemand, der die freiheitliche
Demokratie tatsächlich zugunsten eines „Rätesystems“ nach
DDR-Muster abschaffen wollte und dabei nachweislich auch enge Kontakte
zu aktiven Terroristen unterhielt, eine steile Karriere bis in die höchsten
Staatsämter machen konnte. Der Umstand, daß er in den veröffentlichten
Meinungsumfragen auch noch als der „beliebteste Politiker“ der
Republik gilt, läßt sich wohl nur durch grassierendes Orwellsches
Doppeldenk unter der Bevölkerung erklären.
Baldur Haase, Briefe, die ins Zuchthaus führten / Orwells 1984 und
die Stasi / DDR-Erinnerungen 1984-1961, 224 Seiten, JKL Publikationen, € 19,80 |
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