Inhalt Ausgabe 47 / Nov 03

Resolution des Personalrats des Studienseminars für Gymnasien in Frankfurt am Main

Die Schuldenfalle

 

 

 

Hans Stegerer

Briefe, die ins Zuchthaus führten
Eine Rezension des gleichnamigen Buches von Baldur Haase

In der Gesellschaft von Orwells „1984“ behauptet die allmächtige „Partei“, aller Fortschritt, sei er wissenschaftlicher oder sozialer Natur, wäre allein ihr zu verdanken. Winston Smith, der Protagonist des Romans, hat hieran seine Zweifel, weiß er doch schon aufgrund seiner Tätigkeit im Propagandaministerium (Ministry of Truth), wie in seinem Staat mit der Wahrheit umgegangen wird. So begibt er sich in das Arbeiterviertel (proles quarter), um sich bei einem Zeitzeugen Aufschluß über die Zeit vor der Revolution zu verschaffen. In einem Pub trifft er einen alten Mann, doch sind ihm dessen Erinnerungen wenig hilfreich weil zu subjektiv, verschwommen und thematisch ungeordnet.

Die untergegangene DDR wurde vor dem Mauerfall von linker Seite stets ideologisch verklärt und durchweg als das „bessere Deutschland“ hingestellt. Zahlreich waren die Bemühungen, sie politisch anzuerkennen, d.h. der endgültigen Teilung Deutschlands zuzustimmen. Als 1989 die Möglichkeit der Wiedervereinigung in greifbarer Nähe stand, hatten die meisten prominenten Vertreter der heute regierenden Parteien nichts anderes im Sinn, als diese mit allen ihren Mitteln zu verhindern. Heute herrscht in unserem Land eine Art DDR-Nostalgie, und man bekommt den Eindruck vermittelt, daß es so schlecht „drüben“ nun auch nicht gewesen sein konnte. Da wird der Film Good bye Lenin neunfach ausgezeichnet – u.a. mit dem Deutschen Filmpreis in Gold –, und in den Industrieruinen in Berlin-Oberschönweide soll auf einer Fläche von 10.000 Quadratmetern eine Mini-DDR als Erlebnispark wiedererstehen. Ostalgie ist „in“. Liebenswerte DDR!?

In diesem Zusammenhang erweisen sich Bücher wie das von Baldur Haase, Briefe, die ins Zuchthaus führten für diejenigen, die gleich Winston Smith jeglicher Propaganda skeptisch gegenüberstehen, als ungemein wertvoll. Haase ist ein Zeitzeuge, der ungleich dem in „1984“ geschilderten alten Mann im Pub ein sehr detailliertes Bild von der DDR in der Zeit von 1948-1961 zeichnen kann.
Und diese DDR war keine sozialistische Idylle, sondern ein totalitärer Staat, der mit der von Orwell in „1984“ geschilderten Gesellschaft die wesentlichen Strukturen gemein hatte. Allein der Besitz des Romans „1984“, den Haase im Alter von 19 Jahren von einem gleichaltrigen Brieffreund aus Duisburg zugeschickt bekam, reichte aus, um ihn wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus zu verurteilen. Dabei handelte es sich hierbei nicht einmal um einen Einzelfall, Haases spätere Recherchen ergaben, daß noch weitere DDR-Bürger wegen „1984“ hinter Gitter mußten.

Der Grund, weshalb die DDR-Machthaber Orwells Buch als „staatsgefährdend“ einstuften, liegt wohl darin, daß sie ihren totalitären Staat in ihm so ungeschminkt widergespiegelt fanden und sie deshalb Angst hatten, ihre Bürger könnten sich dessen genauso bewußt werden wie der Protagonist des Romans. Und genau dies geschieht mit Haase; er identifiziert sich mit dem Helden jedoch nicht nur aufgrund der Parallelen in den Lebensumständen, sondern auch weil er wie Smith – intelligent ist. Smiths Intelligenz besteht darin, daß er jahrelang einen „unaufhörlichen inneren Monolog“ führt und sich irgendwann einmal entschließt, ein Tagebuch zu führen, um Zeitzeuge für künftige Generationen zu sein. Haase tut es ihm gleich, vernichtet sein gut verstecktes Tagebuch jedoch bald nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus aus Angst, es könnte ihn irgendwann einmal bei der Staatssicherheit belasten. Das vorliegende Buch jedoch ist ein Zeitzeugnis ganz im Sinne von Winston Smith, der folgende Widmung in sein Tagebuch schreibt:

To the future and to the past, to a time when thought is free ...

From the age of solitude, from the age of Big Brother, from the age of doublethink – greetings.

„ Für eine Zeit, in der die Gedanken frei sind.“
In der DDR waren die Gedanken nicht frei und dies wird Haase zum Verhängnis. Er setzt sich als 19jähriger kritisch mit seiner Umwelt auseinander, schreibt seine Gedanken nieder, vertraut sie Freunden und Verwandten an und teilt sie seinem Brieffreund in Duisburg mit. Doch seine Briefe werden von der Staatssicherheit abgefangen und fotokopiert in seiner Akte abgelegt. Sein Schwager ist ein Spitzel und gibt Haases „unorthodoxe“ Gedanken der Stasi zu Protokoll.

Aus dem Zeitalter des Doppeldenk ...
Doublethink ist für Orwell die Fähigkeit, Widersprüchliches zu denken, ohne sich von der Widersprüchlichkeit des Gedachten stören zu lassen. Ein Beispiel hierfür ist, daß Haase für die Behauptung, „im Sozialismus herrsche keine freie Meinungsäußerung“ als Verbrecher verurteilt wird. Indem man ihn jedoch wegen dieser Äußerung verurteilt, gibt man ihm recht und straft sich selber Lügen; doch dank Doppeldenk bereitet das den Genossen Funktionären keine schlaflosen Nächte.

Aus dem Zeitalter der Einsamkeit ...
Haase wird eingesperrt, weil er nicht damit rechnete, daß sein eigener Schwager ihn denunzieren könnte. Doch selbst im Zuchthaus ist man vor Spitzeln nicht sicher, und es kommt vor, daß Häftlinge sich wegen unbedachter staatskritischer Äußerungen einige Haftjahre zusätzlich – ein sogenannter „Nachschlag“ – einholen. Nach seiner Haftentlassung hat Haase das Vertrauen in seine Mitmenschen verloren, er wird zum Einzelgänger, macht um jede Uniform einen weiten Bogen, erschrickt, wenn er unverhofft von jemanden auf der Straße angesprochen wird.

Aus dem Zeitalter des Großen Bruders
Man fragt sich, warum das Regime der DDR die Persönlichkeit eines intelligenten und schriftstellerisch begabten jungen Menschen nur wegen einiger kritischer Äußerungen und des Besitzes eines verpönten Buches brechen mußte. War er denn wirklich eine Gefahr für den Bestand des Staates? Er hat weder einen Umsturz geplant noch sich einer „konterrevolutionären“ Organisation angeschlossen, wie dies Winston Smith letztendlich tut. Doch die Wahrheit allein ist schon eine Gefahr für einen auf Lügen aufgebauten Staat, und deshalb ist es wohl auch unabdingbar, abweichendes Denken mit Mitteln des Terrors zum Schweigen zu bringen und die entsprechenden Persönlichkeiten zu zerbrechen. Ähnlich wie Winston Smith „gesteht“ Haase nach monatelanger Einzelhaft und tagtäglichen Vernehmungen aus Verzweiflung letztendlich alles, was man von ihm hören will. Hierzu ein Satz aus dem Geständnisprotokoll:
„ Ich sehe ein, daß es ein verwerflicher Charakterzug von mir war, eigener, persönlicher Vorteile willen, über die DDR in hetzerischer Art Unwahrheiten zu verbreiten.“
Dies erinnert deutlich an die durch Folter und Gehirnwäsche erpreßten Geständnisse in den stalinistischen Schauprozessen sowie an die in Anlehnung hieran geschilderten Dissidenten Jones, Aaronson and Rutherford in Orwells Roman. Diese gestehen, ein Komplott mit dem eurasischen Feind gegen den eigenen Staat geschmiedet zu haben, obwohl sie sich nachweislich zum angegebenen Zeitpunkt ganz woanders aufgehalten haben.

Der „Große Bruder“ in „1984“, das ist trotz des allgegenwärtigen Porträts einer schnauzbärtigen Person nicht ein leibhaftiger Mensch, sondern das durch Propaganda verbreitete kollektive Denken. Winston Smith liebt den Großen Bruder erst auf der letzten Seite des Romans und zwar dann, wenn sich sich bei der Ankündigung des Sieges über die eurasische Armee seine Beine selbständig machen und in „konvulsivischen Bewegungen“ mit der manipulierten Masse auf dem Fernsehschirm mitmarschieren. Das individuelle, der Wahrheit und der Liebe verpflichtete Denken hat abgedankt zugunsten des enthusiastischen Mitbrüllens und Mitmarschierens mit der manipulierten Masse. Das kollektive Denken ist die geistige Heimat des Menschen, egal ob es sich mit humanistischen und christlichen Idealen vereinbaren läßt; diese besänftigende Erkenntnis steht am Ende von Smiths langer ideologischer Umerziehung.
In diesem uniformen Denken war Haase wie Winston Smith ein Webfehler (a flaw in the pattern), der ausgemerzt werden mußte. Daß in Haases Fall hierzu weniger drastische Mittel angewandt wurden als in Orwells Roman ist dabei von untergeordneter Bedeutung.

Als eine geschichtliche Ironie erscheint mir die Tatsache, daß Haase wegen einiger relativ harmloser kritischer Äußerungen in der ehemaligen DDR wegen „Staatsgefährdung“ ins Zuchthaus mußte, während in Westdeutschland jemand, der die freiheitliche Demokratie tatsächlich zugunsten eines „Rätesystems“ nach DDR-Muster abschaffen wollte und dabei nachweislich auch enge Kontakte zu aktiven Terroristen unterhielt, eine steile Karriere bis in die höchsten Staatsämter machen konnte. Der Umstand, daß er in den veröffentlichten Meinungsumfragen auch noch als der „beliebteste Politiker“ der Republik gilt, läßt sich wohl nur durch grassierendes Orwellsches Doppeldenk unter der Bevölkerung erklären.

 

Baldur Haase, Briefe, die ins Zuchthaus führten / Orwells 1984 und die Stasi / DDR-Erinnerungen 1984-1961, 224 Seiten, JKL Publikationen, € 19,80

   

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