Inhalt Ausgabe 47 / Nov 03

Resolution des Personalrats des Studienseminars für Gymnasien in Frankfurt am Main

Die Schuldenfalle

 

 

 

Wolfgang Zerlik

Besondere Leistungen in freiwilligen AGs
W. Zerlik ist Musiklehrer an der Schillerschule und leitet dort das Orchester

In den erfolgreicheren Pisa-Ländern herrsche eine schulische „Leistungskultur“, die von Eltern und Lehrern getragen werde… ließ Bildungsministerin Bulmahn als ein Ergebnis der jüngsten Vergleichsstudie ihres Hauses zum Thema verlauten (siehe „Pisa: Was Deutschland von den Spitzenländern lernen kann“, DIE WELT, 5.7.2003). Man reibt sich verwundert die Augen: ist es heute schon eine hervorzuhebende Erkenntnis, daß hohe Schülerleistung allgemein voraussetzt, von Lehrern und Eltern gefordert und gefördert zu werden? Daß es indes eine deutlich höhere „schulische Leistungskultur“ auch hier zu Lande gab, verschwieg Frau Bulmahn, müßte sie doch erklären, warum und durch wen sie abhanden kam. Es ist noch keine 10 Jahre her, da faßten sozialdemokratische Bildungspolitiker das Wort „Leistung“, bildlich gesprochen, nur mit Fingerspitzen an, waren sie doch geprägt von linken Bildungsreformern, die „Leistung“ geradezu als bürgerliche Fehlentwicklung verdächtigten, der man den pädagogischen und schulpolitischen Garaus machen müsse. Ein Erinnerungssplitter aus jenen Tagen sitzt einem Frankfurter Musikkollegen aus der Schillerschule unter der Haut: noch heute verspüre er „Wut“ über den verantwortlichen Bildungsminister (wie hieß er noch mal? Ach ja, Holzapfel). Der Pisa-Teufel steckt, so möchte man dazu bemerken, im Detail.

Bis Mitte der 90er Jahre wurde die Teilnahme an freiwilligen Arbeitsgemeinschaften durch Formulierungen in Anlehnung an die für die Pflichtfächer geltende Notenskala in den Zeugnissen gewürdigt. Seitdem ist – bis heute gültig – durch Verordnung die Möglichkeit, ein Mitwirken auch durch „mit sehr gutem Erfolg teilgenommen“ festzuhalten, ausgeschlossen. Als Begründung für diese relativ unvermittelt erschienene Vorgabe sickerte lediglich durch, der Bereich des freiwilligen Engagements solle von Leistungsdruck und Konkurrenz freigehalten werden… Wozu dann die übriggebliebene Dreigliedrigkeit „teilgenommen“, „mit Erfolg teilgenommen“ und „mit gutem Erfolg teilgenommen“ ?

Das Ausbleiben der „sehr guten“ Würdigung verursachte an einer Schule mit umfangreichem AG-Angebot einiges an Irritation, vor allem auch in den musikalischen Ensembles, die, wie sicherlich an vielen anderen Schulen auch, hier einen großen Anteil bilden (z.Zt. wirken ca. 250 Schüler/innen in Chören, Orchestern, der Big Band und den zahlreichen anderen Spielkreisen der Schule mit). Bei Konzerten und musikalischen Umrahmungen von öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen wird das Gelingen maßgeblich garantiert durch die Leistungsbereitschaft besonders begabter Schüler/innen.
Das Beispiel einer Schülerin der Jahrgangsstufe12 kann vielleicht das Unbehagen über diese Regelung verdeutlichen: als Geigerin gewann sie den zweiten Preis im Bundesentscheid „Jugend musiziert“, ihr Engagement im Schulorchester hätte formal korrekt durch „mit gutem Erfolg teilgenommen“ beschrieben werden müssen…

Vorschläge, man könne durch gesonderte Bemerkungen Anerkennung zum Ausdruck bringen, erscheinen oft unzulänglich, da diese – vom Mehraufwand der Leitenden, Klassenlehrer/innen und Tutor/inn/en abgesehen- oft nicht im Einklang mit dem Zeugniseintrag stehen : „m.g.E.tg.“ einerseits, „mit weit über dem Durchschnitt liegendem Engagement, außerordentlich großem Erfolg usw.“ andererseits. Zudem scheitert eine angemessene Würdigung bei mehreren außerunterrichtlichen Aktivitäten an der Zeilenknappheit auf den Zeugnisbögen.
Der Schulelternbeirat wandte sich damals an die für diese neue Verordnung verantwortlichen Stellen in Wiesbaden. Die Auskünfte beschränkten sich auf Hinweise, daß „…der rechtliche Rahmen… verbindlich und abschließend festgelegt“ sei, daß „dies eher ein Problem des (Computer-) Programms zu sein scheint“, und eben dem der Möglichkeit zu gesonderten Bemerkungen.

Um klarzustellen: Bewertung darf in diesen freiwilligen Bereichen, in denen sich Schüler/innen sowohl mit den Inhalten der AG als auch mit der Schule identifizieren, keine Priorität besitzen – und sie spielte nach meinen Beobachtungen auch nur in ganz wenigen Fällen eine gewisse, zudem untergeordnete Rolle. Kein/e Schüler/in, der/die nach der alten Regelung „mit gutem Erfolg teilgenommen“ hatte, war neidisch oder gar demotiviert, wenn bei anderen herausragende Leistungen mit „sehr gut“ beschrieben wurden. Vielleicht konnte letzteren aber das Gefühl vermittelt werden: Engagement und die Annahme der Herausforderung, ein hohen Ziel zu erreichen (vielleicht sogar mit Freude!) haben sich gelohnt, in vielfacher Hinsicht!

Gerade in einer Zeit, in der außerhalb des Pflichtunterrichts liegende Aktivitäten an Bedeutung gewinnen (Profilbildung…), wäre ein Überdenken der immer noch geltenden Vorgabe, die „sehr guten Erfolg“ ausschließt, wünschenswert.

   

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