
| Inhalt Ausgabe 47 / Nov 03
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Michael Schmitt In die Schulen :
Ein Fürsprecher „Was haben die Franzosen aus dem Sturm auf die Bastille gemacht, einem - historisch genau betrachtet - bescheidenen, risikoarmen Ereignis?“, fragte Arnulf Baring am 17.6.2003 in der FAZ, um fortzufahren: „Und wir? Unser Land ist nicht so reich an eindrucksvollen Freiheitsbewegungen, daß es sich Vergeßlichkeit erlauben dürfte und leisten könnte... Der 17. Juni war und ist für immer ein Anlaß stillen deutschen Stolzes. Der Mut, die Entschlossenheit der Männer und Frauen unseres Volkes, die für die Ziele dieses Tages viele Jahre der Haft, ja in annähernd hundert Fällen ihr Leben hingegeben haben, müssen im Gedächtnis der Nation bewahrt werden. Denn wofür sie eintraten, bildet heute und in Zukunft die Grundlage unseres gemeinsamen, jetzt glücklich wiedervereinten Staates: Deutschlands Einheit in Freiheit, der Menschlichkeit verpflichtet, eine wirkliche Demokratie.“
haben ein Recht darauf, von ihren Eltern und Lehrern zu erfahren, wie hart die Freiheit, heute seine Meinung überall sagen zu können, erkämpft wurde. Es ist für sie wichtig, die bitteren Exempel jener Vorkämpferinnen und Vorkämpfer zu kennen, die in unserem Land zunächst vergeblich für eine Lebensqualität eintraten, welche wir als Nachgeborene bisweilen allzu selbstverständlich in Anspruch nehmen. Sowenig Wohlstand und Sicherheit sich von selbst verstehen (wir beginnen das heute zu begreifen), so klar muß sein, daß es konkrete Menschen waren, deren Arbeit und Engagement die Verhältnisse erst dahin brachten. Und ebenso klar sollten wir Lehrer und Eltern machen, daß die Freiheit unserer „westlichen“ Lebensweise von Menschen errungen wurde, die oft genug dafür mit Gefängnis und Tortur, wenn nicht mit dem Verlust ihres Lebens bezahlt haben, wie viele Freiheitsmarschierer des 17. Juni 1953. Ihre Namen und die Aktionen, für die sie verurteilt wurden, sollten erinnert werden. Abstrakte Geschichte wird in ihnen faßbar; Männer und Frauen, die glaubwürdig sind in den Augen junger Leute, müssen „konkret“ erinnert werden (Von Lenin stammt der Satz: „Die Wahrheit ist konkret.“ - Da sollten wir mal - bezüglich des 17. Juni - von ihm lernen!). Solches Erinnern nimmt der Wahrnehmung des Staates, in dem wir leben, die Verdrossenheit. Zum Beispiel Noch leben Zeitzeugen wie Hedwig Othma, die Witwe
eines Bitterfelder Streikführers, deren Hoffnung auf das bessere, richtige Leben unter
Panzerketten begraben wurde. „Ihr Mann, ein Elektromonteur, den
seine Kollegen mochten, der gut reden konnte und den sie deshalb auswählten,
ihre Forderungen vorzulesen, wurde wegen „Boykotthetze“ und
als „faschistischer Provokateur“ verhaftet. Er mußte
zu so einem zurechtgelogen werden, damit die SED ihre Welt wieder vom
Kopf auf die Füße stellen konnte. Othma hätte, als die
Russen kamen, fliehen können, wie die anderen vom Streik-Komitee.
Aber Othma blieb. Er habe sich ohne Schuld gefühlt, sagt seine Frau,
bis zum Schluß. Er war auch ohne Schuld, wurde trotzdem zu dreizehn
Jahren Zuchthaus verurteilt, und saß davon elf unter Bedingungen
ab, die denen der Nazis nur wenig nachstanden. Nach elf Jahren kam er
frei, als kranker, gebrochener Mann, er starb vier Jahre später.
Fast nebenher erzählt seine Witwe, was diese Jahre für sie
bedeuteten. Das Sparbuch, der Lohn und aller Besitz wurden beschlagnahmt.
Ihr Mann habe doch den Schaden bezahlen müssen, sagt Hedwig Othma,
der entstanden war, als Zehntausende streikten. Das Haus wurde ihr weggenommen,
da zogen andere ein... Der üble Fluch, mit Faschisten gemeinsame
Sache gemacht zu haben, hat im Kernland des institutionalisierten Antifaschismus
wesentlich dazu beigetragen, daß auch Nachgeborene so lange nicht
wagten nachzufragen, was denn wirklich geschehen war.“ (Regina
Mönch, Der Film im Koffer, FAZ, 16.6.03). Das aber ändert sich
heute, nach 50 Jahren, auf rasante Weise. Wer die Aufarbeitung des 17.
Juni im Osten verfolgt hat, muß geradezu von einem Paradigmenwechsel
der Wahrnehmung jener Ereignisse sprechen. Lehren, heute Die Kenntnis konkreter Beispiele trägt darüber hinaus zur
Identifikation mit dem eigenen, demokratischen Staat bei. Sie hilft jungen
Leuten zu verstehen, daß er - trotz seiner großen Schwächen,
etwa der scheinbaren Reformunfähigkeit - einen sehr realen Wert
darstellt. Für ihn riskierten Menschen viel - und in der DDR mußten
sie wider alle Hoffnung nach dem 17.Juni 1953 weitere 36 bleierne Jahre
auf ihn warten. Wo sollen Schüler diese Geschichte(n) erfahren,
wenn nicht in der öffentlichen Erinnerung eines solchen Tages?!
Eine andere Lehre betrifft die Geschichtsfälschung, die um diesen
Tag herum aufgebaut wurde. Es gilt, den bösen Zauber zu sehen, unter
den das Unrechts-System seine Opponenten zwang, jenen „üblen
Fluch“ der instrumentalisierten Geschichtsdeutung, unter dem beispielsweise
die Familie Othma ihr Leben fristen mußte. Und es wird überdeutlich,
daß die Gefährlichkeit der Propaganda, der Lügenideologie
eben nicht nur „rechts“ bei den Revanchisten, Neonazis und
Holocaustleugnern lauerte, wie uns eine linke Volkspädagogik seit
30 Jahren suggeriert. Die Agitation der extremen Linken war weit gefährlicher,
da sie es verstand, große Teile der „gebildeten Kreise“ zu
verführen.
Zum Schweigen gebracht Das System aber deutete in einer bizarren Fälschung den Aufstand
des Volkes gegen seine Unterdrücker um zu einer gigantischen Verschwörung,
organisiert von westdeutschen Faschisten“ im Verbund mit US- amerikanischen „Imperialisten“.
Das deutsche Trauma vom Nazi-Sündenfall ließ sich wirkungsvoll
als Wunderwaffe gegen die Stimme der Freiheit instrumentalisieren, -
da bedurfte es keiner Beweise für entsprechende Drahtzieher mehr,
denn solche Beweise fanden sich niemals, trotz intensiver Stasi-Einsätze
und polizeilicher Nachforschungen an den 701 Orten des Aufstandes). Geschichte neu erzählen Doch wie es scheint, sind das alles Rückzugsgefechte, seit die
Archive zugänglich sind. Und die alten Verschwörungstheorien
wollen nicht einmal alle PDS-Rentner noch glauben. Neu dagegen sind Kenntnis
und Auseinandersetzung mit deutschen „Freiheits-Tätern“,
die nicht länger vom ideologischen Konzept verfälscht werden.
Mehr noch: im Lichte des 9. November 1989 und des 17. Juni 1953 steht
eine Revision der Demokratiegeschichte dieses Landes bevor, das endlich
aus der angemaßten „Interpretationshoheit jener entlassen
ist, die immer (ein bißchen mehr) recht“ hatten und das sozialistische
Gesellschaftsziel mit wissenschaftlicher“ Gewißheit heraufziehen
sahen, einen Gipfel über den Sümpfen der bürgerlichen
Welt, für die sie nur Verachtung kannten. In den Arbeitern und Jugendlichen, den Männern und Frauen an den 701 Orten des spontanen Aufstandes erkennt sich das Volk selbst als Subjekt des Freiheitswillens, ohne daß Parteien, Professoren oder intellektuelle Moderatoren sich dabei als seine Vormünder gerierten. Das ist der einmalige Wert dieses Ereignisses. Wäre dies eventuell auch eine Erklärung dafür, daß heutige Meinungsmacher so desinteressiert wirken? Welches andere Symbol aber hätten wir, das in der jüngeren Geschichte so unverstellt zu den Nachgeborenen sprechen könnte? Und ist es nicht eine Frage des menschlichen Anstandes, all jene sozusagen zu „bergen“ aus der jahrzehntelangen Schmähung des Systems, die wider besseres Wissen mit den übelsten Naziverbrechern gleichgesetzt wurden, wo sie doch „nur“ für die Freiheit auf die Straße gegangen waren ?!
Es sollte einen Tag geben, einen einzigen Tag im Jahr, der an all diese Geschichten erinnert, weil wir ihnen mehr verdanken, als unser Pragmatismus sich eingesteht. Ein nationaler Feiertag am 17. Juni wäre ganz offensichtlich aussagekräftiger, als das derzeit aktuelle Datum des 3. Oktober (ein verwaltungsmäßiges Datum, das selbst keine Bilder besitzt) und er wäre geeigneter für die Feier der Freiheitsgeschichte, als der Tag des Mauerfalles selbst, der suggerieren könnte, wir (bzw. die „Ossis“) seien nun „angekommen“. Daß wir es noch nicht sind - es wäre nicht die schlechteste Lehre, die uns der Tag und seine damals scheinbar gescheiterten „Freiheitstäter“ erteilen können. |
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