
| Inhalt Ausgabe 47 / Nov 03
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Elke Philburn »New rules chaos« - die deutsche Rechtschreibreform in Großbritannien Die Verfasserin ist seit 1994 Fremdsprachenlektorin für Deutsch am Department of Languages der Manchester Metropolitan University. Der Beitrag handelt von dem Unverständnis, das seitens der angelsächsischen Deutschlehrer und Sprachwissenschaftler der deutschen „Rechtschreibreform“ entgegengebracht wird. Sie berichtet von dem Bärendienst, den die Rechtschreibkommission den Deutschlehrern im Ausland erwiesen hat. Das Interesse, deutsch als Fremdsprache zu lernen, ist dadurch noch weiter gesunken. Darüber hinaus werden Goethe-Institute geschlossen und Mittel zur Verbreitung der deutschen Sprache im Ausland eingespart. Der Artikel ist eine schriftliche Ausarbeitung eines Referats gehalten am 17.11.2002 zur Jahresversammlung des Vereins für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege VRS e. V. Gut sechs Jahre nach ihrer Einführung hat die sogenannte »neue Rechtschreibung« in den Schulen und akademischen Einrichtungen Großbritanniens wenig Popularität erlangt. Obwohl sich das Goethe-Institut hinter die Reformbeschlüsse stellte, indem es 1996 die baldige Einführung der neuen Regeln in seinen Deutschkursen ankündigte, ist das Interesse an den vermeintlichen Vereinfachungen durch die Reform und der Glaube an ihren pädagogischen Wert geschwunden.
Umstellung der Lehrbücher Der Einsatz der auf »neue Rechtschreibung« umgestellten Lehrbücher im Unterricht erfolgte mit Verzögerung und nicht ohne gelegentliche Hindernisse. Zunächst waren die umgestellten Lehrbücher nicht immer als solche gekennzeichnet. In den Buchhandlungen standen Lehrwerke deutscher Verlage in herkömmlicher Rechtschreibung neben den entsprechenden umgestellten Neuauflagen, was zur Folge hatte, daß Deutschlernende z. T. mit unterschiedlichen Büchern zum Unterricht erschienen. Etliche Nachschlagewerke und Lernhilfen britischer Verlage wurden bis heute nicht umgestellt, werden aber weiterhin von Schülern und Studenten benutzt. Dasselbe gilt für englischsprachige Bücher mit deutschen Textanteilen, deren Umstellung auf die „neue Rechtschreibung“ offenbar nie für nötig befunden wurde. Bei genauerer Betrachtung der umgestellten Lehrwerke für den Deutschunterricht stellt man fest, daß manche literarischen Texte weiterhin in herkömmlicher Orthographie gedruckt sind - ein Umstand, das aus rechtlichen Gründen unabänderlich sein mag, aus pädagogischer Sicht aber wenig sinnvoll erscheint. Selbst wo man sich die Mühe der Umstellung gemacht hatte, erfolgte diese oft nur unvollständig oder sogar fehlerhaft. Folgend ein Überblick über Abweichungen, die mir beim Benutzen von Lehrbüchern in ansonsten umgestellten Texten aufgefallen sind: Themen neu 2 Kursbuch:3 Durchweg „sogenannte“, „gutbezahlte“ (S. 108), „im übrigen“ (S. 117), „90jährig“ (S. 122), „tun mir leid“, „zusammen zu wohnen“ (S. 111), Komma vor „um zu“ (S. 146). Em Hauptkurs Kursbuch:4 „zur Zeit“ (S. 37), „potentiell“ (S. 68), „weitgehend“ (S.
106), „aufeinanderfolgend“ (S. 122). „auseinanderzuhalten“ (S. 42), „auseinanderzusetzen“ (S. 70), „kennenlernen“, „zur Zeit“, „zusammen gearbeitet“ (S. 89). Leselandschaft 1:6 „plattgetretene“ (S. 24), „der blaue Planet“ (S. 39), „selbstgemacht“ (S. 40), „hierzulande“(S. 77), „alleinerziehende“, „nichtehelichen“(S. 84), „phantasievoll“ (S. 107), „Greuel“ (S. 111), „auseinanderzusetzen“ (S. 112), „plaziert“ (S. 114), „Andersdenkende“ (S. 121). Diskussionen im Internet My own view about allowing a mixture of old and new systems in the same piece is that it is like a return to the sixteenth century, when writers and printers used variant spellings for the same words sometimes even in the same line of text! But on a more serious note, it could lead to misunderstandings, especially with Getrennt- / Zusammenschreibung since it would not always be clear which system was being followed at any given time. The same goes for punctuation. [Meiner Ansicht nach gleicht die Duldung der Mischung alter und neuer Schreibweisen im selben Text einem Rückschritt ins 16. Jahrhundert, als Autoren und Drucker Variantenschreibungen für ein und dasselbe Wort manchmal sogar in derselben Textzeile benutzten! Aber im Ernst, es könnte zu Mißverständnissen führen, insbesondere bei der Getrennt- und Zusammenschreibung, weil nicht immer klar wäre, welche Rechtschreibung gerade befolgt wird. Dasselbe gilt für die Zeichensetzung.] Die Antworten, die Yeandle von seinen Berufskollegen erhielt, ließen wenig Zweifel an der kritischen Haltung der Germanisten offen. Über die Forderung nach Kontinuität bei der Anwendung der neuen Regeln herrschte ebenso wenig Klarheit wie über praktische Fragen ihrer Einführung und Umsetzung. So schrieb Dr. Jeremy Leaman (Loughborough University), von einem „new rules chaos“,10 dem die Studenten in den Anfängerkursen begegneten. Professor Martin Durrell (University of Manchester) auf die Frage, ob es an deutschen Universitäten eindeutige Regelungen zur Anwendung der neuen Rechtschreibung gebe: „Same chaos as everywhere else, from what I heard on my last two visits (October and January)“11 [dasselbe Chaos wie überall, nach dem, was ich während meiner beiden letzten Besuche im Oktober und Januar gehört habe]. Ähnlich kritisch der Kommentar von Dr. Klaus Fischer (London Guildhall University):12 […] most of my colleagues
think (not surprisingly), that the reform is a nuisance. (The only
good reform seems to be no
reform or one that
happened a long time ago!) Eine ähnlich kritische Haltung zeigte sich in der Presse. Als die FAZ im Juli 2000 zur herkömmlichen Rechtschreibung zurückkehrte, gelangte das Thema nach längerer Pause wieder in die Schlagzeilen. So schrieb die Zeitung »The Guardian« in einem deutschsprachigen Artikel am 3. Oktober 2000:13 Deutschland ist ‘zweisprachig’. Oder eher ‘zwei-schreibig’ - wenn es dieses Wort gäbe. Denn seit die Kultusministerien vor etwa einem Jahr die neue Rechtschreibung eingeführt haben, geht es mit der Orthographie [Ortografie] oft drunter und drüber. Die Zeitung »The Independent« spöttelte:14 Instead of bringing a Teutonic sense of order to the language, the orthographic reform has only spelled chaos - Germans’ greatest enemy. [Anstatt teutonischen Ordnungssinn in die Sprache hineinzubringen, hat die Orthographiereform nur Chaos verursacht - den größten Feind der Deutschen.]
Ausblick Unabhängig von den Wirrnissen der Recht schreibreform ist in Großbritannien das Interesse am Erlernen der deutschen Sprache, wie an Fremdsprachen allgemein, bedauerlicherweise zurückgegangen. Schulen haben sinkende Zahlen an A-Level-Absolventen für das Fach Deutsch zu verzeichnen, und der Trend setzt sich an den Universitäten fort. Von deutscher Seite ist bislang wenig geschehen, um die Bedeutung der deutschen Sprache und Kultur in Großbritannien stärker zu fördern - im Gegenteil. Im Jahr 2001 wurde das Goethe-Institut Manchester in seiner bisherigen Form aufgelöst, um fortan mit nur noch zwei Angestellten als Ableger des Goethe-Instituts London zu fungieren. Diesem Schritt waren bereits die Schließungen des Goethe-Instituts York Ende 1999 und des Deutschen Konsulats Manchester im März 2000 vorausgegangen. Seit Jahren arbeiten Deutschlehrer und Dozenten daran, das Interesse für Fremdsprachen bereits bei den Schülern zu wecken und die Sprachstudiengänge an den Universitäten attraktiver zu gestalten. Die Rechtschreibreform hat leider nicht dazu beigetragen, das Image des Deutschen als einer schwierigen Sprache zu verbessern. Vielmehr zeigen sich Studierende gelegentlich besorgt, daß die Nicht-Beherrschung der »neuen Rechtschreibung« im Sprachstudium negative Folgen für sie haben könnte - eine geradezu kontraproduktive Wirkung in der gegenwärtigen Krise. Daß man am Ende der Übergangszeit den Beschlüssen der Kultusminister folgen und die neuen Schreibungen rigoros durchsetzen wird, halte ich für äußerst unwahrscheinlich, denn von der Herausbildung einer einheitlichen und damit lernbaren Rechtschreibung ist man in den deutschsprachigen Ländern noch weit entfernt. Wenn diese aber selber nicht mehr wissen, wie sie ihre Sprache richtig schreiben sollen - wie dann die Briten?
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