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Inhalt Ausgabe
47 / Nov 03
Vorwort
Die
Kunstklasse
Resolution
des Personalrats des Studienseminars für Gymnasien in Frankfurt
am Main
Die
Schuldenfalle
Auf
nach Florenz!
Newrules
Chaos
In
den Schulen: 17. Juni
In
Memoriam Wolfram Weinke
Besondere
Leitungen in freiwilligen AGs
Briefe,
die ins Zuchthaus führten
Was
hat der Mathematikunterricht mit Mathematik zu tun?
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Dieter Leuck
Auf nach Florenz!
Kursfahrtbericht Ziehenschule GkL 2002
Zunächst einige Ärgerlichkeiten:
- Der Teuro
Sind € 332 (= DM 664,-) + Verpflegung für eine Woche Toskana heute
noch vertretbar? Viele Eltern zögerten und zahlten erst nach telefonischem
Rundruf einen Tag vor ultimo. - Die Maut
Die italienischen Städte verlangen für Buseinfahrten neuerdings Aufenthaltssteuern;
z.B. Florenz € 155,- in bar und sofort! Zusätzlich zu den Parkgebühren.
- Die Straßen
Das italienische Straßennetz und sein Zustand sind schlecht. Nur die
Autobahnen sind mit den deutschen vergleichbar; kosten allerdings Mautgebühr.
- Die Unterkunft.
Schönes Bungalowdorf, aber ohne Hinterlegung von ca. € 300.- Kaution
kein Hausbezug.
- Stornierungsfälle
Ausfälle durch Krankheiten etc. führen zu größerem Schriftwechsel
mit den Versicherungen.
Meines Erachtens wird bei den jährlich steigenden Kosten und Gebühren
eine Klassenfahrt in das benachbarte Ausland bald nicht mehr bezahlbar
sein; und das zu einer Zeit, in der junge Europäer ihre Nachbarländer
als Binneneuropa kennenlernen sollen. Dennoch haben Klassenfahrten, zumal
Kurs- und Schulabschlußfahrten ihren Wert. Im Folgenden werden
vier Überlegungen vorgetragen, die für eine Fahrt nach Italien,
in die Toskana nach Florenz sprechen:
Wandererlasse fordern sie, die oberitalienische Stadt hat sie:
a) kulturelle,
b) historische,
c) urbane und
d) europäische Bezugspunkte .
a): Kultur
Es kann modernen jungen Menschen viel geben, wenn
sie einmal im Unterricht Gehörtes durch Anschauung sinnlich erfahren. Dazu gehören der
Dom zu Florenz, Santa Maria del Fiore mit der Kuppel von Filippo Brunelleschi über
dem gewaltigen, 106 Meter hohen Dominneren, dem Campanile des Giotto
und dem oktogonalen Baptisterium mit der Himmelspforte. Abgesehen von
den profunden kunstgeschichtlichen Erläuterungen unserer italienischen
Touristenführerin in Deutsch und den vielen Besonderheiten der Architektur,
die überall nachgelesen werden können, ging es mir hier um
etwas anderes. Die Schüler sollten beim Anblick dieses gewaltigen
Sakralbaus eine Ahnung von mittelalterlichen kulturellen Lebenswelten
empfangen. Was bewog den Gläubigen, auf oft unbefestigten Wegen
Tausende von Kilometern Pilgerreisen zu machen?
Nicht Rom allein war das Ziel christlichen Suchens.
Europa schuf sich mehrere Zentren, so führt im Westen der Jacobusweg nach Santiago
de Compostela in Spanien. Die Osteuropäer streben zur Schwarzen
Madonna in Tschenstochau in Polen, Franzosen und Belgier wallfahren nach
Nordwesten, nach Beziers und Caen in Nordfrankreich und viele deutsche
Pilger zieht es über Würzburg, Regensburg nach Altötting
ins Bayerisch oder über die Alpen via Mailand und Bologna nach eben
unserem Florenz. Und was suchte dort der gläubige Mensch? Die Himmelspforte
zum Paradies! So gestaltet um 1400 n. Chr. von den Gebrüdern L.
und V. Ghiberti.
Man stellte sich das Paradies als ein ewiges Verweilen bei Gott vor.
Und als einzig mögliches Material zur künstlerischen Ausgestaltung
der zehn Bilder auf dem zweiflügeligen Torportal dient Gold. Das
gilt auch für die mittelalterliche Malerei, bei der Ikonographie
bis heute; verliert sich der Goldhintergrund bei späteren Künstlern,
wird er z.B, durch Landschaften oder Himmelswolken ersetzt, dann ist
auch die Zeit des ungebrochenen Gottesglaubens und des Mittelalters eigentlich
vorbei.
Doch neben diesen Glanzlichtern religiösen Strebens erinnert auf
dem Rathausplatz zu Florenz ein ca. 1,20 m großes kreisrundes Kupferrondell
an Intoleranz und Machtstreben inquisitorischer Kirchenautoritäten.
Dort wurde der Mönch Girolamo Savonarola, der unter Berufung auf
sein Gewissen bestimmte Kirchenlehren bestritt, von Papst Alexander VI
exkommuniziert. Savonarola wurde als Häretiker und Schismatiker
gefoltert, gehängt und 13. Mai 1498 öffentlich auf der Piazza
de la Signoria verbrannt. –
b): Historie
Die Abkehr vom Mittelalter und die Erfindung eines
neuen Weltbildes sind untrennbar verbunden mit den Namen derer von
Medici. Sie haben hier
gelebt und gewirkt. Vom Palazzo Pitti dem späteren Wohnschloß über
dem Arnofluß zieht sich der Vasarelische Korridor über der
Ponte Vecchio am rechten Flußufer hin bis zu seinen Arbeitsgebäuden,
den Uffizien. Eine Brücke verbindet diese mit dem Rathaus, der Signoria.
So war es z.B. Lorenzo il Magnifico möglich, unbemerkt von Gegnern,
Verwirrten und anderen Opponenten zu den Stätten seines Wirkens
zu gelangen. Hier wurde die Renaissance erfunden.

Auch wir standen staunend auf der Piazza de la
Signoria. Vor dem Rathaus, dem Palazzo Vecchio mit dem ihn überragenden Turm im Medicistil,
drei überlebensgroße nackte Männerfiguren: der junge
David von Michelangelo, der Herkules von Bandinelli und der Neptunsbunnen
von Giambologna. Welch neues Lebensgefühl wird hier bis heute öffentlich
demonstriert! Auch in der Malerei, die Originale stehen und hängen
an den Bildgalerien der Uffizien, ich denke an Botticellis „Geburt
der Venus“, an „der Frühling“ und an Michelangelos
Männerproportionsstudien; überall steht der nackte, nicht mehr
bis an die Fußspitzen verhüllte Mensch im Mittelpunkt des
Interesses. Und das nur hier, mitten in Florenz, auf der Piazza della
Signoria vor dem Rathaus, dem Palazzo del Populo. Als soll es aller Welt
verkündet werden: hier atmet ein neuer Weltgeist.
Der Geist des Aufbruchs in die Moderne nahm von hier seinen Anfang. Der
zeitgenössische Umbruch des geozentrischen zum heliozentrischen
Weltbildes, die Erkenntnis der Kugelgestalt der Erde und ihre Verifizierung
durch die Großtat der Weltumseglungen durch Vasco da Gama und Christoph
Kolumbus mit der Entdeckung Amerikas seien nur angemerkt. Es gibt für
einen Lehrer nichts Schöneres, als den Schülern vor Ort diese
Zusammenschau sonst vereinzelt stehender Geschichtsfakten und -faktoren
nahezubringen. c): Urbanität Sicher gab es um 1500 größere Städte als Florenz, ganz
zu schweigen von den vielen heutigen Millionenmetropolen der Welt. Das
ist nicht gemeint, wenn der Begriff „urban“ fällt. Das
Wechselspiel von privatem und öffentlichem Leben, das sich abspielt
auf den vielen Piazze und das sich zurückzieht ins Private, ist
hier gemeint. Unter südlicher Sonne und Wärme unter einem schattenspendendem
Schirm sitzend, das pulsierende Leben fühlend und eine Tasse Cappuccino
schlürfend, das ist es, was zählt. Diese Lebensqualität
haben, wie ich mehrfach feststellen konnte, die Schüler/innen meines
Kurses einfach aufgenommen und genossen. Auch die Exkursionen nach Lucca
und Pisa rundeten den Eindruck intakten städtischen Lebens ab.
d): Europäisch
Da ist zunächst die europaeinheitliche Währung EURO hervorzuheben.
Mühsames, früher auch Gebühren abforderndes Geldumtauschen
entfällt. Ein echter Fortschritt!
Mit den Sprachen hapert es; hier muß noch geübt und gelernt
werden. Aber alle Gemeinden, auch unsere, Marina di Massa, verstehen
sich als Mitglieder Europas und hissen die blaue Europafahne mit dem
Sternenkreis. Das Leben in unserem Bungalowdorf hatte vielleicht nicht
den höchsten Erholungswert, aber die Nachbarschaft zu Belgiern,
Franzosen und einheimischer Jugend führte wenigstens in unserem
Haus zu lebhaftem Hin und Her. Als die italienische Gruppe vor uns
abreiste, schenkte sie uns nichtverbrauchte Lebensmittel. Wir verabschiedeten
sie mit einem herzlichen Ciao.
Empfehlenswert ist es, die Schüler/innen als Selbstversorger einkaufen
und kochen zu lassen. Den edlen Wettbewerb unter den Gruppen, wer am
besten kocht, gewannen die Jungen! Neben den gutschmeckenden Nudel-
und Reisgerichten der Mädchen haben die Jungen mit ihrem Kartoffelgericht
Gnocchi mit Sahnesoße an Knoblauchzehen den i-Punkt gesetzt.
Daß wir auch noch abends im Meer schwimmen konnten und uns auf
den Marmorblöcken aus Carrara, die als Molen ins Wasser gekippt
worden waren, ausruhen und bräunen konnten, und das in unmittelbarer
Nachbarschaft mit italienisch, spanisch, deutsch und sonstige Sprachen
Sprechenden, ist eben das Gefühl, endlich in Europa angekommen
zu sein.
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