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Inhalt Ausgabe
47 / Nov 03
Vorwort
Die
Kunstklasse
Resolution
des Personalrats des Studienseminars für Gymnasien in Frankfurt
am Main
Die
Schuldenfalle
Auf
nach Florenz!
Newrules
Chaos
In
den Schulen: 17. Juni
In
Memoriam Wolfram Weinke
Besondere
Leitungen in freiwilligen AGs
Briefe,
die ins Zuchthaus führten
Was
hat der Mathematikunterricht mit Mathematik zu tun?
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Michael Schmitt
„Die Kunstklasse“
Erweiterter Kunstunterricht an der Schillerschule
Die neue Stundentafel meint es nicht sonderlich
gut mit der musischen Bildung und bestätigt damit einen Trend, der sich unterschwellig über
die Jahre verstärkt hat: während die innerschulischen Erwartungen
an die musischen Fächer bezüglich repräsentativer, kultureller „Schulevents“ und
ihrer positiven Außenwirkung immer größer werden (wogegen
nichts zu sagen wäre, wenn die Bedingungen stimmten), erleben
diese gleichzeitig, daß ihr Stellenwert im Fächerkanon durch
Maßnahmen der Schulbehörde – z.B. in der angesprochenen
Stundentafel – abnimmt.
Drei Beispiele: zu Beginn meiner Lehrertätigkeit (1978) wurde ganz
selbstverständlich in den 5. und 6. Klassen neben Kunst und Musik
auch Werken unterrichtet: Töpfern, Holzarbeiten, Drucktechniken,
Bildhauern... nahmen die Kinder, die damals noch nicht von Non-Stop-Fernsehen
und virtuellen Computerwelten überflutet wurden, durchweg begeistert
auf. Das wäre heute sicherlich nicht anders, wenn es denn „Werken“ im
gymnasialen Fächerkanon noch gäbe. Kurze Zeit von einer ideologisch überfrachteten „Polytechnik/Arbeitslehre“ abgelöst,
existiert es jedoch nicht mehr. – Beispiel 2: In der Mittelstufe
gibt es zwar die Möglichkeit, das epochale Ausfallen des Kunstunterrichts
durch Wahlpflicht-Unterricht für Interessierte zu ersetzen (und
die Nachfrage ist mit nahezu einem Drittel regelmäßig sehr
groß), doch die Schulaufsicht läßt für Kunst keine
kleinen AGs, sondern nur große Gruppen in Klassenstärke zu.
Das bedeutet: an intensive „dreidimensionale Arbeiten“ mit
entsprechendem Material und Werkzeugen ist unter diesen Umständen
nicht zu denken. – Beispiel 3: In der Oberstufe wurde Kunst vom
Nebenfach zum „Nebenfach zweiter Klasse“ zurückgestuft.
Anders als beispielsweise Chemie wird Kunst in der Regel nur mehr in
zwei, statt der vormals drei Wochenstunden unterrichtet; gleichzeitig
sind die Erwartungen an Lerninhalte wie beispielsweise „Europäische
Kultur- und Kunstgeschichte“ enorm angestiegen. Es scheint an der
Zeit, den Stellenwert des Faches und die Konsequenzen für den Unterrichtsplan
neu zu bestimmen.
Wie wichtig ist beispielsweise der Werkunterricht für die Kinder
in Klasse 5 und 6? Hat er tatsächlich keine Relevanz – oder
stellt sich im Gegenteil nicht die Frage, ob er heute sogar notwendiger
wäre als je zuvor: angesichts einer immer konsumistischeren Lebenspraxis
der Schüler, ihrer zunehmenden haptischen und praktischen Unbeholfenheit
und der ungeheuren Vergeudung kindlicher Lebenszeit durch die medialen „Zeitfressermaschinen“?
Aktives, kreatives Tun gerade im Unterstufenunterricht wird auf eklatante
Weise unterbewertet.
Projekt: Museum
Dieser Hintergrund muß in Rechnung gestellt werden, um einen Schulversuch
der Schillerschule bewerten zu können, den ich im Folgenden vorstellen
will. Mit dem Projekt „Erweiterter Kunstunterricht in Klasse 5
und 6“ soll die durchaus privilegierte Lage der Schillerschule
(1) als Schule am Museumsufer (Haus-Logo) aufgegriffen und als realistisches
Kunst-Angebot vorgestellt werden (Schulprofil). In Zeiten der Schulprogramm-Diskussion
liegt es auf der Hand, daß eine Schule ihr Terrain sondiert und
die naheliegenden Chancen einer authentischen Profilbildung aufgreift.
Zum „Tag der offenen Tür 2002“ lag in Form eines Faltblattes
das Konzept für die Einführungsphase (2) vor : abgestimmt auf
den zweistündigen Regelunterricht-Kunst beinhaltete es pro Woche
zwei weitere Stunden Unterricht im Museum. Im Laufe der beiden Schuljahre
5 und 6 sollen acht Museen in unmittelbarer Nähe als außerschulische
Lernorte kennengelernt werden
Die Reaktion auf das kleine Faltblatt war immens: cirka
dreimal so viele Anmeldungen als ursprünglich erwartet kamen ins Haus. Statt 20 bis
30 Kinder wollten mehr als 70 in die „Kunstklasse“, so daß nach
den Sommerferien 2002 drei Fachkollegen eingesetzt wurden. – Es
bot sich an, mit dem Städel zu beginnen. In Absprache mit der Museumspädagogin
und der Heraeus-Stiftung am Städel war es möglich, ca. 4 Monate
lang Atelierräume des Museums zu nutzen, so daß Problematisierungs-
und Lernphasen in der Gemäldegalerie unmittelbar einmünden
konnten in malerische Praxisstunden im Atelier. (Ein Artikel in der letzten
Zeitschrift des Bundes Deutscher Kunsterzieher, BDK/Hessen, berichtete
darüber). In einer „Kunstklasse“ halfen bei jedem Termin
Eltern aus: eine Mutter oder ein Vater übernahm die Atelieraufsicht,
so daß der Kunstkollege einzelnen Kindern in der Galerie die Arbeitsschritte
erläutern konnte. Das heißt: während dieser ganzen Zeit
stellten Eltern zuverlässig eine Aufsichtsperson, was bei 25 Kindern
eine unverzichtbare Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit war
und im übrigen auf ein generelles Problem der Museumspädagogik
hinweist: die Gruppendisziplin. Krakeelen im
Museum ?
Da man nicht ohne weiteres von gutem Benehmen großer Gruppen in
der Öffentlichkeit ausgehen kann, wurde der angemessene Verhaltenskodex
im Museum mit den Kindern regelmäßig thematisiert: Höflichkeit
gegenüber dem Aufsichtspersonal wurde beispielsweise als Zauberschlüssel
und Türöffner vermittelt, der hilfreich ist, um sich frei bewegen
zu können; Stolz auf Selbständigkeit, der auf dem angewandten
Wissen gründet, wie man sich im Museum richtig bewegt (nicht rennen,
schreien, auf dem Boden liegend zeichnen ... oder wie man richtig den
Hocker trägt, damit man nicht in Bilder stößt); eigene
Erfolgskontrollen machen: an den (eventuell sogar freundlichen) Reaktionen
des Aufsichtspersonals beim nächsten Besuch ablesen, daß ich
= Schüler und meine Gruppe hier geschätzt bin, weil ich mich
professionell verhalte und deshalb jederzeit gerne wiederkommen kann...
Erstaunlicherweise begriffen die 10-jährigen sehr schnell, daß sich
ihnen, wo sie höflich waren, tatsächlich neue Freiräume öffneten:
sie gingen in Eigeninitiative manchmal nachmittags zu zweit oder zu dritt,
manche sogar alleine ins Museum, wenn eine Zwischenaufgabe noch fertigzustellen
war; einige überredeten einen Elternteil, sie zu begleiten – und
Eltern berichteten gelegentlich mit Verblüffung, wie frei die Kinder
diese Schwelle überschritten. Es gab Eltern, die nach eigener Aussage
noch nie zuvor im Städel waren und ihre Kinder als kleine Führer
erlebten...
Voraussetzungen...
Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf verschiedene
inhaltliche und methodische Aspekte in den drei Gruppen einzugehen, – doch
andere, nicht unwesentliche Aspekte seien hier noch angesprochen. Es
zeigte sich sehr schnell, daß die Kolleg/inn/en deutlich mehr Absprachen
tätigen mußten und auch mehr gegenseitige Unterstützung
suchten, als es im normalen Schulbetrieb bei uns üblich ist. Die
Herausforderung regelmäßiger Museumsexkursionen dieser Art
ist ungleich größer als die des stundenplanmäßigen
Klassenunterrichts nach Lehrplan. Dort, am Regelunterricht, müssen
die Kinder teilnehmen, hier aber sind sie freiwillig – und obendrein
(stundenplantechnisch begründet) in Randstunden während der
Mittagszeit, wenn ihre Klassenkameraden schon nachhause gegangen sind.
Die spontane Begeisterung für ein außergewöhnliches Angebot
wie die Museumsklasse und die Anmeldung dazu ist das eine, ein ganz anderes
aber ist die konsequente Wahrnehmung Woche für Woche, auf freiwilliger
Basis. Von Seiten der Kinder und Eltern ist also eine konsequente Entscheidung
erforderlich, von Seiten der Lehrer ein kindgemäßes, museumspädagogisches
Angebot, das überzeugt.
Auf der anderen Seite werden auch die Museen und ihr
museumspädagogischer
Dienst mit einem so gearteten Projektunterricht von Schulen nur in seltenen
Fällen (wenn überhaupt) konfrontiert. Sie verfügen zwar über
qualifiziertes Personal, das gezielte Angebote für Führungen
oder Kurse in diversen Altersstufen bereithält, doch dabei handelt
es sich jeweils um zeitlich sehr eingegrenzte Maßnahmen, angepaßt
an die Nachfrage. Nur eine Schule, die sozusagen nebenan liegt, kann überhaupt
daran denken, regelmäßig ins Museum zu gehen. Insofern überraschte
es nicht, daß auf der Seite der Museen manchmal Inflexibilitäten
angetroffen werden; es gibt große Ausstellungshäuser am Museumsufer,
die nicht einmal einen bescheidenen Arbeitsraum mit ein paar Tischen
und Stühlen für uns anbieten können, damit die Kinder
dort ihre Eindrücke aus der Sammlung bearbeiten. Die interessanten
Kursangebote der Museen sind selbstverständlich kostenpflichtig;
eine 25-köpfige Schülergruppe wird beispielsweise im Museum
für Angewandte Kunst von zwei Museumspädagogen in gut ausgestatteten
Werkräumen (etwa im Kurs „Drucktechniken und Buchgestaltung“)
für 125 € an zwei Tagen 2-3 Stunden betreut. Auch wenn es durchaus
zum Programm unserer „Museumsklassen“ gehörte, einen
solchen Kurs zu buchen, suchen wir Kunstlehrer/innen weiter mit den Häusern
nach neuen, einfachen Möglichkeiten einer längerfristigen (und
möglichst kostenfreien) Kunstpädagogik in den Museen; einerseits
bringen wir ja selbst die Lehrbefähigung mit und andererseits ist
es gerade der Lernort, der den Unterschied macht !
„ Fortsetzung folgt“
Noch haben wir im ersten Jahr nur
wenige Museen „bespielt“ (neben
dem Städel das Museum der Weltkulturen und das MAK), doch der Schulversuch
soll weiterlaufen, so daß die jetzigen drei Museumsklassen (vielleicht
etwas geschrumpft zu zwei Gruppen) mit der 6. Jahrgangsstufe ihre Erfahrungen
am Museumsufer komplettieren können, während sich in einer
neuen 5. Jahrgangsstufe die nächsten Museumsklassen bilden. Die
entsprechende Nachfrage ist bereits vorhanden.
Eventuell gelingt es auch im nächsten Schuljahr, ein zweites „Spielbein“ des
Erweiterten Kunstunterrichtes an der Schillerschule zu etablieren – wobei,
dieser Terminologie folgend (was nicht unpassend erscheint), der Regelunterricht
als das „Standbein“ der Kunstpädagogik zu bezeichnen
wäre... Im Entwurf sprechen wir von „Atelierklassen“,
womit kleinere Kunstgruppen gemeint sind, die nicht unbedingt aus Schülern
nur einer Jahrgangsstufe bestehen, die aber aufgrund der kleinen Zahl
Arbeiten realisieren können, die wegen aufwendiger Bedingungen im
Pflichtunterricht nicht möglich sind (z.B. dreidimensionales Gestalten
oder Drucktechniken usw.).
Zur Realisierung fehlt uns augenblicklich noch ein „Atelier“,
also ein einfacher Arbeitsraum, der auch gelegentlich arbeitsbedingte
Verschmutzungen erlaubt und, was noch wichtiger ist, ausreichende Lagermöglichkeiten
bietet.
Zur Begründung des „Erweiterten Kunstunterrichts an der Schillerschule“ schrieben
wir im Entwurf der Fachkonferenz vom Februar 2003 über die Museumsklassen
und Atelierklassen unter anderem, sie „können sich für
Schüler, die später gestalterische Berufe ergreifen wollen,
als äußerst sinnvoll erweisen, – zumal sie die (seit
1978) vorhandene Möglichkeit der Wahl von Kunst-Leistungskursen
im Hinblick auf ein erweitertes Kunstprofil „Schule am Museumsufer“ ergänzen.“ Daß neben den beruflichen Perspektiven die musischen Tätigkeiten
selbst eigentlich keiner Begründung bedürfen, weil nicht zuletzt
gerade sie den Menschen machen, kann man heute vielleicht nicht jedem
zumuten.
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