Inhalt Ausgabe 47 / Nov 03

Resolution des Personalrats des Studienseminars für Gymnasien in Frankfurt am Main

Die Schuldenfalle

 

 

 

Michael Schmitt

„Die Kunstklasse“
Erweiterter Kunstunterricht an der Schillerschule


Die neue Stundentafel meint es nicht sonderlich gut mit der musischen Bildung und bestätigt damit einen Trend, der sich unterschwellig über die Jahre verstärkt hat: während die innerschulischen Erwartungen an die musischen Fächer bezüglich repräsentativer, kultureller „Schulevents“ und ihrer positiven Außenwirkung immer größer werden (wogegen nichts zu sagen wäre, wenn die Bedingungen stimmten), erleben diese gleichzeitig, daß ihr Stellenwert im Fächerkanon durch Maßnahmen der Schulbehörde – z.B. in der angesprochenen Stundentafel – abnimmt.

Drei Beispiele: zu Beginn meiner Lehrertätigkeit (1978) wurde ganz selbstverständlich in den 5. und 6. Klassen neben Kunst und Musik auch Werken unterrichtet: Töpfern, Holzarbeiten, Drucktechniken, Bildhauern... nahmen die Kinder, die damals noch nicht von Non-Stop-Fernsehen und virtuellen Computerwelten überflutet wurden, durchweg begeistert auf. Das wäre heute sicherlich nicht anders, wenn es denn „Werken“ im gymnasialen Fächerkanon noch gäbe. Kurze Zeit von einer ideologisch überfrachteten „Polytechnik/Arbeitslehre“ abgelöst, existiert es jedoch nicht mehr. – Beispiel 2: In der Mittelstufe gibt es zwar die Möglichkeit, das epochale Ausfallen des Kunstunterrichts durch Wahlpflicht-Unterricht für Interessierte zu ersetzen (und die Nachfrage ist mit nahezu einem Drittel regelmäßig sehr groß), doch die Schulaufsicht läßt für Kunst keine kleinen AGs, sondern nur große Gruppen in Klassenstärke zu. Das bedeutet: an intensive „dreidimensionale Arbeiten“ mit entsprechendem Material und Werkzeugen ist unter diesen Umständen nicht zu denken. – Beispiel 3: In der Oberstufe wurde Kunst vom Nebenfach zum „Nebenfach zweiter Klasse“ zurückgestuft. Anders als beispielsweise Chemie wird Kunst in der Regel nur mehr in zwei, statt der vormals drei Wochenstunden unterrichtet; gleichzeitig sind die Erwartungen an Lerninhalte wie beispielsweise „Europäische Kultur- und Kunstgeschichte“ enorm angestiegen. Es scheint an der Zeit, den Stellenwert des Faches und die Konsequenzen für den Unterrichtsplan neu zu bestimmen.

Wie wichtig ist beispielsweise der Werkunterricht für die Kinder in Klasse 5 und 6? Hat er tatsächlich keine Relevanz – oder stellt sich im Gegenteil nicht die Frage, ob er heute sogar notwendiger wäre als je zuvor: angesichts einer immer konsumistischeren Lebenspraxis der Schüler, ihrer zunehmenden haptischen und praktischen Unbeholfenheit und der ungeheuren Vergeudung kindlicher Lebenszeit durch die medialen „Zeitfressermaschinen“? Aktives, kreatives Tun gerade im Unterstufenunterricht wird auf eklatante Weise unterbewertet.

Projekt: Museum
Dieser Hintergrund muß in Rechnung gestellt werden, um einen Schulversuch der Schillerschule bewerten zu können, den ich im Folgenden vorstellen will. Mit dem Projekt „Erweiterter Kunstunterricht in Klasse 5 und 6“ soll die durchaus privilegierte Lage der Schillerschule (1) als Schule am Museumsufer (Haus-Logo) aufgegriffen und als realistisches Kunst-Angebot vorgestellt werden (Schulprofil). In Zeiten der Schulprogramm-Diskussion liegt es auf der Hand, daß eine Schule ihr Terrain sondiert und die naheliegenden Chancen einer authentischen Profilbildung aufgreift. Zum „Tag der offenen Tür 2002“ lag in Form eines Faltblattes das Konzept für die Einführungsphase (2) vor : abgestimmt auf den zweistündigen Regelunterricht-Kunst beinhaltete es pro Woche zwei weitere Stunden Unterricht im Museum. Im Laufe der beiden Schuljahre 5 und 6 sollen acht Museen in unmittelbarer Nähe als außerschulische Lernorte kennengelernt werden

Die Reaktion auf das kleine Faltblatt war immens: cirka dreimal so viele Anmeldungen als ursprünglich erwartet kamen ins Haus. Statt 20 bis 30 Kinder wollten mehr als 70 in die „Kunstklasse“, so daß nach den Sommerferien 2002 drei Fachkollegen eingesetzt wurden. – Es bot sich an, mit dem Städel zu beginnen. In Absprache mit der Museumspädagogin und der Heraeus-Stiftung am Städel war es möglich, ca. 4 Monate lang Atelierräume des Museums zu nutzen, so daß Problematisierungs- und Lernphasen in der Gemäldegalerie unmittelbar einmünden konnten in malerische Praxisstunden im Atelier. (Ein Artikel in der letzten Zeitschrift des Bundes Deutscher Kunsterzieher, BDK/Hessen, berichtete darüber). In einer „Kunstklasse“ halfen bei jedem Termin Eltern aus: eine Mutter oder ein Vater übernahm die Atelieraufsicht, so daß der Kunstkollege einzelnen Kindern in der Galerie die Arbeitsschritte erläutern konnte. Das heißt: während dieser ganzen Zeit stellten Eltern zuverlässig eine Aufsichtsperson, was bei 25 Kindern eine unverzichtbare Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit war und im übrigen auf ein generelles Problem der Museumspädagogik hinweist: die Gruppendisziplin.

Krakeelen im Museum ?
Da man nicht ohne weiteres von gutem Benehmen großer Gruppen in der Öffentlichkeit ausgehen kann, wurde der angemessene Verhaltenskodex im Museum mit den Kindern regelmäßig thematisiert: Höflichkeit gegenüber dem Aufsichtspersonal wurde beispielsweise als Zauberschlüssel und Türöffner vermittelt, der hilfreich ist, um sich frei bewegen zu können; Stolz auf Selbständigkeit, der auf dem angewandten Wissen gründet, wie man sich im Museum richtig bewegt (nicht rennen, schreien, auf dem Boden liegend zeichnen ... oder wie man richtig den Hocker trägt, damit man nicht in Bilder stößt); eigene Erfolgskontrollen machen: an den (eventuell sogar freundlichen) Reaktionen des Aufsichtspersonals beim nächsten Besuch ablesen, daß ich = Schüler und meine Gruppe hier geschätzt bin, weil ich mich professionell verhalte und deshalb jederzeit gerne wiederkommen kann... Erstaunlicherweise begriffen die 10-jährigen sehr schnell, daß sich ihnen, wo sie höflich waren, tatsächlich neue Freiräume öffneten: sie gingen in Eigeninitiative manchmal nachmittags zu zweit oder zu dritt, manche sogar alleine ins Museum, wenn eine Zwischenaufgabe noch fertigzustellen war; einige überredeten einen Elternteil, sie zu begleiten – und Eltern berichteten gelegentlich mit Verblüffung, wie frei die Kinder diese Schwelle überschritten. Es gab Eltern, die nach eigener Aussage noch nie zuvor im Städel waren und ihre Kinder als kleine Führer erlebten...

Voraussetzungen...
Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf verschiedene inhaltliche und methodische Aspekte in den drei Gruppen einzugehen, – doch andere, nicht unwesentliche Aspekte seien hier noch angesprochen. Es zeigte sich sehr schnell, daß die Kolleg/inn/en deutlich mehr Absprachen tätigen mußten und auch mehr gegenseitige Unterstützung suchten, als es im normalen Schulbetrieb bei uns üblich ist. Die Herausforderung regelmäßiger Museumsexkursionen dieser Art ist ungleich größer als die des stundenplanmäßigen Klassenunterrichts nach Lehrplan. Dort, am Regelunterricht, müssen die Kinder teilnehmen, hier aber sind sie freiwillig – und obendrein (stundenplantechnisch begründet) in Randstunden während der Mittagszeit, wenn ihre Klassenkameraden schon nachhause gegangen sind. Die spontane Begeisterung für ein außergewöhnliches Angebot wie die Museumsklasse und die Anmeldung dazu ist das eine, ein ganz anderes aber ist die konsequente Wahrnehmung Woche für Woche, auf freiwilliger Basis. Von Seiten der Kinder und Eltern ist also eine konsequente Entscheidung erforderlich, von Seiten der Lehrer ein kindgemäßes, museumspädagogisches Angebot, das überzeugt.

Auf der anderen Seite werden auch die Museen und ihr museumspädagogischer Dienst mit einem so gearteten Projektunterricht von Schulen nur in seltenen Fällen (wenn überhaupt) konfrontiert. Sie verfügen zwar über qualifiziertes Personal, das gezielte Angebote für Führungen oder Kurse in diversen Altersstufen bereithält, doch dabei handelt es sich jeweils um zeitlich sehr eingegrenzte Maßnahmen, angepaßt an die Nachfrage. Nur eine Schule, die sozusagen nebenan liegt, kann überhaupt daran denken, regelmäßig ins Museum zu gehen. Insofern überraschte es nicht, daß auf der Seite der Museen manchmal Inflexibilitäten angetroffen werden; es gibt große Ausstellungshäuser am Museumsufer, die nicht einmal einen bescheidenen Arbeitsraum mit ein paar Tischen und Stühlen für uns anbieten können, damit die Kinder dort ihre Eindrücke aus der Sammlung bearbeiten. Die interessanten Kursangebote der Museen sind selbstverständlich kostenpflichtig; eine 25-köpfige Schülergruppe wird beispielsweise im Museum für Angewandte Kunst von zwei Museumspädagogen in gut ausgestatteten Werkräumen (etwa im Kurs „Drucktechniken und Buchgestaltung“) für 125 € an zwei Tagen 2-3 Stunden betreut. Auch wenn es durchaus zum Programm unserer „Museumsklassen“ gehörte, einen solchen Kurs zu buchen, suchen wir Kunstlehrer/innen weiter mit den Häusern nach neuen, einfachen Möglichkeiten einer längerfristigen (und möglichst kostenfreien) Kunstpädagogik in den Museen; einerseits bringen wir ja selbst die Lehrbefähigung mit und andererseits ist es gerade der Lernort, der den Unterschied macht !

„ Fortsetzung folgt“
Noch haben wir im ersten Jahr nur wenige Museen „bespielt“ (neben dem Städel das Museum der Weltkulturen und das MAK), doch der Schulversuch soll weiterlaufen, so daß die jetzigen drei Museumsklassen (vielleicht etwas geschrumpft zu zwei Gruppen) mit der 6. Jahrgangsstufe ihre Erfahrungen am Museumsufer komplettieren können, während sich in einer neuen 5. Jahrgangsstufe die nächsten Museumsklassen bilden. Die entsprechende Nachfrage ist bereits vorhanden.
Eventuell gelingt es auch im nächsten Schuljahr, ein zweites „Spielbein“ des Erweiterten Kunstunterrichtes an der Schillerschule zu etablieren – wobei, dieser Terminologie folgend (was nicht unpassend erscheint), der Regelunterricht als das „Standbein“ der Kunstpädagogik zu bezeichnen wäre... Im Entwurf sprechen wir von „Atelierklassen“, womit kleinere Kunstgruppen gemeint sind, die nicht unbedingt aus Schülern nur einer Jahrgangsstufe bestehen, die aber aufgrund der kleinen Zahl Arbeiten realisieren können, die wegen aufwendiger Bedingungen im Pflichtunterricht nicht möglich sind (z.B. dreidimensionales Gestalten oder Drucktechniken usw.).
Zur Realisierung fehlt uns augenblicklich noch ein „Atelier“, also ein einfacher Arbeitsraum, der auch gelegentlich arbeitsbedingte Verschmutzungen erlaubt und, was noch wichtiger ist, ausreichende Lagermöglichkeiten bietet.
Zur Begründung des „Erweiterten Kunstunterrichts an der Schillerschule“ schrieben wir im Entwurf der Fachkonferenz vom Februar 2003 über die Museumsklassen und Atelierklassen unter anderem, sie „können sich für Schüler, die später gestalterische Berufe ergreifen wollen, als äußerst sinnvoll erweisen, – zumal sie die (seit 1978) vorhandene Möglichkeit der Wahl von Kunst-Leistungskursen im Hinblick auf ein erweitertes Kunstprofil „Schule am Museumsufer“ ergänzen.“

Daß neben den beruflichen Perspektiven die musischen Tätigkeiten selbst eigentlich keiner Begründung bedürfen, weil nicht zuletzt gerade sie den Menschen machen, kann man heute vielleicht nicht jedem zumuten.

   

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