Inhalt Ausgabe 46 / Nov 02

 

 

 

Hans Stegerer

Erfurt – und kein Ende in Sicht

Die Tragödie von Erfurt am 26. April dieses Jahres mit ihrer traurigen Bilanz von 16 Toten - davon 13 Kollegen - zulasten des jugendlichen Amokschützen Robert Steinhäuser war für uns Lehrer ein grausamer Schock. Wir fragen uns: Wie lebensgefährlich ist unser Arbeitsplatz inzwischen geworden? Was kann man tun, damit solches sich nicht wiederholt?

Zu denken geben uns auch die Diskussionen, die nach dem Massenmord in der Öffentlichkeit geführt wurden. Das Mitgefühl für die ermordeten Kollegen hielt sich bei einigen Kommentatoren in engen Grenzen; Verständnis brachte man eher noch für den Täter auf: Wie schlimm muß ein System – mit uns Lehrern als tragende Säulen – wohl sein, wenn als „letzter Ausweg“ nur noch ein verzweifelter Amoklauf offen steht?

Viele Schüler waren von den Ereignissen vom 11. September in New York City weit mehr betroffen als von der Bluttat in Erfurt, obwohl diese aus Gründen des gemeinsamen Umfelds sie eigentlich viel mehr hätte berühren müssen. Einige Schüler, so wurde mir berichtet, sollen sogar ihrer Phantasie freien Lauf gelassen und sich an die Stelle des Täters versetzt haben. So schwelgten sie in der Vorstellung, Kollegen in ihrer eigenen Schule „aufs Korn“ zu nehmen.

Und dabei ist Erfurt nur der spektakulärste einer ganzen Reihe von Vorfällen.

November 1999: Ein 15-jähriger Schüler mit einer Maske über dem Kopf stürmt kurz nach Unterrichtsbeginn ein Klassenzimmer am Meißner Franziskaneum-Gymnasium und tötet mit zwei Messern und insgesamt 21 Stichen seine 44-jährige Lehrerin. Der Jugendliche wurde im Mai 2000 wegen „heimtückischen Mordes“ zu sieben Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

November 1999: Drei Schüler einer Hauptschule im niederbayerischen Meppen werden Ende November 1999 in ihrem Klassenzimmer festgenommen. Sie planten die „Hinrichtung“ zweier Lehrerinnen. Dabei hatte das Trio einen Amoklauf durch die Schule verabredet. Nach dem Blutbad wollten die Jugendlichen ihrem Plan zufolge die Schule in die Luft sprengen und mit Geiseln in ihrer Gewalt die Flucht antreten. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei bei einem der Jugendlichen einen Revolver. Der 15-jährige Haupttäter wurde zu einer 22-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

März 2000: Ein 16-jähriger Schüler schießt offenbar aus Rache für einen Schulverweis den Leiter des Internats im oberbayerischen Brannenburg nieder. Anschließend versucht er, sich selbst durch Schüsse in den Kopf zu töten. Der Lehrer starb sechs Tage später, der Jugendliche liegt seitdem im Koma. Er hatte für das Attentat zwei Waffen und 100 Schuß Munition aus dem Arsenal seines Vaters entwendet. Wegen unerlaubten Waffenbesitzes wird der Vater später zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Februar 2002: Ein mit einem Messer bewaffneter 17-jähriger bringt insgesamt 13 seiner ehemaligen Mitschüler einer Hauptschule im Jüchener Ortsteil Hochneukirch fast vier Stunden in seine Gewalt, bis ein Sondereinsatzkommando die Geiselnahme unblutig beendet. Der Schüler war ein Jahr zuvor wegen ständigen Ärgers mit Lehrern und Schulleitung der Schule verwiesen worden. Mit seiner Geiselnahme wollte er die Wiederaufnahme in die Schule erzwingen.

Februar 2002: Ein 22-jähriger Amokläufer tötet am 19. Februar zunächst in einer Dekorationsfirma im bayerischen Eching zwei frühere Kollegen. Anschließend erschießt er in einer Berufsschule im Nachbarort Freising den Schuldirektor und verletzt einen anderen Lehrer mit einem Schuß ins Gesicht schwer. Schließlich richtete sichder Amokläufer selbst. Als Motiv vermutete die Polizei Rache. Adam L. war aus der Dekorationsfirma entlassen worden. Die Wirtschaftsschule hatte er mehrere Jahre besucht, bevor er durch die Abschlußprüfung fiel.

März 2002: Ein 16-jähriger Berufsschüler schießt am 12. März in München mit einer Gaspistole auf seine Lehrerin und verletzt diese leicht. Zuvor hatte er seine dritte Abmahnung erhalten und war von der Schule verwiesen worden.

Bei den genannten Fällen handelt es sich lediglich um deutsche Straftaten innerhalb der letzten zweieinhalb Jahren. Die Liste amerikanischer Vorfälle ist um Einiges länger, die Bilanz weitaus bedrückender. Sie könnte uns einen Ausblick auf unsere nahe Zukunft geben.

Weniger spektakuläre Fälle lehrerfeindlichen Verhaltens

Weniger publikumswirksam, doch keineswegs harmlos, sind die vielen unerfreulichen und bisweilen sogar bedrohlichen Szenen, die sich innerhalb des Klassenzimmers oder auf dem Weg zur und von der Schule abspielen. Vorfälle, in denen Lehrer drangsaliert, beleidigt oder sexuell belästigt werden, gelangen selten ans Licht der Öffentlichkeit, schon deshalb nicht, weil Kollegen nur ungern eingestehen wollen, ihre Klasse, ihre Schüler „nicht im Griff“ zu haben. Darüber hinaus ist von einer öffentlichen Meinung, die Lehrer immer mehr für „faule Säcke“ mit üppigem Verdienst und viel Freizeit ansehen, ohnehin nicht viel Sympathie zu erwarten. Diese Einstellung haben nicht zuletzt die Ereignisse in Erfurt erneut gezeigt.

Durch das Verschweigen bzw. Vertuschen unschöner Vorfälle in und außerhalb des Unterrichts haben die Kollegen den Eindruck, es handele sich bei ihren Vorfällen um persönliches Versagen bzw. um zufällige unglückliche Umstände. Eine größer angelegte Studie zur Frage „Gewalt gegen Lehrer“ belegt jedoch auf bedrückende Art und Weise, daß es sich hierbei keineswegs nur um bedauerliche Einzelfälle, sondern um ein allgemeines Phänomen handelt mit der Aussicht, daß – wenn nicht bald etwas Entscheidendes geschieht – die Schule über kurz oder lang gänzlich aus dem Ruder zu laufen droht.


Der Student Dirk Varbelow vom Fachbereich Sozialwesen an der Gesamthochschule Kassel (GhK) hat unter Betreuung seines Lehrers, dem GhK-Psychologen Ewald Rumpf, eine bundesweite Fragebogenaktion durchgeführt und neue Erkenntnisse über die Gewalt von Schülern an Lehrern gesammelt. 2286 Lehrer (1338 Lehrerinnen und 948 Lehrer aus allen Schulen mit Ausnahme der Grundschule) füllten seinen Fragebogen aus. Die Ergebnisse, vorab veröffentlicht in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen, sind beunruhigend.

Die Frage, ob Schüler vorsätzlich den Unterricht stören, bejahten:
96,7 Prozent der Lehrer aus Sonderschulen
84,2 Prozent aus Hauptschulen
87,7 Prozent aus Realschulen
85,8 Prozent aus integrierten Gesamt- schulen
79,1 Prozent aus kooperativen Gesamt- schulen
86,0 Prozent aus Gymnasien.

Die Frage, ob ein Lehrer bereits seinen Unterricht abbrechen mußte, weil er gegen die Schülerschaft nicht mehr ankam, bejahten:
- 47,7 Prozent aus Sonderschulen
- 21,7 Prozent aus Hauptschulen
- 24,0 Prozent aus Realschulen
- 16,1 Prozent aus integrierten Gesamt- schulen
- 11,3 Prozent aus kooperativen Gesamt- schulen
- 3,5 Prozent aus Gymnasien.

Die Frage, ob Lehrern nach Schulschluß von Schülern aus Gründen der Belästigung aufgelauert wird, bejahten:
- 14,0 Prozent aus Sonderschulen
- 14,9 Prozent aus Hauptschulen
- 20,4 Prozent aus Realschulen
- 19,6 Prozent aus integrierten Gesamt schulen
- 8,8 Prozent aus kooperativen Gesamt schulen:
- 3,8 Prozent aus Gymnasien.

Auf die Frage nach sexuellen Belästigungen seitens pubertierender Jungen bestätigten 8,5 Prozent der Lehrerinnen verbale sexuelle Angriffe (gegenüber 11,6 Prozent der Männer), 16,7 Prozent der Frauen (7,7 Prozent Männer) leichte sexuelle Angriffe wie Berührungen. Sexuelle Belästigungen wie Begrapschen und Bedrängen bejahten 8,1 Prozent der Lehrerinnen (4,6 Prozent Männer).

Autoritätsfeindliche Ideologie

Eines haben all diese Vorfälle gemein: es ist der mangelnde Respekt vor den Lehrern und der Institution Schule. Dieses Phänomen stellte sich aber nicht zufällig ein, so daß heute niemand dafür verantwortlich zu machen wäre, sondern es ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen ideologisch motivierten Schwächung unseres öffentlichen Bildungssystems.
Während meines Studiums an der Frankfurter Universität in den frühen 70er Jahren war ich geschockt, mit welcher Respektlosigkeit linke Studenten mit ihren Professoren und der Institution Universität umgingen. Vorlesungen ideologisch nicht genehmer Professoren wurden massiv gestört, Seminare gesprengt, Streiks auch gegen den Willen der Mehrheit der Studenten durchgesetzt. Vorbild bei all diesen Aktionen war nicht zuletzt Mao Tse-tungs „große sozialistische Kulturrevolution“ von 1966, deren millionenfache Opfer in erster Linie Intellektuelle, Hüter der Tradition, Lehrer und Familienvorstände waren. Lehrer und Professoren wurden in jener Zeit aus Klassenzimmern und Hörsälen geholt und öffentlich gedemütigt. Man setzte ihnen Ketzerhüte auf und stellte sie zum Verhöhnt- und Angespucktwerden auf Lastwagenflächen. Man zwang sie, ihre Werke zu vernichten und verfrachtete sie in eigens für sie eingerichtete Arbeitslager. Dieser großangelegte Angriff auf Geist, Kultur und Tradition inspirierte die 68er ungemein und sie fühlten sich als Nachfolger der „Kulturrevolutionäre“.
Als sich der Einfluß der 68er später immer mehr in den öffentlichen Ämtern bemerkbar machte, ließ man kein gutes Haar mehr am traditionellen Erscheinungsbild unserer Bildungsstätten wie Schule und Universität. Zahllose Lehrstühle für Pädagogik wurden zwecks Reform des Bildungswesens eingerichtet; an der Freien Universität Berlin gab es bald mehr Pädagogikprofessoren als in ganz Europa zusammengenommen. Diese Professoren waren im Gegensatz zu ihren großen Vorläufern wie Pestalozzi, Herbart oder Fröbel nur theoretisch tätig, das heißt, sie stützten sich in ihrer Forschung überwiegend auf Literatur und nur am Rande auf eigene Erziehungs- und Unterrichtspraxis. Zu ihrer Legitimität als Hochschullehrer blieb ihnen deshalb nur die Kritik an bestehenden Bildungseinrichtungen. Für die Lehrerstudenten bedeutete dies, daß sie von Anfang an mit einer negativen Einstellung zu ihrem künftigen Beruf konfrontiert wurden. In den pädagogischen Seminaren mußte man sich erst einmal „psychoanalytisch“ bewußt werden, was die Schule einem selbst Böses angetan hatte, bevor man geläuterten Geistes in die Praxis entlassen wurde.
Genoß zu meiner Schulzeit die Institution Schule noch eine von Eltern und Schülern in der Regel unwidersprochene Autorität, so wurde diese im Laufe der Jahre durch „Mitbestimmung“ und Einspruchsmöglichkeiten ständig weiter ausgehöhlt. Jeder der „Schulgemeinde“ sollte das Gefühl haben, er könne grundsätzlich Veränderungen herbeiführen und Entscheidungen rückgängig machen. Daß dies bei Nichtgelingen zu einem Ressentiment gegen die Schule führt, ist logisch. Schließlich hatte der einzelne Kollege seine pädagogischen Entscheidungen zugunsten Leistung und Disziplin immer mehr allein zu tragen, vor allem dann, wenn es zu Einsprüchen und Klagen von Eltern und Schülern kam. Verlassen von der Politik, belächelt von der Öffentlichkeit, mit wenig Rückhalt seitens Schulamt und Schulleitung sieht er sich inzwischen mit einer pädagogischen Wirklichkeit konfrontiert, die ihn mehr und mehr überfordert und die – wie wir anhand der Statistiken gesehen haben – zum lebensbedrohenden Risikofaktor geworden ist. Ein Ausweg kann nur in einer Besinnung auf unsere überlieferten Werte in Hinsicht auf Unterordnung in eine Gemeinschaft und Leistungsbereitschaft sowie in einer Stärkung der Institution Schule seitens des Staates liegen. Nur so können wir auch den Anschluß an das internationale Bildungsniveau wiederfinden.
Es mag Kollegen geben, die sagen, an den Frankfurter Gymnasien sei es noch lange nicht so weit, und es komme immer auf des einzelnen Kollegen Unterricht an, womit sie auch in gewissem Sinne recht haben. Dennoch ist es Augenwischerei, die Augen vor den Erfahrungen der Kollegen andernorts zu verschließen und zu glauben, man selbst werde auf Dauer davon verschont bleiben. Es ist inzwischen höchste Zeit, daß die Ideologie des ungezügelten Individualismus endlich dort landet, wo sie hingehört: auf den Müllhaufen der Geschichte.

   

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