Inhalt Ausgabe 45 / März 02

Vorwort

Das Projekt Sinus

Elternbrief

Auch Jeide und Stillmunke werden die Rechtschreibreform nicht retten

Leben wie Gott in Frankreich

Resolution der Frankfurter Studienseminare I. und II

Aktuelles aus dem Gesamtpersonalrat

Zulange schon die falschen Reformkonzepte - G8-Schule

Von Kinkerlitzchen und Fisimatenten

Die Neue im Staatlichen Schulamt

Förderung der Schulpartnerschaften

 

 

 

CHRISTOPH HARTMANN

Das Projekt Sinus

Hessische Qualitätsoffensive für die inhaltliche und methodische Weiterentwicklung des Unterrichts in Mathematik und Naturwissenschaften

Qualitätsoffensive: Medien statt Inhalte ?
Derzeit wird man von Qualitätsoffensiven in Schule und Ausbildung fast erschlagen. So verkauft die Schuldezernentin der Stadt Frankfurt, Jutta Ebeling, den „Informationstechnologie-Plan“ der Stadt Frankfurt, welcher in den nächsten fünf Jahren 60 Millionen Mark für die bessere Ausstattung, Wartung und Vernetzung von Computern in Schulen ausgeben will als wichtigen Beitrag für eine Qualitätsoffensive in der Ausbildung mit der Begründung, „Frankfurts Schüler erhielten optimale Startchancen, da die Integration der neuen Medien in alle Formen des Unterrichts ermöglicht werde“. Nach den Fachinhalten und -methoden, den Fachlehrern, die alte und neue Unterrichtsinhalte, z.B. in Mathematik und Naturwissenschaften unterrichten sollen, wird gar nicht erst gefragt (Der „Computerführerschein“ reicht ja). Ob an Stelle der kostspieligen totalen Vernetzung aller Räume einer Schule nicht besser ein kompletter Medienraum eingerichtet und die naturwissenschaftlichen Sammlungen und Fachräume modernisiert werden sollten, wird ebenfalls nicht gefragt. Die unterrichtlichen, personellen und technischen Defizite sollen offenbar mit einem bürokratischen Verfahren erledigt werden.

„Bevor sie ausgerüstet werden, verlangt Ebeling von den Schulen ein detailliertes Konzept, wie die Computer im Unterricht eingesetzt werden sollen. Ebenso selbstverständlich sei es, daß nur solche Schulen die Ausrüstung erhielten, in denen mindestens die Hälfte der Lehrer einen PC-Führerschein haben, also Kenntnisse über den Umgang mit Computern nachweisen können“. (FAZ, 3.11.2001)

Damit werden all die Schulen diskriminiert, die aus eigener Kraft ein IT-Angebot im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich auf die Beine gestellt haben, genügend qualifizierte Lehrer jedoch nicht besitzen. Im übrigen ist mit dem Internetzugang und der Zahl des PC’s noch nichts über die Unterrichtsqualität ausgesagt. Überlegungen zur inhaltlichen und methodischen Seite haben gerade erst begonnen.


Das Projekt SINUS als Reaktion auf TIMMS
=>Nach dem mittelmäßigen Abschneiden deutscher Schüler bei den Leistungen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, das mit den TIMM-Studien festgestellt wurde, hatte die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) eine Expertise in Auftrag gegeben, in der sich Pädagogen und Fachdidaktiker mit der gegenwärtigen Situation des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts auseinandergesetzt und konkrete Vorschläge zu einer Verbesserung der derzeitigen Situation gemacht haben. Sie kann in elf Punkten zusammengefaßt werden (vgl. N. Clobes und M. Stamme / Gesamthochschule Kassel, FB 19, Didaktik der Chemie) :

1) Weiterentwicklung der Aufgabenkultur im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht => Mehr Aufgaben mit unterschiedlichen Lösungswegen !

2) Naturwissenschaftliches Arbeiten Vom Experiment zur Erkenntnis !

3) Aus Fehlern lernen => Keine Nachteile für die Schüler durch Fehler !

4) Sicherung von Basiswissen => Verständnisvolles Lernen soll auf verschiedenen kognitiven Niveaus möglich sein !

5) Zuwachs von Kompetenz erfahrbar machen => Durch die Verknüpfung vergangener mit neuen Lehrinhalten soll der Lernzuwachs als Erfolg spürbar sein!

6) Fächergrenzen erfahrbar machen => Fächerübergreifendes und fächerverbindendes Lernen soll durch horizontale Vernetzung von Inhalten möglich sein !

7) Förderung von Mädchen und Jungen => Förderung der Mädchen durch Eingehen auf ihre Interessen !

8) Weiterwicklung von Aufgaben, die die Kooperation von Schülern begünstigen

9) Verantwortung für das eigene Lernen stärken => Schüler sollen eigenständige Lösungen erarbeiten !

10) Prüfen : Erfassen und Rückmelden von Kompetenzzuwachs
=> Tests sollen nicht nur aus Reproduktionsaufgaben bestehen !

11) Qualitätssicherung in der Schule und Entwicklung schuleigener Standards - => Vergleichsarbeiten auf der Basis schuleigener Lehrpläne !

Inwieweit dabei Kollegen mitgewirkt haben, die über jahrelange Unterrichtserfahrung verfügen, war nicht zu erfahren. Jedenfalls bedürfen diese Vorschläge der Ergänzung und Erweiterung aus praktischer Erfahrung .

Die gesamte Expertise kann z.B. unter der Adresse www.ipn.uni-kiel.de/projekte/ blk_ prog/gutacht/gut_in.htm angeschaut werden. Sie war die Grundlage für den Beschluß der BLK zu Beginn des Schuljahres 1989/99 ein viereinhalbjähriges Modellversuchsprogramm mit dem Titel „Steigerung der Effizienz des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Unterrichts“ (abgekürzt SINUS) ins Leben zu rufen, an dem sich fast alle Bundesländer, unter ihnen auch das Land Hessen, beteiligen. Mit Beginn des Jahres 2001/2002 startet das Land Hessen eine sogenannte „ Qualitätsoffensive “. Im Rahmen des Projekts SINUS werden von Mitarbeitern des Help gemeinsam mit Lehrkräften von Modellversuchsschulen in Kooperation mit dem Zentrum für Mathematik e.V. ein Angebot an die Fachkollegien Mathematik, Biologie, Chemie und Physik aller hessischen Schulen mit Sek I schulbezogene Fortbildungsangebote für die Weiterentwicklung des Unterrichts in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern gemacht. Nachzulesen im Internet unter Adresse http://www.darmstadt. gmd.de/schulen/zm/ fortbildung /sinusblk/sinusblk_main.htm.


Ergänzungen aus der Schulpraxis zu den 11 Moduln der BLK
Die von TIMMS festgestellten Defizite wurden in den letzten Jahren von einem abnehmendem Interesse an Mathematik und Naturwissenschaften begleitet. Vielfach kommen Physik- oder Chemie Leistungskurse nicht zu Stande, der Zulauf zu Mathematik-Leistungskursen hat auch nachgelassen. Sogar Informatik-Kurse schrumpfen, wohingegen noch vor Jahren bei schlechterer Technik zwei Parallelkurse pro Jahrgang nicht ausreichten. Wie Schüler unumwunden zugeben, liegt das daran, daß man sich in den Naturwissenschaften inklusive der Informatik wesentlich mehr anstrengen muß, um Substantielles zu verstehen als in anderen Fächern. Zu sehr haben die Schüler das Konsumverhalten unserer Gesellschaft adaptiert, um sich noch der geistigen Anforderung dieser Fächer zu stellen, zumal die Jagd nach billigen Punkten oder Noten für viele im Vordergrund steht.

Der Unterhaltungswert der Spiele auf dem eigenen Rechner oder des Surfens im Internet wird natürlich vom Unterricht in der Schule nicht erreicht. In diesem Zusammenhang ist die Anwendung fertiger Software im WPU-Bereich in Informatik äußerst kontraproduktiv, eigenständiges Arbeiten (z.B. Programme schreiben) sollte den Vorzug haben. Um die Schüler wieder an die geistige Auseinandersetzung mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Inhalten heranzuführen, sollte wieder mehr Raum für AG‘s gegeben werden. In AG‘s können sich Schüler ohne Leistungsdruck und, auch das sollte einmal gesagt werden dürfen, ohne ignorante Mitschüler mit den sie interessierenden Themen beschäftigen dürfen. In den neuen schulformbezogenen Lehrplänen für die Sek I ist ein fakultativer Aspekt im Regelunterricht bereits eingebaut. Hier könnte das Interesse an besonderen Themen und damit an AG‘s wiederbelebt werden.

   

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