
| Inhalt Ausgabe 44 / Juni 01
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Horst Haider Munske Neue Rechtschreibwörterbücher im Irrgarten der Rechtschreibreform Beendet der neue Duden die Rechtschreibdebatte oder facht er sie erst richtig an? Was bietet das Rechtschreibwörterbuch des Reformkritikers Theodor Ickler? Wie soll man selber schreiben und publizieren in diesem Rechtschreibchaos? Zum 1. August 2000 hat die FAZ die Konsequenz gezogen aus den praktischen Erfahrungen mit der neuen Rechtschreibung. Sie ist zur alten Einheitsorthographie zurückgekehrt. Diese Entscheidung wurde von einer überwältigenden Zustimmung der Leser bestätigt. Offenbar wirkt die Rechtschreibpraxis in den Zeitungen abschreckend. Sprachsensible Leser - und das sind die treuen Kunden der Printmedien - stolpern bei der Lektüre und sind in ihrem Sprachgefühl verletzt. Das bestätigt die Kritik der Fachleute und der wichtigsten Anwender, der Schriftsteller und Wissenschaftler, der Journalisten und Lehrer. Der neue Duden gibt Anlaß zu fragen, ob von dem renommierten und erfahrenen Verlag deutscher Wörterbücher und anderer Sprachwerke eine Lösung im Konflikt um die Rechtschreibung zu erwarten ist. Er wirbt mit vergrößertem Umfang (jetzt 1152 Seiten, vorige Auflage von 1996: 900 Seiten), mit schönerem Layout und mit 5000 neu aufgenommenen Wörtern. Die Redaktion mag sich freuen, daß darüber debattiert wird, ob downloaden „EDV-Daten in einen Computer ... herunterladen“ oder Push-up-BH „ein üppiges Dekolleté formender BH“ oder auch Bimbes, der od. das (landschaftlich für Geld) in ein Wörterbuch unserer Standardsprache gehören. Das ist eine harmlose Sachdebatte, bei der der Duden immer gewinnt. Denn er schöpft sein Material aus dem Sprachgebrauch. Dies aber ist nicht das eigentlich Neue in der „völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage“. Die Werbelyrik des Vorworts deutet es an: „Ziel der vorliegenden 22. Auflage des Rechtschreib-Dudens ist es, die neue Rechtschreibung im Licht der seit ihrer Einführung vorliegenden Erfahrungen so übersichtlich und verständlich aufzubereiten, dass sie in der alltäglichen Schreibpraxis von jedermann so einfach wie möglich angewendet werden kann.“ Welches sind diese Erfahrungen? Ist es der Widerstand fast aller deutschsprachigen Schriftsteller, die darauf bestehen, daß ihre Werke in der bisherigen Rechtschreibung gedruckt werden? Oder ist es der Protest von über 600 Sprach- und Literaturwissenschaftlern, die zu gründlicher Korrektur auffordern? Hat der Volksentscheid in Schleswig-Holstein zum Umdenken geführt oder die eigene Einsicht in Mängel des neuen Regelwerks? Hierzu schweigt die Duden-Redaktion und überläßt es dem Leser, zu finden, was neu ist. Ich nenne zwei Hauptpunkte. Überraschenderweise wird die sogenannte „alte Schreibung“, die der Reform-Duden von 1996 völlig getilgt hatte, durchgängig wieder angegeben. Allerdings nicht lemmatisiert [„mit einem Stichwort versehen”; Anm.d. Red.], sondern nur im Nachtrag zur rot gedruckten Reformschreibung. Auch auf die „alte Trennung” (Silbentrennung) wird jetzt verwiesen. „Alte Schreibung“ und „alte Trennung“ - das sind die häufigst gebrauchten Ausdrücke des neuen Dudens, geschätzt acht- bis zehntausendmal. Wer empfindlich ist, fühlt sich penetrant didaktisiert: laß ab von der alten, überholten Schreibung! Immerhin: der Duden schließt sich nun der Praxis anderer Rechtschreibwörterbücher, zum Beispiel des Bertelsmann an. Dort aber ist taktvoller von „bisheriger Schreibung“ die Rede, diese wird lemmatisiert und die neue nur durch einen roten Pfeil angekündigt. Bei den Trennstellen der Silbentrennung folgt der Duden völlig dem Rechtschreibwörterbuch von Bertelsmann: die tollen neuen Trennmöglichkeiten wie in vol-lenden, E-ckensteher und Frust-ration sind jetzt rot markiert. Darf man die Rückkehr zur doppelten Schreibinformation als (heimliche) Einsicht werten? Das bleibt offen. Zumindest wird jetzt der Wirklichkeit konkurrierender Normen Rechnung getragen. Zugleich wappnet sich die Duden-Redaktion aber schlau für den Größten Aller Unfälle, das Scheitern dieser sogenannten Reform. Denn ansonsten bleibt der Rechtschreib-Duden natürlich ein bewährtes Allzweckwörterbuch mit knappen Angaben zu Aussprache und Herkunft, zu Bedeutung und grammatischer Verwendung des deutschen Wortschatzes. Nur eben die Rechtschreibung ist die wunde Stelle. Der Kernpunkt der Neuerung liegt jedoch woanders: in der Revision der Schreibung gegenüber der letzten Auflage vor vier Jahren, und zwar in vielen hunderten von Fällen. Vor allem bei den umstrittenen vermehrten Getrenntschreibungen, die ja dem Sprachwandel und aller Sprachintuition völlig zuwiderlaufen, wird die bisherige Schreibung häufig wieder hergestellt oder wenigstens als Variante zugelassen. Nun gibt es sie wieder, die Adjektive schwerbehindert und hartgesotten, hochbegabt, weitgehend, wohltemperiert und vielversprechend, auch die Verben wiedersehen und wiedervereinigen (ein lexikographischer Beitrag zur deutschen Einheit) - anderes aber, und zwar das meiste, bleibt „reformiert“. Wir erfahren nicht, wo die Einsicht der Duden-Redaktion im einzelnen fortgeschritten ist; dazu muß man die Rotschreibungen in beiden Auflagen vergleichen. Zahllose dieser Neuerungen widersprechen eindeutig den Reformregeln. Trotzdem fühlt sich die Duden-Redaktion, wie alle Interviews zeigen, auf der sicheren Seite. Das war früher anders, als sie wegen 40 geänderter Wörter eine ganze Auflage eingestampft hat. Jetzt hat sie die Unterstützung der Zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission, mit der in zahlreichen vertraulichen Arbeitssitzungen der gemeinsame Korrektur-Fahrplan abgesprochen wurde. Die Kommission selbst hat die Richtung bestimmt und schließlich genehmigt, was sie vorgeschlagen hat. Ein Ergebnis dieser Revision steht schon jetzt fest: alle früheren Auflagen reformierter Wörterbücher sind in zahllosen Details überholt. Dies wäre wohl zu begrüßen, wenn diese Revision der Reformschreibung die vielen Widersinnigkeiten und überflüssigen Neuerungen beseitigt hätte. Aber leider kann davon nicht die Rede sein. Lassen wir das noch einmal Revue passieren: Natürlich bleibt die veränderte s-Schreibung von Ausschusssitzung bis Verschlusssache. Heute wissen wir, welche Verwirrung diese Neuerung bei Schülern erzeugt hat. Wir ahnen, daß ein fakultativer Ersatz aller ß durch ss (Schweizer Schreibung) die bessere Lösung gewesen wäre. Grotesk ist nach wie vor der Umstand, daß die Reformer in der Kommission nicht verstehen wollen, wozu die Silbentrennung eigentlich dient: das flüssige Lesen trotz Zeilensprung zu ermöglichen. Die Durchführung erledigen heute Rechtschreibprogramme, die auch vielen Schülern auf ihrem Laptop zugänglich sind. Die Einführung tausender neuer Trennstellen für den armen Schreiber sind völlig überflüssig. Hier erkennt man, wie fixiert die Kommission auf die Perspektive des Schreibers ist. Als wüßten sie nicht, daß die ganze Differenziertheit unserer Orthographie vor allem der eindeutigen und schnellen Sinnerfassung des Lesers dient. Der größte Pferdefuß in dieser Scheinreform ist nach wie vor die vermehrte Getrenntschreibung. Die Duden-Redakteure haben sich redlich bemüht, das Darstellungschaos in den amtlichen Regeln zu entflechten und in zwanzig Kennziffern (K 47 bis K 66) nachvollziehbar darzustellen. Doch das macht die Willkür dieser Reform nur noch sichtbarer. Und schließlich die Großschreibung: Im ersten Band des Harry-Potter-Romans, Seite 57, steht viermal „tut mir Leid“, obwohl leid hier nur Adverb und nicht großgeschriebenes Substantiv sein kann. Kinder lernen aus solchen häufigen Fällen und schreiben dann: „Es tut mir Weh“, „tut dir das Gut?“ Genug. Der neue Duden ist ein Zwitter: Er korrigiert (mit amtlichem Augenzudrücken) einige Unmöglichkeiten der „Reform” und macht damit alle bisherigen Reformwörterbücher unbrauchbar; andererseits beharrt er auf den allermeisten Mängeln der neuen Rechtschreibung und versucht sie mit diesem Wörterbuch durchzusetzen. Der neue Duden ist eine Interimstation auf dem Weg zur völligen Rückkehr zur alten oder zu einer gründlichen Überarbeitung der neuen Rechtschreibung. Einen Ausweg aus diesem Dilemma verspricht „Das neue Rechtschreibwörterbuch. Sinnvoll schreiben, trennen, Zeichen setzen” (Leibniz Verlag, St. Goar). Sein Verfasser ist der schärfste Kritiker der Rechtschreibreform, der Erlanger Sprachwissenschaftler Theodor Ickler. Aber man darf sich wundern: nicht der gewandte Polemiker führt hier das Wort, sondern der sorgfältige Philologe. Ickler will keinen Ersatz für den Duden als aktuelles, vielseitiges Sprachwörterbuch liefern, er beschränkt sich auf die reine Rechtschreibung, wie es schon Konrad Duden vor 120 Jahren tat und wie es in vielen Sprachen bis heute üblich ist. Deshalb kommt er mit 60000 Einträgen auf 447 Seiten aus. Hier findet man schnell eine Antwort auf alle Rechtschreibfragen. Ist der Ickler nun bloß die abgespeckte Fassung eines älteren Duden? Keineswegs. Zwei Punkte geben diesem Rechtschreibwörterbuch ein eigenes Gepräge: der Rückgriff auf den wirklichen Sprachgebrauch und die Offenheit bei sprachbedingten Grenzfällen. Der Verfasser hat große Mengen von Zeitungstexten auf CD-Rom durchgeforstet und gefunden, daß der Sprachusus keineswegs immer mit dem Duden konform war. Das gilt zum Beispiel für die Großschreibung zahlreicher fester Ausdrücke wie Neues Jahr, Schneller Brüter, Neuer Markt, Grüner Punkt, wie auch für die komplizierte Getrennt- und Zusammenschreibung. Den Widersinn von Auto fahren hier und radfahren dort haben die Textverfasser einfach nicht mitgemacht. Natürlich, so legt Ickler dar, ist auch Radfahren richtig, aber auch autofahren. Es gibt in diesem Übergangsbereich von der Wortgruppe zum Kompositum Fälle, die der Sprachgebrauch eindeutig entschieden hat, wie zum Beispiel das Wörtchen sogenannt mit seiner distanzierenden Bedeutung („die sogenannte Rechtschreibreform“), die übrigens bereits seit dem 18. Jahrhundert in vielen europäischen Sprachen geläufig ist. Andererseits legt Ickler dar, daß zum Beispiel die zahlreichen Verbindungen von Adjektiv plus Verb nicht alle normierbar sind: man kann jemanden kaltstellen und schreibt es zusammen, weil hier eine übertragene Bedeutung vorliegt und man kann die Suppe kalt stellen, weil kalt und stellen wörtlich gebraucht sind. Andererseits zeigt aber der Sprachgebrauch die Tendenz zur Zusammenschreibung in vielen Fällen, wo die Betonung (wie bei Zusammensetzungen üblich) auf das erste Glied rückt: zum Beispiel jemanden ernstnehmen, jemanden gefangennehmen, jemanden totschlagen. So kann man auch die Suppe kaltstellen. Eben weil dies ganze Feld im alten Duden im Grunde überreguliert war, und oft in willkürlicher und widersprüchlicher Weise, ist nur ein Teil im wirklichen Schreibgebrauch akzeptiert worden. Ickler verzichtet deshalb auf eine Festlegung in allen Fällen, die aus grammatischer Sicht und aus der Intuition der Sprachbenutzer unterschiedlich zu deuten sind. Eine Entscheidungshilfe findet der Leser in der Einleitung, wo die „Hauptregeln der deutschen Orthographie“ gut verständlich dargestellt sind. Bei Bedarf genauer Festlegung, zum Beispiel in Rechtschreibsoftware, können die alten Duden-Regeln angewandt werden. Sie sind auch in Icklers Sinne immer eine richtige Variante. Im übrigen findet man in Icklers Rechtschreibwörterbuch natürlich alles bewahrt, was bis 1998 galt: die alte s-Schreibung, die einfache Silbentrennung, behende und schneuzen, im übrigen, des öfteren etc. Wer die bewährte Rechtschreibung weiter verwenden möchte, ohne sich auf alle Quisquilien [“Kleinigkeiten”; Anm.d.Red.] früherer Duden-Ausgaben einzulassen, findet in diesem Rechtschreibwörterbuch guten Rat. Ickler hat im übrigen die neue Orthographieforschung und die Argumente der Rechtschreibdebatte in seiner Regeldarstellung sinnvoll verarbeitet. So ist sein Wörterbuch - verglichen mit dem Duden von 1991 - ein echtes Reformwerk - allerdings eines, das keiner bürokratischen Durchsetzung auf dem Verordnungswege bedarf. Ickler hat den Weg zu einer sanften Reform gewiesen, die fast nichts kostet und dennoch vieles verbessert. Wie ist die Rechtschreiblage im Herbst 2000 zu bewerten? Wie soll sich der einzelne im Schriftverkehr verhalten? Zunächst ein indirektes Ergebnis, das die zwischenstaatliche Rechtschreibkommission betrifft. Sie ist seit April 1997 tätig. Ihre Mitglieder sind ausschließlich Mitverfasser der Reformorthographie oder deren Verfechter. Schon deshalb kann von ihnen keine Revision erwartet werden. Darum hat sie sich auch willig der Forderung der deutschen Kultusminister gefügt, bis zum Jahre 2005 keine Regeländerungen zu empfehlen. Auf schleichendem Weg versucht sie nun - über die Kooperation mit den Wörterbuchverlagen - etliche Unmöglichkeiten loszuwerden, teils durch Varianten teils durch sogenannte bessere Interpretationen des Regelwerks. Von Anfang an hatten wirtschaftliche Interessen bei der Durchsetzung der neuen Rechtschreibung eine große Rolle gespielt. Dies Bündnis wird jetzt fortgesetzt. Da die Hauptmängel der neuen Rechtschreibung unverändert erhalten blieben, bietet der neue Duden keinen Ausweg. Immerhin kann man ihn jetzt, dank der Wiederaufnahme der bisherigen Schreibung, auch gegen den Strich benutzen. Nach dem Motto: alles Rotgedruckte ist falsch! Man vermeide die roten Giftpilze im Duden! Wer einen Schritt weitergehen will, kann sich von Anfang an oder zusätzlich an Icklers Rechtschreibwörterbuch orientieren. Denn die Einheit deutscher Orthographie ist nur im Rückgriff auf die Schrifttradition wiederherzustellen. Das hatte schon Konrad Duden erkannt, als er von eigenen Reformentwürfen Abstand nahm und zu der seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert allgemein üblichen Rechtschreibung zurückkehrte. Dies ist auch heute kein Konservativismus, sondern eine Entscheidung, die den Bedingungen schriftlicher Kommunikation entspricht. Denn diese ist auf Kontinuität der Schriftnormen angewiesen. Selbst gegen Änderungen, die man als Kleinigkeiten bewerten muß, erhebt sich vielstimmiger Widerspruch. Das haben auch die Planer einer sehr vorsichtigen Rechtschreibreform in Frankreich erleben müssen. Der Widerstand der Sprachbenutzer erklärt sich auch daraus, daß Orthographie als Symbol für Sprache gilt. So wird die Identifikation mit der Muttersprache auf die Rechtschreibung übertragen. Und schließlich wehren sich Bürger, daß in diesem hochsensiblen Bereich die Politik mit Verordnungen zu regieren versucht und der Auseinandersetzung mit dem Bürger aus dem Wege geht. Auch zu der jüngsten, durch die Entscheidung der FAZ entfachten Debatte hat man unsere Kultusminister nur laut schweigen hören. Gibt es für sie und für die irritierte Sprachgemeinschaft einen Ausweg? Ich denke ja. 90 Prozent aller Änderungsfälle betreffen die neue s-Schreibung. Obwohl auch sie nicht zu didaktischen Erfolgen geführt hat, berührt sie doch am wenigsten die inhaltliche Leistung der Orthographie. Man kann sie als einziges aus dieser Reform beibehalten. Noch einfacher ist eine Weiterführung nach Schweizer Vorbild (alle ß zu ss), zumindest fakultativ. Das ist schon heute eine zulässige Alternative im internationalen Schriftverkehr. Jeder einzelne kann mit seiner Entscheidung einen Beitrag zur Beendigung des Rechtschreibchaos leisten.
Horst Haider Munske ist Professor für Germanische
und Deutsche Sprachwissenschaft und Mundartkunde an der Universität
Erlangen-Nürnberg. |
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