Inhalt Ausgabe 43 / Okt. 00

Vorwort

Täter suchen Opfer, keine Gegner

Erdkundewettbewerb der Klassen 7 bis 10

Chance, Herausforderung und Verantwortung

Karin Wolff über die Zukunft der Schule

Lehrer schaffen nix und Referendare noch viel weniger

Schildbürgerstreiche der Rechtschreibreform

Vier Jahre Personalratsbeirat - ein Rückblick

In Zukunft fünf Abiturfächer? - Déjà vu!

Ist die Grundschule verlässlich?

Informatik statt informationstechnischer Hysterie

25 Jahre Friedrich-Dessauer-Gymnasium

 

Walter Kern

25 Jahre Friedrich-Dessauer-Gymnasium – Rückblick und Ausblick

Walter Kern ist seit 1994 Schulleiter des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums, das am 2. Februar 2000 seinen 25. Geburtstag in einem großen Rahmen feierte.

Im Kreis der Frankfurter Gymnasien ist das Friedrich-Dessauer-Gymnasium, ebenso wie die beiden anderen Oberstufenschulen dieser Stadt, zu den „jungen” Schulen zu zählen – gleichwohl sind die 25 Jahre pädagogischer Arbeit, die am „FDG” Anfang Februar diesen Jahres vollendet wurden, Anlass genug, Rückschau zu halten, eine Bilanz zu ziehen und Perspektiven für die Zukunft zu reflektieren.
Der Blick zurück ist nötig, denn vieles, was diese Schule und das Selbstverständnis vieler der in ihr Arbeitenden heute noch prägt, ist nur aus ihrer Geschichte, genauer gesagt: aus der Geschichte ihrer Gründung heraus zu verstehen.
Als in den frühen 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Gebäude des traditionsreichen „Bundes für Volksbildung” abgerissen wurde und der damalige Frankfurter Oberbürgermeister Rudi Arndt auf diesem Gelände den Grundstein für ein Bildungs- und Kulturzentrum (BIKUZ) für den Frankfurter Westen legte, geschah dies unter dem inhaltlich massiven und lautstarken Protest weiter Kreise der „Bildungsszene” dieses Stadtteils. Das Konzept beinhaltete die gemeinsame Unterbringung von Volkshochschule, Stadtteilbücherei, Bürgerhaus und Oberstufengymnasium unter einem Dach (und letztlich unter der Verwaltung der städtischen Saalbau GmbH) – eine Konstruktion, die Gästen gegenüber auch heute noch erläuterungsbedürftig ist.
Was sollte dies für die Schullandschaft in Höchst bedeuten? Der damalige Schuldezernent, Prof. Rhein, stellte das Konzept erbosten Eltern, Lehrern und misstrauischen Schülern vor: die Helene-Lange-Schule und die Leibnizschule, beides traditionsreiche Höchster Gymnasien, mussten ihre jeweiligen Oberstufen abgeben, die nun – koedukativ! – in der „Gymnasialen Oberstufenschule im Bildungs- und Kulturzentrum” zusammengefügt wurden. Angesichts dieses technokratischen Namens klang die Bezeichnung „das Bikuz”, das die Schüler (und viele Lehrer) auch heute noch verwenden, obwohl die Schule seit 1982 „Friedrich-Dessauer-Gymnasium” (FDG) heißt, richtig wohltönend.

So hatte die Schule einen Geburtsmakel: sie war zwar politisch gewollt, aber eigentlich ein ungewünschtes Kind, manch eine Kollegin, manch ein Kollege ging aus den bestehenden Schulen an die neue Oberstufe, „um die Schüler...vor Schaden zu bewahren” ( Zitat aus der Jubiläumsfestschrift des FDG im Februar 2000 ), nicht etwa, um die sich bietenden Chancen eines Neuanfangs zu nutzen. Dazu kam: „aus zwei mach eins” – aus zwei Kollegien, die ehemals miteinander konkurrierten, musste eine FDG-Schnittmenge gebildet werden. Die große Chance, etwas neu aufbauen zu können, war also mit etlichen Problemen behaftet....

Nichtsdestotrotz, man arrangierte sich, neue Konzepte wurden entwickelt und ausprobiert, Unterricht bei offenen Türen gab es, ein „Modellversuch Doppelqualifikation” (Abitur plus Berufsabschluss als Chemisch-technischer Assistent) wurde durchgeführt, die Chancen durch die Neuordnung der gymnasialen Oberstufe mit ihrem Kurssystem wurden ausgelotet – kurz: der erste und bisher einzige gymnasiale Schulverbund in Hessen nahm seine inhaltliche Arbeit auf. Dies geschah ganz offensichtlich mit ebenso viel Elan wie Erfolg, nicht zuletzt die gestiegenen Schülerzahlen weisen darauf hin; in den ersten sechs Jahren wuchs die Schülerzahl um 30 %, bald wurde das neue Gebäude schon wieder zu klein und ein Erweiterungsbau nötig.
Schon durch diese wenigen, notwendig oberflächlichen Anmerkungen zur Historie wird dem Leser vielleicht verständlich, dass und auch warum diese Zeit einem großen Teil des Kollegiums prägend in Erinnerung ist und das Wörtchen „früher” auch in vielen gegenwärtigen Diskussionen noch eine große Rolle spielt.

Der Alltag in diesem Verbund, in dem rund 90 % der Kolleginnen und Kollegen sowohl an der Oberstufe als auch an einer der beiden Sekundarstufen I-Schulen unterrichten, ist geprägt vom nahezu täglichen Pendeln von einer Schule zur anderen, verbunden mit all seinen Nachteilen. Sicher werden dadurch manche Sozialkontakte untereinander schwieriger, vieles ist schlicht aufwendiger – gerade auch im organisatorischen Bereich -, jedoch muss man allen Kolleginnen und Kollegen ein hohes Lob aussprechen: mit bewundernswerter Gelassenheit bewegen sie sich im Gestrüpp der Doppelungen (vielleicht tragen ja auch die koordinierenden Bemühungen der drei Schulleitungen etwas dazu bei!) und, – was das Wichtigste ist – das pädagogische Bemühen um die Schüler aller Jahrgangsstufen bleibt in der hektischen Pendelpause nicht auf der Strecke.

So hat das Kollegium der Schule sich den Ruf erarbeitet, eine qualitativ hochstehende Ausbildung zu gewährleisten. Das FDG gilt durchaus als „schwere” Schule (längst nicht jeder „aus der Stadt” kommende nivellierende Fehlerindex wird übernommen!) – dieser Ruf gilt besonders im Umland.
Dies ist ein wichtiger Aspekt, denn die kontinuierliche Entwicklung der Schule ist nicht nur zu sehen in ihrer Funktion als schulverbundsinterne Oberstufe, sondern das FDG hat schon immer, nicht zuletzt auf Grund seiner geographischen Stadtrandlage, in den Main-Taunus-Kreis hineingewirkt und Schüler angezogen. Mittlerweile wohnen 40% der Schülerinnen und Schüler im Main-Taunus-Kreis.
Wir müssen uns hier der Konkurrenz immer neuer Oberstufengymnasien und – nach Abschaffung der Förderstufen - durchgängiger Gymnasialzüge an Gesamtschulen stellen, um Attraktivität und Ruf zu bewahren. Hierzu sind konsequente Schulentwicklung und schulprogrammatische Arbeit nötig.
Wenn man als Spiegelbild das Bemühen um Aufnahme am FDG nimmt, so scheint dies recht gut zu gelingen, denn die Schülerzahlen wachsen seit einigen Jahren wieder kontinuierlich, die Anmeldezahlen übersteigen die Aufnahmekapazitäten mittlerweile bei weitem, und trotz der dadurch nötigen Ablehnungen wird das FDG mit rund 800 Schülerinnen und Schülern im nächsten Schuljahr wieder eine der größten Oberstufenschulen in Hessen sein.
Die Größe kann zwar durchaus ambivalent gesehen werden, denn natürlich haben kleinere Einheiten ihren speziellen Charme und spezifische Möglichkeiten (wenn‘s der Schulträger denn finanzieren mag!), ein wesentlicher Aspekt der Attraktivität liegt aber gerade in dieser Größe begründet: die Vielfalt des Angebots sowie die Wahl- und Kombinationsmöglichkeiten innerhalb dieser Vielfalt ziehen sehr viele Schüler an. Dies gilt natürlich besonders für das Leistungskursangebot. So bieten wir nicht nur kontinuierlich Leistungskurse in nahezu allen Fächern an (häufig mehrere pro Jahrgang), also auch in Kunst, Musik, Religion, Informatik und Sport, selbstverständlich auch in allen Naturwissenschaften und Sprachen, sondern die hohe Schülerzahl lässt auch eine Organisationsform zu, die alle gewünschten und erlaubten LK-Kombinationen erlaubt. Ein positiver Effekt für die Schülerinnen und Schüler ist bei der Vielzahl der einzurichtenden Kurse also die große Auswahl bei den Kurswahlen.

Neben den organisatorischen Möglichkeiten wird aber auch beständig am inhaltlichen Konzept gefeilt.
Im ersten Aufgabenfeld ist hier besonders neben dem Fach Darstellende Spiel das Angebot in Wirtschaftsfranzösisch zu nennen, das sich großer Beliebtheit erfreut; ein sichtbarer Lohn für die Mühen, die Kolleginnen aus der Fachschaft in die curriculare Entwicklung gesteckt haben!
Im zweiten Aufgabengebiet liegt ein Schwerpunkt in der gesteigerten Beachtung der beruflichen Orientierung unserer Schülerinnen und Schüler. Die Gründe dafür müssen an dieser Stelle nicht weiter aufgefächert werden.
Dieser Schwerpunkt hat zwei Hauptelemente: eine berufsorientierende Woche (BOW) am Ende der Jahrgangsstufe 11 und ein 14-tägiges Berufspraktikum am Ende der Jahrgangsstufe 12.

In der BOW werden angeboten: Betriebserkundungen, Bewerbungstraining, BIZ-Besuche, Berufspräsentationen durch unsere Kooperationspartner aus der (nicht nur) regionalen Wirtschaft und schließlich eine Berufebörse, getragen von Eltern und Ehemaligen. Das Praktikum wird von einer steigenden Anzahl im Ausland durchgeführt und in die Ferien hinein verlängert; an einer Verknüpfung z.B. mit Wirtschaftsfranzösisch wird eifrig gebastelt. Planspiele (Ökowi) und die Teilnahme an bundesweiten Projekten wie „Trans-Job” runden das Bild ab.
Die Kontakte mit der Wirtschaft sind einerseits sehr ertragreich, andererseits in Vor- und Nachbereitung auch sehr zeitintensiv. Das Unternehmen Provadis hat sich dabei zu unserem stabilsten Partner entwickelt, nicht von ungefähr übernahm der Chef dieses Unternehmens, Herr Prof. Dr. Faust, deshalb auch die Schirmherrschaft für unser Schuljubiläum.
Auch der Hauptredner unserer Jubiläumsveranstaltung, Herr Gahler, widmete sich dem ökonomischen Thema (vgl. an anderer Stelle in diesem Heft) – und blieb dabei nicht ohne Widerspruch.
Im dritten Aufgabenfeld springt das qualitativ hochstehende Informatikangebot ins Auge, zusätzlich noch mit der Möglichkeit, in einer Multimedia-Arbeitsgemeinschaft digitale Präsentationen von der und über die Schule zu erarbeiten. Letzte Großtat war die Jubiläums-CD-Rom, die allerorten sehr gelobt wurde.

Wer nach all dem als Schüler immer noch jenseits des Unterrichts Kapazitäten frei hat, der kann sich in der Video-AG oder der Jahrbuch-AG ( um nur zwei besonders auffällige zu nennen) engagieren oder an einem der anderen Projekte ( Comenius, Prag- oder Australien-Austausch) teilnehmen, für ein Konzert mit Chor und Orchester proben – oder sich ganz einfach in unserer von einer Schulbibliothekarin geführten großen und bestens sortierten Schulbibliothek auf den nächsten Unterricht vorbereiten. So weit, so gut. Das Jubiläum als Anlass für Rückblick und Bilanz der Gegenwart. Wie nun geht es aber weiter?
Innerschulisch müssen wir konsequent die inhaltliche Verankerung der verschiedenen Aktivitäten im Schulbewusstsein, d.h. aller hier Tätigen, vorantreiben; mehr als bisher muss dies zum „Schul”programm werden, wir müssen an manchen Punkten innehalten und uns Gelegenheit geben, uns selbst einzuholen, aber auch vorhandene Lücken beim Blick über den Tellerrand „FDG” zu erkennen und uns dort gezielt weiter zu entwickeln. Allgemein müssen wir uns gerade als Vertreter eines Oberstufengymnasiums in die Diskussion um die Zukunft der Oberstufe, die das bewährte System der Leistungs- und Grundkurse mit ihrer Vielfalt zu bewahren trachtet, einschalten; denn Vielfalt heißt hier nicht Beliebigkeit, sondern Beibehalten zum Beispiel auch der künstlerischen und musischen Schwerpunkte, der kulturellen Bildung im breitesten Rahmen. Gerade hierin liegt eine Zukunftsaufgabe für uns.

   

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