Inhalt Ausgabe 43 / Okt. 00

Vorwort

Täter suchen Opfer, keine Gegner

Erdkundewettbewerb der Klassen 7 bis 10

Chance, Herausforderung und Verantwortung

Karin Wolff über die Zukunft der Schule

Lehrer schaffen nix und Referendare noch viel weniger

Schildbürgerstreiche der Rechtschreibreform

Vier Jahre Personalratsbeirat - ein Rückblick

In Zukunft fünf Abiturfächer? - Déjà vu!

Ist die Grundschule verlässlich?

Informatik statt informationstechnischer Hysterie

25 Jahre Friedrich-Dessauer-Gymnasium

 

Walter Zehnter

Schildbürgerstreiche der Rechtschreibreform

Walter Zehnter ist weder Professor noch Lehrer, jedoch ein leidenschaftlicher Verfechter der traditionellen Schreibweise. Durch die Reform ist ihm erst bewußt geworden, was unsere alte Schreibweise im Vergleich zur neuen wert war. Vielen Kollegen ist bis heute noch nicht bewußt, welche Änderungen die Rechtschreibreform mit sich brachte. Hier ist eine Aufstellung, die - selbst wenn man die neuen Regeln schon kennt - allein schon durch die vielen interessanten Beispiele lesenswert ist.

I. Zeichensetzung
In den folgenden Beispielen wird nach den neuen Regeln ohne
Komma geschrieben. Man darf zwar in bestimmten Fällen (um
Mißverständnisse zu vermeiden) Kommata setzen, nichtsdestoweniger behält die kommalose Version ihre uneingeschränkte Berechtigung, muß als richtig akzeptiert und darf dem Schüler nicht als Fehler angerechnet werden. Und das, obwohl sie wegen der unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten doch unbestreitbar falsch ist! Dies ist ein Zustand, der eigentlich untragbar ist!

1. Beispiel:
Der Vater empfahl dem Lehrer nicht zu widersprechen.
Dies ist die Schreibweise nach den neuen Regeln, also ohne verpflichtendes Komma. Niemand kann so jedoch wissen, was dieser Satz aussagen soll. Nur die bisherige Kommaregelung kann den Unterschied deutlich machen.
Entweder
Der Vater empfahl dem Lehrer, nicht zu widersprechen.
Hier gibt der Vater dem Lehrer den guten Rat, er möge (seinem Sohn) besser nicht widersprechen. So ist es aber sicherlich nicht gemeint.
Oder
Der Vater empfahl, dem Lehrer nicht zu widersprechen.
Hier ermahnt der Vater seinen Sohn, den Anweisungen des Lehrers ohne weiteres Folge zu leisten.

2. Beispiel:
Er begann den Hut auf seinem Kopf zu essen.
Nach den neuen Regeln ohne Kommasetzungspflicht. Kein Mensch kann wissen, was gemeint ist!
Entweder
Er begann, den Hut auf seinem Kopf, zu essen.
Das heißt: Er begann, noch während er den Hut auf seinem Kopf hatte, bereits mit dem Essen.
Oder
Er begann, den Hut auf seinem Kopf zu essen.
Das wäre ja ein toller Spaß! Oder war der Hut etwa aus Zuckerwatte?

3. Beispiel:
Er haßte seine Mutter, die gute Seele, um Hilfe zu bitten.
Hier kann man nur herauslesen, daß er seine Mutter haßte.Der Rest ergibt keinen logischen Sinn.
Aber
Er haßte, seine Mutter, die gute Seele, um Hilfe zu bitten.
So ist der Satz verständlich: Er haßte es, seine Mutter um Hilfe bitten zu müssen.

4. Beispiel:
Man stelle sich einmal am Schluß einer Buchseite - ohne Kommata geschrieben - den folgenden Satz vor:
Zu Weihnachten schlachteten sie eine Gans und den kleinen Sohn des Nachbarn ...
Entsetzt wird man sich die Augen reiben und sich erst einmal fragen, ob man richtig gelesen hat. Man wird verzweifelt nach einer Erklärung suchen und schließlich das Blatt umschlagen, um dann endlich erleichtert aufzuatmen. Denn dort findet sich des Rätsels Lösung in der Fortsetzung des Satzes
... luden sie zum Essen ein.

II. Silbentrennung am Zeilenende

1. Beispiel:
Trennung bisher <ex - tra> und <Ex - trakt>,
weil lateinisch ex = aus und trahere = ziehen.
Trennung jetzt <ext - ra> (Duden 21. Aufl.)

2. Beispiel:
Trennung bisher <Pro - spekt>,
weil lateinisch pro = voraus und specere = schauen.
Trennung jetzt <Pros - pekt> (Duden 21. Aufl.)

3. Beispiel:
Trennung bisher <Teen - ager>,
weil englisch teen = zehn- bis l9jährige und age = Alter.
Trennung jetzt <Tee - nager> (Duden 21. Aufl)
(ein bisher unbekanntes Nagetier?)

Weitere kuriose Trennungsmöglichkeiten auf Grund der Schlechtschreibregeln:

Leseü-bung, Schreibu-sus, Hocho-fen, Uro-ma, Landa-del, Prachte-xemplar, Flussu-fer, vol-lenden, E-cke (!), Hause-cke, Seee-cke (!!!), super, gleich zwei Mißgeburten in einem Wort: 1. Einzelvokalabtrennung am Wortanfang und 2. Das „ck“ wird bei Trennung nicht mehr zu „kk” und ist deshalb nicht mehr trennbar!

Umgekehrt darf man dafür aber ungestraft das „st“ trennen. Dazu hier einige „Tiger“:
Lis - tiger, Läs - tiger, Lus - tiger.

III. ss- und ß- Schreibung

Wenn ich auf dem Jahrmarkt an der Schießbude meiner Enkeltochter Rosen schieße und dabei fünf Treffer in Folge erzielt habe, dann hatte ich eine erfolgreiche
Schußserie.
Dies ist ein klar verständliches und unverwechselbares Wort, dem jeder auf den ersten Blick ansieht, was es bedeutet. Schreibe ich es jedoch nach den neuen Regeln, so steht stattdessen
Schussserie
Wer wird hier dieses ungewöhnliche Gebilde nicht auf Anhieb (vergleichbar den ähnlich aussehenden Wörtern Brasserie und Konfiserie) mit Betonung auf der letzten Silbe lesen und demzufolge nichts damit anzufangen wissen? Die Abschaffung des lesefreundlichen ß nach kurzem Vokal bei derartigen Wörtern sorgt in aller Regel für Verwirrung.


IV. Getrennt- und Zusammenschreibung

1. Beispiel:
Er hat dieses Kunststück doch tatsächlich fertiggebracht!
(im Sinne von geschafft, zustandegebracht) aber
Der Heimservice hat uns das kalte Buffet fertig gebracht
(also ohne daß noch Zutaten erforderlich oder weitere Arbeiten zu verrichten waren).

2. Beispiel:
Dieses Vorhaben wird sicher schiefgehen.
(im Sinne von mißlingen)
aber
Nach der Operation konnte er nur noch schief gehen.
(im Sinne von krumm gehen)

3. Beispiel:
Erst am Sterbebett ihres Mannes wurde ihr urplötzlich bewußt, daß sie nun eine alleinstehende Frau war. (ohne Angehörige) aber
Bei der Beerdigung war mir eine allein stehende Frau aufgefallen.
(eine von der Menge etwas abseits stehende Frau) Möglicherweise war es sogar eine allein stehende, gewöhnlich im Rollstuhl sitzende Frau!

4. Beispiel:
Dies sind die beiden jungen Menschen, die so sehr aneinander hängen.
aber
Man muß die beiden Wortteile aneinanderhängen, damit das Ganze einen Sinn ergibt.

5. Beispiel:
Wird die Rechtschreibreform von ihren Gegnern etwa aus purer Boshaftigkeit schlechtgemacht (also zu Unrecht in üblen Ruf gebracht)?
Nein, absolut nicht! Sie ist einfach nur von ihren Herstellern schlecht gemacht (also mangelhaft konzipiert).

Aber da sie nun einmal fertiggestellt (beschlossen und verkündet) ist, darf sie nicht mehr richtiggestellt (verbessert) werden, was vorübergehend zur Debatte stand aber von den Kultusministern wegen der Kosten verworfen wurde.

Können Sie sich übrigens einen hart gesottenen Manager vorstellen? Oder wie wäre es vielleicht mit einem frisch gebackenen Ehepaar? Ein solches wäre allenfalls denkbar als Hauptgericht bei einer Kannibalenmahlzeit, vergleichbar dem frisch gebackenen Brötchen vom Bäcker auf unserem Frühstückstisch. Ein frischgebackenes Ehepaar ist demgegenüber ein Ehepaar, das erst vor kurzem geheiratet hat!

An diesen Beispielen ist für jedermann erkennbar, daß die Wortverbindungen je nach Schreibweise eine absolut unterschiedliche Bedeutung haben. Bei den zusammengeschriebenen Wörtern handelt es sich um vollkommen neue, eigenständige Begriffe, die mit der getrennt geschriebenen Version überhaupt nichts mehr zu tun haben. „Schlechtmachen” ist nun einmal ein ganz anderes Verb als das Verb „machen”, lediglich durch ein beliebiges Adverb präzisiert. Beweis für diesen grundlegenden Unterschied ist auch die Aussprache. Bei „schlechtmachen” wird schlecht betont, bei „schlecht machen” sowohl schlecht als auch machen.

Nach den neuen Regeln wird in solchen Fällen nur noch getrennt geschrieben ! Das bedeutet nicht weniger, als daß es die Wörter: fertigbringen, schiefgehen, alleinstehend, aneinanderhängen, schlechtmachen, richtigstellen und viele, viele andere nun überhaupt nicht mehr gibt. Sie sind einfach ausgelöscht, den Vereinfachungsbestrebungen einer Handvoll Eiferer zum Opfer gefallen, in keinem Wörterbuch mehr zu finden.

V. Groß- und Kleinschreibung

Ähnliche Zwangsliquidierungen von eingebürgerten, allgemeingebräuchlichen Begriffen bekommen wir auch in der Groß- und Kleinschreibung.

1. Beispiel.
„Es bleibt alles beim alten” bedeutet, daß sich in Zukunft an dem bisherigen Zustand nichts ändern wird
„Es bleibt alles beim Alten.” Da hat sich der Alte mal wieder alles auf seinen Schreibtisch gezogen, will partout nichts von seinen Kompetenzen abgeben.

2. Beispiel:
Wenn es nur um eine erste Hilfe geht, so kann ich jemandem u. U. schon mit einem Glas Wasser aus einer Notlage helfen. Die Erste Hilfe erfordert jedoch wesentlich mehr, nämlich medizinische Versorgung und fachliche Qualifikation.

3. Beispiel:
Das Hohe Haus ist unsere demokratisch gewählte Volksvertretung, also das Parlament.
Das hohe Haus ist demgegenüber ein hoch gebautes Haus, in dem man vielleicht im 20. Stock wohnen kann und eine schöne Aussicht genießt.

Soll es tatsächlich Leute geben, die nicht in der Lage sind, die Unterscheidung dieser Begriffe zu verstehen oder zu lernen? Ihnen zuliebe wurden die „zu hohen Hürden“ kurzerhand abgesenkt, indem man die jeweilige Großschreibung einfach abschaffte. Nun darf es doch nicht einfach erlaubt sein, daß durch staatliche Erlasse oder Verordnungen ganze Serien von fest etablierten Wörtern (s. Pos. IV und V) eliminiert werden und somit die deutsche Sprache ihrer Aussagefähigkeit, ihrer bisher so ausgewogenen Feinheiten und Nuancierungsmöglichkeiten beraubt wird. Das sind doch nicht (wie von den Kultusministern verharmlosend dargestelltwird), „geringfügige und nicht ins Gewicht fallende Änderungen“, sondern vielmehr schwerwiegende Eingriffe in die Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache!

VI. Eindeutschung von Fremdwörtern

Wer im täglichen Umgang mit der Schriftsprache aus einer fremden Sprache übernommene Wörter benutzt, sollte sie entweder auch weiterhin ihrer Herkunft entsprechend schreiben bzw. erlernen oder es lieber bleiben lassen. Müssen wir uns denn tatsächlich an den Anblick von seltsamen Wortgebilden wie den folgenden gewöhnen?

Fysik, Atlet, Tron, Nivo, Tunfisch (Tätigkeitsfisch?), Jogurt, Filosofie, Rytmus, Restorant, Delfin, Myrre, Panter, Katarr. Hinzu kommen Zusammenschreibungen und Wortungetüme wie Newage, Aftershavelotion, Openenddiskussion, Progressivejazzbandleader.

Wie kann man Kindern erklären, warum sie Ketschup schreiben sollen, obwohl überall in der Welt auf jeder Soßenflasche Ketchup steht?

VII. Weitere Kuriositäten

Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum nun plötzlich hoch begabt statt hochbegabt geschrieben werden soll, während hochgebildet weiterhin zusammengeschrieben werden darf, ja muß!

Mit derartigen willkürlichen und regellosen Änderungen sind wir gleich en masse konfrontiert:

bisherige Schreibweise neue Schreibweise

hochgelehrt hochgelehrt
hochgeehrt aber hoch geehrt

preisgeben preisgeben
achtgeben aber Acht geben

klarmachen klarmachen
bewußtmachen aber bewusst machen

wiederkehren wiederkehren
wiedersehen aber wieder sehen

tierliebend tierliebend
musikliebend aber Musik liebend

wohlverdient wohlverdient
wohlversorgt aber wohl versorgt

ein heißgelaufener Motor ein heißgelaufener Motor
ein heißgeliebtes Mädchen aber ein heiß geliebtes Mädchen

die weiterführenden Schulen die weiterführenden Schulen
die allgemeinbildenden aber die allgemein bildenden Schulen Schulen

eine furchteinflößende Gestalt eine Furcht einflößende Ge- stalt
aber
eine noch furchteinflößen- eine noch furchteinflößendere
dere Gestalt Gestalt

Nach alledem muß man sich ernsthaft fragen: Wo liegen denn die Vorzüge der Rechtschreibreform? Gibt es überhaupt irgendwelche? Muß man sich nicht vielmehr fragen: Kann ein Mensch mit Sinn und Verstand solch eine Verschandelung unserer Sprache guten Gewissens hinnehmen, womöglich sogar noch gutheißen? Diese gewollte Anpassung an ein niedrigeres Niveau ist doch eine Verödung unserer Sprache. Welcher Schüler wird sich bei so viel Verwirrung und Unsicherheit einen Fehler noch ohne weiteres als Fehler anrechnen lassen ? Da werden sogar Forderungen laut, bei der Beurteilung von schriftlichen Schülerleistungen solle die Rechtschreibung nicht mehr benotet werden.
Die im Gleichklang mit den Reformbemühungen eilfertig gedruckten maßgeblichen Wörterbücher von nunmehr 10 (!) verschiedenen Verlagen sind nicht nur fehlerhaft, sie unterscheiden sich auch untereinander wiederum in Tausenden von Fällen. Wo früher unser guter, alter Duden für eine einheitliche und allgemeingültige Rechtschreibung sorgte, da haben wir eine von Fehlern, Widersprüchlichkeiten und Unlogik geprägte Rechtschreibanarchie.
Wenn heute ein Schüler seinen Lehrer fragt, nach welchem Wörterbuch er sich denn nun richten soll, wird er wohl kaum eine verbindliche Auskunft bekommen können, weil die Lehrer darauf selbst keine schlüssige Antwort haben.
Der deutsche Abiturient hat auf dem Gebiet der Rechtschreibung heute kaum noch das Niveau eines „Einjährigen“ der Fünfziger Jahre, der mit Engagement und einigermaßen regelmäßig seine Hausaufgaben gemacht und die Obersekundareife erworben hat. Das ist ein Armutszeugnis für diejenigen, die für die Schulbildung in der Bundesrepublik verantwortlich sind. Wenn ich jemanden fördern will, dann muß ich ihn fordern! Daran führt kein Weg vorbei. Die als Zweck der Reform vorgegebenen Vereinfachungsbemühungen der Kultusminister laufen jedoch genau in die entgegengesetzte Richtung.
Und noch ein Wort zur Rolle der Kultusminister in der „Rechtschreibreform“: Die Sprache gehört dem Volk und darf nicht durch staatliche Willkür manipuliert werden! Es gibt stichhaltige Hinweise dafür, daß die angeblich dringende Notwendigkeit, eine (sehr teure!) Reform durchzuführen, in Wirklichkeit auf wirtschaftlichen Interessen der Buchverlage beruhte und nicht auf der ehrenwerten Absicht, die deutsche Sprache zu verbessern.
Im Januar 1998 hat die „Zwischenstaatliche Rechtschreibkommission” eingeräumt, daß die neuen Regeln fehlerhaft sind und daß dringender Änderungsbedarf besteht. Die von den Herstellern selbst vorgeschlagene „Reform der Reform” wurde jedoch von den Kultusministern abgelehnt, weil eine solche Korrektur angeblich zu teuer würde. Hintergrund: Die geschäftstüchtigen Verlage, die sich profitorientiert ins Geschäft gestürzt hatten , drohten den Kultusministern mit heftigen Schadensersatzklagen.
Da fährt also jemand, der keinen Führerschein besitzt, ein Auto, das ihm nicht gehört (die Sprache gehört dem Volk!), gegen einen Baum und lehnt hinterher die Reparatur mit dem Hinweis auf zu hohe Kosten ab.


   

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