Walter Zehnter
Schildbürgerstreiche der Rechtschreibreform
Walter Zehnter ist weder Professor noch Lehrer, jedoch
ein leidenschaftlicher Verfechter der traditionellen Schreibweise. Durch
die Reform ist ihm erst bewußt geworden, was unsere alte Schreibweise
im Vergleich zur neuen wert war. Vielen Kollegen ist bis heute noch nicht
bewußt, welche Änderungen die Rechtschreibreform mit sich brachte.
Hier ist eine Aufstellung, die - selbst wenn man die neuen Regeln schon
kennt - allein schon durch die vielen interessanten Beispiele lesenswert
ist.
I. Zeichensetzung
In den folgenden Beispielen wird nach den neuen Regeln ohne
Komma geschrieben. Man darf zwar in bestimmten Fällen (um
Mißverständnisse zu vermeiden) Kommata setzen, nichtsdestoweniger
behält die kommalose Version ihre uneingeschränkte Berechtigung,
muß als richtig akzeptiert und darf dem Schüler nicht als Fehler
angerechnet werden. Und das, obwohl sie wegen der unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten
doch unbestreitbar falsch ist! Dies ist ein Zustand, der eigentlich untragbar
ist!
1. Beispiel:
Der Vater empfahl dem Lehrer nicht zu widersprechen.
Dies ist die Schreibweise nach den neuen Regeln, also ohne verpflichtendes
Komma. Niemand kann so jedoch wissen, was dieser Satz aussagen soll. Nur
die bisherige Kommaregelung kann den Unterschied deutlich machen.
Entweder
Der Vater empfahl dem Lehrer, nicht zu widersprechen.
Hier gibt der Vater dem Lehrer den guten Rat, er möge (seinem Sohn)
besser nicht widersprechen. So ist es aber sicherlich nicht gemeint.
Oder
Der Vater empfahl, dem Lehrer nicht zu widersprechen.
Hier ermahnt der Vater seinen Sohn, den Anweisungen des Lehrers ohne weiteres
Folge zu leisten.
2. Beispiel:
Er begann den Hut auf seinem Kopf zu essen.
Nach den neuen Regeln ohne Kommasetzungspflicht. Kein Mensch kann wissen,
was gemeint ist!
Entweder
Er begann, den Hut auf seinem Kopf, zu essen.
Das heißt: Er begann, noch während er den Hut auf seinem Kopf
hatte, bereits mit dem Essen.
Oder
Er begann, den Hut auf seinem Kopf zu essen.
Das wäre ja ein toller Spaß! Oder war der Hut etwa aus Zuckerwatte?
3. Beispiel:
Er haßte seine Mutter, die gute Seele, um Hilfe zu bitten.
Hier kann man nur herauslesen, daß er seine Mutter haßte.Der
Rest ergibt keinen logischen Sinn.
Aber
Er haßte, seine Mutter, die gute Seele, um Hilfe zu bitten.
So ist der Satz verständlich: Er haßte es, seine Mutter um
Hilfe bitten zu müssen.
4. Beispiel:
Man stelle sich einmal am Schluß einer Buchseite - ohne Kommata
geschrieben - den folgenden Satz vor:
Zu Weihnachten schlachteten sie eine Gans und den kleinen Sohn des Nachbarn
...
Entsetzt wird man sich die Augen reiben und sich erst einmal fragen, ob
man richtig gelesen hat. Man wird verzweifelt nach einer Erklärung
suchen und schließlich das Blatt umschlagen, um dann endlich erleichtert
aufzuatmen. Denn dort findet sich des Rätsels Lösung in der
Fortsetzung des Satzes
... luden sie zum Essen ein.
II. Silbentrennung am Zeilenende
1. Beispiel:
Trennung bisher <ex - tra> und <Ex - trakt>,
weil lateinisch ex = aus und trahere = ziehen.
Trennung jetzt <ext - ra> (Duden 21. Aufl.)
2. Beispiel:
Trennung bisher <Pro - spekt>,
weil lateinisch pro = voraus und specere = schauen.
Trennung jetzt <Pros - pekt> (Duden 21. Aufl.)
3. Beispiel:
Trennung bisher <Teen - ager>,
weil englisch teen = zehn- bis l9jährige und age = Alter.
Trennung jetzt <Tee - nager> (Duden 21. Aufl)
(ein bisher unbekanntes Nagetier?)
Weitere kuriose Trennungsmöglichkeiten auf Grund
der Schlechtschreibregeln:
Leseü-bung, Schreibu-sus, Hocho-fen,
Uro-ma, Landa-del, Prachte-xemplar, Flussu-fer, vol-lenden, E-cke (!),
Hause-cke, Seee-cke (!!!), super, gleich zwei Mißgeburten in einem
Wort: 1. Einzelvokalabtrennung am Wortanfang und 2. Das „ck“
wird bei Trennung nicht mehr zu „kk” und ist deshalb nicht
mehr trennbar!
Umgekehrt darf man dafür aber ungestraft das „st“
trennen. Dazu hier einige „Tiger“:
Lis - tiger, Läs - tiger, Lus - tiger.
III. ss- und ß- Schreibung
Wenn ich auf dem Jahrmarkt an der Schießbude meiner
Enkeltochter Rosen schieße und dabei fünf Treffer in Folge
erzielt habe, dann hatte ich eine erfolgreiche
Schußserie.
Dies ist ein klar verständliches und unverwechselbares Wort, dem
jeder auf den ersten Blick ansieht, was es bedeutet. Schreibe ich es jedoch
nach den neuen Regeln, so steht stattdessen
Schussserie
Wer wird hier dieses ungewöhnliche Gebilde nicht auf Anhieb (vergleichbar
den ähnlich aussehenden Wörtern Brasserie und Konfiserie) mit
Betonung auf der letzten Silbe lesen und demzufolge nichts damit anzufangen
wissen? Die Abschaffung des lesefreundlichen ß nach kurzem Vokal
bei derartigen Wörtern sorgt in aller Regel für Verwirrung.
IV. Getrennt- und Zusammenschreibung
1. Beispiel:
Er hat dieses Kunststück doch tatsächlich fertiggebracht!
(im Sinne von geschafft, zustandegebracht) aber
Der Heimservice hat uns das kalte Buffet fertig gebracht
(also ohne daß noch Zutaten erforderlich oder weitere Arbeiten zu
verrichten waren).
2. Beispiel:
Dieses Vorhaben wird sicher schiefgehen.
(im Sinne von mißlingen)
aber
Nach der Operation konnte er nur noch schief gehen.
(im Sinne von krumm gehen)
3. Beispiel:
Erst am Sterbebett ihres Mannes wurde ihr urplötzlich bewußt,
daß sie nun eine alleinstehende Frau war. (ohne Angehörige)
aber
Bei der Beerdigung war mir eine allein stehende Frau aufgefallen.
(eine von der Menge etwas abseits stehende Frau) Möglicherweise war
es sogar eine allein stehende, gewöhnlich im Rollstuhl sitzende Frau!
4. Beispiel:
Dies sind die beiden jungen Menschen, die so sehr aneinander hängen.
aber
Man muß die beiden Wortteile aneinanderhängen, damit das Ganze
einen Sinn ergibt.
5. Beispiel:
Wird die Rechtschreibreform von ihren Gegnern etwa aus purer Boshaftigkeit
schlechtgemacht (also zu Unrecht in üblen Ruf gebracht)?
Nein, absolut nicht! Sie ist einfach nur von ihren Herstellern schlecht
gemacht (also mangelhaft konzipiert).
Aber da sie nun einmal fertiggestellt (beschlossen und
verkündet) ist, darf sie nicht mehr richtiggestellt (verbessert)
werden, was vorübergehend zur Debatte stand aber von den Kultusministern
wegen der Kosten verworfen wurde.
Können Sie sich übrigens einen hart gesottenen
Manager vorstellen? Oder wie wäre es vielleicht mit einem frisch
gebackenen Ehepaar? Ein solches wäre allenfalls denkbar als Hauptgericht
bei einer Kannibalenmahlzeit, vergleichbar dem frisch gebackenen Brötchen
vom Bäcker auf unserem Frühstückstisch. Ein frischgebackenes
Ehepaar ist demgegenüber ein Ehepaar, das erst vor kurzem geheiratet
hat!
An diesen Beispielen ist für jedermann erkennbar,
daß die Wortverbindungen je nach Schreibweise eine absolut unterschiedliche
Bedeutung haben. Bei den zusammengeschriebenen Wörtern handelt es
sich um vollkommen neue, eigenständige Begriffe, die mit der getrennt
geschriebenen Version überhaupt nichts mehr zu tun haben. „Schlechtmachen”
ist nun einmal ein ganz anderes Verb als das Verb „machen”,
lediglich durch ein beliebiges Adverb präzisiert. Beweis für
diesen grundlegenden Unterschied ist auch die Aussprache. Bei „schlechtmachen”
wird schlecht betont, bei „schlecht machen” sowohl schlecht
als auch machen.
Nach den neuen Regeln wird in solchen Fällen nur
noch getrennt geschrieben ! Das bedeutet nicht weniger, als daß
es die Wörter: fertigbringen, schiefgehen, alleinstehend, aneinanderhängen,
schlechtmachen, richtigstellen und viele, viele andere nun überhaupt
nicht mehr gibt. Sie sind einfach ausgelöscht, den Vereinfachungsbestrebungen
einer Handvoll Eiferer zum Opfer gefallen, in keinem Wörterbuch mehr
zu finden.
V. Groß- und Kleinschreibung
Ähnliche Zwangsliquidierungen von eingebürgerten,
allgemeingebräuchlichen Begriffen bekommen wir auch in der Groß-
und Kleinschreibung.
1. Beispiel.
„Es bleibt alles beim alten” bedeutet, daß sich in Zukunft
an dem bisherigen Zustand nichts ändern wird
„Es bleibt alles beim Alten.” Da hat sich der Alte mal wieder
alles auf seinen Schreibtisch gezogen, will partout nichts von seinen
Kompetenzen abgeben.
2. Beispiel:
Wenn es nur um eine erste Hilfe geht, so kann ich jemandem u. U. schon
mit einem Glas Wasser aus einer Notlage helfen. Die Erste Hilfe erfordert
jedoch wesentlich mehr, nämlich medizinische Versorgung und fachliche
Qualifikation.
3. Beispiel:
Das Hohe Haus ist unsere demokratisch gewählte Volksvertretung, also
das Parlament.
Das hohe Haus ist demgegenüber ein hoch gebautes Haus, in dem man
vielleicht im 20. Stock wohnen kann und eine schöne Aussicht genießt.
Soll es tatsächlich Leute geben, die nicht in der
Lage sind, die Unterscheidung dieser Begriffe zu verstehen oder zu lernen?
Ihnen zuliebe wurden die „zu hohen Hürden“ kurzerhand
abgesenkt, indem man die jeweilige Großschreibung einfach abschaffte.
Nun darf es doch nicht einfach erlaubt sein, daß durch staatliche
Erlasse oder Verordnungen ganze Serien von fest etablierten Wörtern
(s. Pos. IV und V) eliminiert werden und somit die deutsche Sprache ihrer
Aussagefähigkeit, ihrer bisher so ausgewogenen Feinheiten und Nuancierungsmöglichkeiten
beraubt wird. Das sind doch nicht (wie von den Kultusministern verharmlosend
dargestelltwird), „geringfügige und nicht ins Gewicht fallende
Änderungen“, sondern vielmehr schwerwiegende Eingriffe in die
Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache!
VI. Eindeutschung von Fremdwörtern
Wer im täglichen Umgang mit der Schriftsprache aus
einer fremden Sprache übernommene Wörter benutzt, sollte sie
entweder auch weiterhin ihrer Herkunft entsprechend schreiben bzw. erlernen
oder es lieber bleiben lassen. Müssen wir uns denn tatsächlich
an den Anblick von seltsamen Wortgebilden wie den folgenden gewöhnen?
Fysik, Atlet, Tron, Nivo, Tunfisch (Tätigkeitsfisch?),
Jogurt, Filosofie, Rytmus, Restorant, Delfin, Myrre, Panter, Katarr. Hinzu
kommen Zusammenschreibungen und Wortungetüme wie Newage, Aftershavelotion,
Openenddiskussion, Progressivejazzbandleader.
Wie kann man Kindern erklären, warum sie Ketschup
schreiben sollen, obwohl überall in der Welt auf jeder Soßenflasche
Ketchup steht?
VII. Weitere Kuriositäten
Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum nun plötzlich
hoch begabt statt hochbegabt geschrieben werden soll, während hochgebildet
weiterhin zusammengeschrieben werden darf, ja muß!
Mit derartigen willkürlichen und regellosen Änderungen
sind wir gleich en masse konfrontiert:
bisherige Schreibweise neue Schreibweise
hochgelehrt hochgelehrt
hochgeehrt aber hoch geehrt
preisgeben preisgeben
achtgeben aber Acht geben
klarmachen klarmachen
bewußtmachen aber bewusst machen
wiederkehren wiederkehren
wiedersehen aber wieder sehen
tierliebend tierliebend
musikliebend aber Musik liebend
wohlverdient wohlverdient
wohlversorgt aber wohl versorgt
ein heißgelaufener Motor ein heißgelaufener
Motor
ein heißgeliebtes Mädchen aber ein heiß geliebtes Mädchen
die weiterführenden Schulen die weiterführenden
Schulen
die allgemeinbildenden aber die allgemein bildenden Schulen Schulen
eine furchteinflößende Gestalt eine Furcht
einflößende Ge- stalt
aber
eine noch furchteinflößen- eine noch furchteinflößendere
dere Gestalt Gestalt
Nach alledem muß man sich ernsthaft fragen: Wo liegen
denn die Vorzüge der Rechtschreibreform? Gibt es überhaupt irgendwelche?
Muß man sich nicht vielmehr fragen: Kann ein Mensch mit Sinn und
Verstand solch eine Verschandelung unserer Sprache guten Gewissens hinnehmen,
womöglich sogar noch gutheißen? Diese gewollte Anpassung an
ein niedrigeres Niveau ist doch eine Verödung unserer Sprache. Welcher
Schüler wird sich bei so viel Verwirrung und Unsicherheit einen Fehler
noch ohne weiteres als Fehler anrechnen lassen ? Da werden sogar Forderungen
laut, bei der Beurteilung von schriftlichen Schülerleistungen solle
die Rechtschreibung nicht mehr benotet werden.
Die im Gleichklang mit den Reformbemühungen eilfertig gedruckten
maßgeblichen Wörterbücher von nunmehr 10 (!) verschiedenen
Verlagen sind nicht nur fehlerhaft, sie unterscheiden sich auch untereinander
wiederum in Tausenden von Fällen. Wo früher unser guter, alter
Duden für eine einheitliche und allgemeingültige Rechtschreibung
sorgte, da haben wir eine von Fehlern, Widersprüchlichkeiten und
Unlogik geprägte Rechtschreibanarchie.
Wenn heute ein Schüler seinen Lehrer fragt, nach welchem Wörterbuch
er sich denn nun richten soll, wird er wohl kaum eine verbindliche Auskunft
bekommen können, weil die Lehrer darauf selbst keine schlüssige
Antwort haben.
Der deutsche Abiturient hat auf dem Gebiet der Rechtschreibung heute kaum
noch das Niveau eines „Einjährigen“ der Fünfziger
Jahre, der mit Engagement und einigermaßen regelmäßig
seine Hausaufgaben gemacht und die Obersekundareife erworben hat. Das
ist ein Armutszeugnis für diejenigen, die für die Schulbildung
in der Bundesrepublik verantwortlich sind. Wenn ich jemanden fördern
will, dann muß ich ihn fordern! Daran führt kein Weg vorbei.
Die als Zweck der Reform vorgegebenen Vereinfachungsbemühungen der
Kultusminister laufen jedoch genau in die entgegengesetzte Richtung.
Und noch ein Wort zur Rolle der Kultusminister in der „Rechtschreibreform“:
Die Sprache gehört dem Volk und darf nicht durch staatliche Willkür
manipuliert werden! Es gibt stichhaltige Hinweise dafür, daß
die angeblich dringende Notwendigkeit, eine (sehr teure!) Reform durchzuführen,
in Wirklichkeit auf wirtschaftlichen Interessen der Buchverlage beruhte
und nicht auf der ehrenwerten Absicht, die deutsche Sprache zu verbessern.
Im Januar 1998 hat die „Zwischenstaatliche Rechtschreibkommission”
eingeräumt, daß die neuen Regeln fehlerhaft sind und daß
dringender Änderungsbedarf besteht. Die von den Herstellern selbst
vorgeschlagene „Reform der Reform” wurde jedoch von den Kultusministern
abgelehnt, weil eine solche Korrektur angeblich zu teuer würde. Hintergrund:
Die geschäftstüchtigen Verlage, die sich profitorientiert ins
Geschäft gestürzt hatten , drohten den Kultusministern mit heftigen
Schadensersatzklagen.
Da fährt also jemand, der keinen Führerschein besitzt, ein Auto,
das ihm nicht gehört (die Sprache gehört dem Volk!), gegen einen
Baum und lehnt hinterher die Reparatur mit dem Hinweis auf zu hohe Kosten
ab.
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