Inhalt Ausgabe 42

Vorwort

Marlene Dietrich: Das gestörte Verhältnis der Deutschen zu sich selbst

Sich einmischen oder wegschauen-Problemfall deutsche Sprache

Schlußstrich oder Schlussstrich? Neue deutsche Rechtschreibung

Maßnahmen zur Qualitätssicherung des Mathematikunterrichts

Schule und die Herausforderungen der neuen Zeit

Verpackungskunst an Schulgebäuden - endlich auch in Frankfurt

Astronomie an der Liebigschule

Hauptschule macht Schule

Nach Rom - ganz nah bei Frankfurt

 

Heinz Riesenhuber

Schule und die Herausforderungen der neuen Zeit

Festrede aus Anlaß zur 125-Jahr-Feier der Helene-Lange-Schule am 1. Mai 1999

Die Helene-Lange-Schule feierte in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen. Neben einem Schulfest und einem bunten Abend bildete ein akademischer Festakt am 1. Mai, dem urkundlich bestätigten Gründungstag der Schule, den Höhepunkt der Feierlichkeiten, die unter der Schirmherrschaft von Herrn Dr. Dormann, dem Vorstandsvorsitzenden der Hoechst AG, standen. Die Festrede hielt Herr Dr. Riesenhuber. Sie wird in gekürzter Fassung abgedruckt.

Sehr geehrte Frau Schulleiterin, liebe Frau Schröder,
sehr geehrter Herr Schirmherr, lieber Herr Dormann,
Frau Stadträtin Ebeling, liebe Eltern, liebe Schüler, liebe Ehemalige,
liebe Lehrer, verehrte Festgäste, meine sehr verehrten Damen und Herren,

125 Jahre gut überlebt zu haben, das ist schon eine Leistung. Ob man nun aber 125 Jahre alt oder jung ist, das müßte man klären; doch wenn man sieht, wie sich die Helene-Lange-Schule heute präsentiert, mit vielen fröhlichen Schülern und engagierten Lehrern, wenn man sieht, wie bei Kinderliedern die Lehrer engagiert mitsingen, und wenn die Begeisterung den ganzen Chor fortreißt, dann glaube ich, die Hela ist eine Schule, die jung geblieben ist, weil sie sich immer wieder neu den Herausforderungen der Zeit gestellt hat.

Gründungsidee
Die Gründungsidee vor 125 Jahren war, jungen Frauen eine Chance zu geben, so wie sie die Männer damals selbstverständlich hatten. Diese Idee hat sich durchgesetzt, und sie ist heute selbstverständlich. Das Problem liegt heute nicht mehr darin, daß junge Frauen nicht dieselben Rechte haben, oder darin, daß sie ihre Chancen nicht erkennen würden, sondern es liegt in der Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Und die Frage, auf welche Weise sich hier Partnerschaften und Lebensformen neu formen, ist eine der Herausforderungen unserer Zeit.

Geschichtliches
In 125 Jahren hat sich der Charakter der Schule immer wieder geändert und die Welt, in der wir leben, auch. Vor 125 Jahren, das war der Aufbruch in die Gründerzeit, das war der Beginn der Industrialisierung. Die Hoechst AG, sie hieß noch nicht so, aber es gab sie schon, und einige der Firmen, die heute der Hoechst AG angehören, existierten auch bereits. Deutschlands große Firmen entstanden. Es war eine Zeit, in der eine Fülle von Technologien neu entstand, und wer verstanden hatte, daß dieses Neue eine Chance war, wer dies aufgegriffen hatte mit Mut, Zuversicht und Tüchtigkeit, der hat daraus etwas gemacht für sein Leben, für seine Firma und damit letztlich für uns alle. In dieser Zeit der Welle der neuen Technologien ist Deutschland zur Industrienation geworden. Dies geht von der organischen Chemie bis zum Automobilbau. Da waren die nahtlosen Stahlrohre, der Telegraph, das Telefon. Voraussetzung hierfür war die Fähigkeit, in die neue Zeit hineinzuwachsen und etwas aus seinen Chancen zu machen. Diese Fähigkeit hielt sich in unserer Geschichte trotz vieler Brüche und Umbrüche durch. Von der langen Ruhe des Kaiserreiches, über den Bruch 1914/18, dem Traum einer demokratischen Gesellschaft, der Weimarer Republik, der Naziherrschaft, des Zusammenbruches, bis hin zu dem halben Jahrhundert des Friedens in unserem Land. Im Rückblick sieht man allerdings meistens nur die Erfolge und nicht die Schwierigkeiten oder die Konflikte.

Gegenwart
Heute stehen wir wieder an der Schwelle einer neuen Zeit. Unsere Wirtschaft war immer dann tüchtig, wenn sie frühzeitig die neuen Herausforderungen begriffen hatte. Als wir Ende der 70er Anfang der 80er Jahre über unsere schmutzigen Flüsse klagten, da war dies eine Frage an die Politik, aber auch eine Frage an das gesellschaftliche Bewußtsein, an das Engagement vieler. Und nur weil wir verstanden, was passierte, haben wir aus neuem Wissen Problemlösungen erarbeitet und neue Industrien errichtet. Wenn man hier vor 20 Jahren am Main spazieren ging, da stank der Fluß und die Fische trieben mit weißen Bäuchen flußabwärts. Und heute sagt mir mein Anglerverein, in dem ich nur Ehrenmitglied bin, daß es wieder 38 verschiedene Sorten Fische im Main gibt. Sie vermehren sich also, und das heißt, sie sind glücklich. Es gibt zwar noch eine gewisse Diskussion darüber, wie sie schmecken, aber dies ist vom Standpunkt der Fische egal. Wir haben jedenfalls etwas begriffen. Wir haben wieder einmal ein Problem gelöst und gleichzeitig entstand eine Vielzahl von großen, mittleren und kleinen Betrieben mit insgesamt über 950.000 neuen Arbeitsplätzen und zwar dank einer der besten Umwelttechniken, die es auf der ganzen Welt gibt. Die Wissenschaft gibt uns Problemlösungen. Wenn jetzt die Hoechst AG mit großer Kraft versucht, neue Medikamente für Krankheiten zu finden, gegen die wir bisher wehrlos waren, Pflanzen züchtet, so daß für eine wachsende Menschheit - auch mit Hilfe der Gentechnik - Ernährung und damit Überleben möglich werden, dann schafft dies Lösungen von schweren Problemen und gleichzeitig die Chance für neue Arbeit.

Informationszeitalter
Deutschland ist ein reiches Land, zugleich aber auch ein teures Land. Und nur dann, wenn wir schneller als die anderen sind und genauer mit Wissen umgehen, nur dann werden wir in einer offenen Welt, in der die Grenzen weitgehend weggefallen sind, Erfolg haben können. Und deswegen zeichnet sich auch eine neue Chance für die Wirtschaft ab. Vor 20 /25 Jahren gab es die Sorge, daß je mehr die Wirtschaft wächst, desto mehr Rohstoffe, Energie und Umwelt verbraucht werden. Doch was wir jetzt gefunden haben, ist ein Wachstum, das die Probleme nicht vermehrt, sondern lösen kann, wenn nicht überall schon gelöst hat. Der Chip, die Informationstechnik, das ist ein Wachstum, das keine Umwelt verbraucht, keine Energie, keine Rohstoffe, es ist ein Wachstum aus Intelligenz, aus Wissen. Der Chip, das ist das Silizium, Silizium ist Sand, und Sand ist überall reichlich vorhanden. Da gibt es keine Knappheiten, und ein bißchen Intelligenz ist angeblich ebenso unbegrenzt da. Was hier also entsteht, ist die Chance einer Welt, die dauerhaft ist, und ihre Grundlagen nicht zerstört, eine Welt, in der wir lernen, aus Intelligenz heraus zu wachsen und nicht aus dem Verbrauch der Ressourcen, in der wir zunehmend lernen, in Kreisläufen zu leben. Die Biotonne ist hierfür nur ein Beispiel. Es entsteht eine neue Welt, und doch bleibt die alte Aufgabe von Schule, in je einer neuen Weise die jungen Leute jeweils wieder fit zu machen für das Leben. In der Vergangenheit war es immer so, man hat einmal im Leben gelernt und das hat für lange Zeit gereicht. Nach Schulzeit, Lehre oder Studium kam das Neue in einer sich verändernden Welt langsam hinzu. Das ist heute anders. Die Welt verändert sich rasend schnell. Wer tüchtig sein will, muß immer wieder lernen. Aber dies setzt eines voraus: Man muß auch Freude daran haben, man darf am Ende der Schulzeit sich nicht erlöst zurücklehnen und sagen: „Gott sei Dank, jetzt ist es vorbei!” Am Ende der Schulzeit muß man Neugier haben, Freude, sich selbst Fragen zu stellen, Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren.

Sprachen
In der Festschrift wird mit großem Stolz berichtet, welche Sprachen an dieser Schule unterrichtet werden, selbst Spanisch. Dies ist ein Spiegel der Welt und zwar so, wie sie sich verändert hat. Sie ist heute eine offene Welt, man braucht nur zu sehen, wie sich unsere Jugend heute zwanglos und unbefangen im Internet zurechtfindet, in ihm „herumsurft”, so, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Auch die Flugpreise sind gefallen, man kann schon für ein paar hundert Mark nach New York fliegen. Plötzlich ist die Welt offen, sie ist offen für die Freizeit, für das Lernen, für das Arbeiten, für das Vergleichen unterschiedlicher Lebens-, Freizeit- und Arbeitskulturen. Sprachen zu lernen ist die Voraussetzung dafür, daß man überall zu Hause sein kann. Wissensgesellschaft, das heißt Umgang mit den Informationstechniken, mit dem Internet, mit dem PC. Hierzu gehört aber auch die Fähigkeit, rechtzeitig abzuschalten, um nicht für den Rest des Tages oder Abends im Internet zu versumpfen. Man sucht ein paar Informationen und landet irgendwo bei einem Jetfreund im Internet. Und plötzlich ist alles so faszinierend, daß man dabei hängen bleibt. Kulturtechnik heißt nicht nur, etwas tun zu können, sondern ebenso, auch nein sagen zu können.

Kultur
Eine andere Frage ist, das alte, selbstverständliche Wissen im Auge zu behalten, dasjenige, was unsere Kultur ausmacht. Kultur ist, daß man auch Musik selber macht, daß man im Theater sich auszudrücken lernt, daß man den Reichtum und die Schönheit der deutschen Sprache kennenlernt, daß man Kenntnisse in Mathematik und den Naturwissenschaften besitzt, daß man weiß, daß all dies ein Teil der Welt ist, in der wir leben und arbeiten. Dies muß Schule leisten, und das ist keine leichte Aufgabe. Damit dies gelingt, bedarf es Voraussetzungen ganz unterschiedlicher Art. Unser Ministerpräsident, Herr Koch, hat in seiner Regierungserklärung ausdrücklich darauf hingewiesen, daß es eine der ersten Aufgaben hier im Lande sein wird, die Voraussetzungen zu schaffen, daß Schulstunden nicht mehr ausfallen, daß die jungen Leute, wenn sie arbeiten und sich anstrengen wollen, wieder die Möglichkeit haben, etwas zu erreichen. Andererseits setzt das aber auch voraus, daß jeder Lehrer sein Fach beherrscht. Das Wesentliche ist jedoch der Geist, der in einer Schule herrscht. Dies ist der Fall, wenn man ein Stück Begeisterung spürt, jene Freude am Erziehen junger Menschen, am Zusammenfinden, die Freude am Gestalten wie auch am Mitgestalten des Bildes junger Menschen. Und wenn jeder von uns zurückdenkt an seine eigene Schulzeit, dann ist es so, daß sich jeder an einen Lehrer, eine Lehrerin besonders gern erinnert. Und wenn er dann prüft, warum er sich erinnert, dann ist es genau dieses persönliche Engagement, diese Begeisterung für ein Fach, das sie uns vermittelt haben. Dies ist für die Art, wie junge Leute die Welt sehen, unglaublich wichtig.

Zusammenleben
Der Aufbruch in die Wissensgesellschaft ist nicht nur eine Sache des Erlernens neuer Techniken, sondern auch eine Frage, in welchem Geist und in welcher Einstellung man mit anderen zusammenzuarbeiten und sie ernst zu nehmen bereit ist. Und es gilt, sie besonders dann ernst zu nehmen, wenn sie ganz anders sind wie man selbst. Für mich war es immer wieder ein eindrucksvolles Erlebnis, von meinen Kindern zu hören, wenn in der Klasse über Jungen oder Mädchen mit völlig ungewohnten Vornamen gesprochen wurde. Die merkten nicht einmal mehr, daß deren Eltern Türken, Jugoslawen oder Italiener waren. Es war eine selbstverständliche Gemeinschaft, die in einem guten Geist entstand. Auch dies gehört zu dem, was in einer Schule zu lernen ist. Erfolg hängt nicht nur von den eigenen Tüchtigkeiten ab, sondern auch zusätzlich von dem, was unsere Gemeinschaft ist, was sie zusammenhält. Dazu gehört, daß man sich freut am Zusammenleben und Zusammenarbeiten in den Vereinen, daß man sich überlegt, ob man in eine politische Partei eintritt, daß man die Gemeinschaft einer Kirchengemeinde als Wert und Bereicherung ansieht.

Zukunft
Wie wird die Zukunft aussehen? Die Wissensgesellschaft wird schnell sein. Wirklichkeit wird sich schneller verändern als heute. Man wird sich nicht in einem einzigen Beruf für sein ganzes Leben zu Hause fühlen können, man wird öfter einmal die Firma wechseln, mal in einem großen, mal in einem kleinen Unternehmen arbeiten müssen. Die Zahl der Selbständigen wird steigen. Die Möglichkeiten werden vielfältiger werden und damit die Notwendigkeit, sich selbst zu entscheiden und selbst den nächsten Schritt zu wagen. Und hier steht die Schule unter allen Institutionen, die die Gesellschaft aufgebaut hat, an einem neuen Beginn. Und so wünsche ich Ihnen bei dieser Arbeit, Ihnen in der ganzen Gemeinschaft, bestehend aus Schülern, Lehrern und Eltern sowie auch denen, die sich der Schulgemeinschaft verbunden fühlen, den Ehemaligen und den Interessierten aus dem Stadtteil, für die kommenden Jahre gute Arbeit in einem guten Geist, und daß ein bißchen von diesem guten Geist wirksam wird. Als ich vor langer Zeit in ihrer Schule war, begegnete mir ein Satz, den ich lange schon vergessen hatte. Ein schon lange verstorbener Kollege sagte einmal: „Willst du ein Schiff bauen, dann sammle nicht Werkzeug und Säge und Holz, sondern sammle Männer und lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, großen Meer. Lehre sie die Sehnsucht nach der Zukunft, die Freude an der Aufgabe, die Kraft, in einer offenen Welt den eigenen Weg zu finden, die Brüderlichkeit in einer guten Gemeinschaft, das Zusammengehörigkeitsgefühl, aber auch den Willen, selbst das Beste aus dem eigenen Leben zu machen. Und dies wünsche ich der Hela für die nächsten 125 Jahre. In diesem Sinne möchte ich dann auch schließen mit einem: „Glück auf für die nächsten 125 Jahre”.

   

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