
| Inhalt Ausgabe 42
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Helmut Jochems Schlußstrich oder Schlussstrich? Die neue deutsche Rechtschreibung im zweiten Jahr ihrer Erprobungsphase Für Lehrerinnen und Lehrer muß es am 2. 8. 1999 ein eigenartiges Erlebnis gewesen sein, die amtliche Sonderschreibung der Schulen schon beim Frühstück in der Zeitung anzutreffen - freilich nicht vollständig und dazu sehr nachlässig gehandhabt. Doch an diesen Zustand hatte sich ja seit spätestens Herbst 1998 jedermann gewöhnen können, der von Schülern geschriebene Texte durchzuarbeiten hat. Etwas konsequenter verfahren die Behörden, aber die frühere Korrektheit der amtlichen Schreiben ist ebenfalls dahin. Dabei sollte die Rechtschreibreform doch nur einen kleinen Teil der Wörter orthographisch verändern, damit das Schreiben insgesamt logischer und einfacher würde. Nach einem Jahr amtlicher Gültigkeit der Neuregelung gilt es als Ergebnis festzuhalten: Die früher für selbstverständlich gehaltene Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung gibt es nicht mehr. Wird es sie je wieder geben? Daß es zu dem jetzigen Zustand kommen mußte, war allen Eingeweihten schon im Sommer 1996 klar. Die angeblich über Jahre hinweg sorgfältig vorbereitete „Neuregelung” war tatsächlich 1994/95 unter der Federführung deutscher Ministerialbeamter aus den zum Teil nicht einmal abschließend beratenen Einzelentwürfen des Internationalen Arbeitskreises in aller Hast zusammengestellt worden. Für die Überprüfung der neuen Regeln an Texten und Wortsammlungen oder gar im Unterricht fehlte die Zeit. Die fachliche Kritik hatte deshalb nach dem Bekanntwerden des amtlichen Regelwerks keine Mühe, zahlreiche Widersprüche und Unzulänglichkeiten aufzudecken. Den überzeugendsten Beweis für die Verfehltheit der Rechtschreibreform traten jedoch die Lexikographen der Wörterbuchverlage an, die auf Anhieb mehrere tausend Abweichungen produzierten. Den Kultusministern war natürlich schon vor ihrer Zustimmung zur „Wiener Absichtserklärung” klar, daß die Neuregelung in der 1996 beschlossenen Form keinen Bestand haben würde. Die überstürzte Schuleinführung hatte einzig den Zweck, die Reform überhaupt zu retten, um später nach einer in amtlichen Dingen meist sehr reichlich bemessenen Schamfrist die schlimmsten Schäden zu beseitigen. Die Mitglieder der Zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung, die ja auch ihr akademisches Renommee zu wahren haben, sahen diesen Zeitpunkt schon Dezember 1997/Januar 1998 als gekommen an. In ihrem ersten Bericht an die Konferenz der Kultusminister schlugen sie Regelveränderungen im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie der Groß- und Kleinschreibung vor. Betroffen waren etwa 500 bis 800 Wörter. Der Vorsitzende der Mannheimer Kommission, Prof. Gerhard Augst (Siegen), hielt diese Nachbesserung für derart „unumgänglich notwendig”, daß er die wiederhergestellten traditionellen Schreibungen schon in seinem großen „Wortfamilienwörterbuch der deutschen Sprache” (Tübingen 1998) verwendete, und zwar in den Einträgen selbst und in seinen Erläuterungen. Zur großen Überraschung aller Beteiligten lehnten die Kultusminister der Bundesrepublik nach Beratung mit ihren Kollegen aus Österreich und der Schweiz die Veränderung des Regelwerks ab. Mit ihrer Zustimmung vor der amtlichen Einführung am 1. 8. 1998 hätten sie der Rechtschreibreform den Boden entzogen. Die Professoren Eisenberg (Potsdam) und Munske (Erlangen-Nürnberg) reagierten auf die Brüskierung der Zwischenstaatlichen Kommission mit ihrem Austritt. Was aber eine amtliche Kommission für unhaltbar hält, kann nicht unendlich lange beibehalten werden. Prof. Augst ist deshalb im Augenblick nicht zu beneiden. Einerseits muß ihm daran gelegen sein, den verheerenden Eindruck der stark divergierenden Wörterbücher aus der Welt zu schaffen, andererseits muß er aber auch auf die Reparatur des Regelwerks selbst dringen. Dem ersten Anliegen diente Ende 1998 eine Reihe von Besprechungen mit den leitenden Lexikographen von Duden und Bertelsmann. Die einzige verläßliche Autorität für die neue deutsche Rechtschreibung ist nämlich zur Zeit Prof. Augst. Im Grunde entscheidet er freilich nach eigenem Gusto, welche der von dem ungenauen und widersprüchlichen Regelwerk erzeugten Schreibvarianten gelten soll. Diese Schreibungen gehen in die neuesten Wörterbücher der beiden Großverlage ein, an denen sich dann die übrigen einschließlich der Schulbuchverlage zu orientieren haben. Merkwürdigerweise hört man aus Mannheim keinen Widerspruch gegen den Sonderweg der Nachrichtenagenturen und noch stärker abweichende Hausorthographien wie die der ZEIT. Seit Ende 1997 schweigt die Zwischenstaatliche Kommission aber ohnehin, während vorher häufige Presseerklärungen die Regel waren. Offenbar geht es jetzt ausschließlich um Zeitgewinn in der Hoffnung, daß der Widerstand der Reformgegner erlahmt und dann von der Rechtschreibreform gerettet werden kann, was nicht auf eklatante Weise verfehlt ist. Bei genauer Lektüre des didaktischen Handbuchs „Rechtschreibung
und Rechtschreibunterricht” (Stuttgart 1998), das Prof. Augst gemeinsam
mit der als Ersatz für Prof. Munske in die Zwischenstaatliche Kommission
berufenen Professorin Mechthild Dehn (Hamburg) verfaßt hat, findet
man die neue Marschrichtung schon vorgezeichnet: Offenbar soll künftig auf künstlich kreierte
Schreibungen verzichtet werden, und statt der ständigen Orientierung
an explizit formulierten Regeln soll das Sprachgefühl der kompetenten
Schreiberinnen und Schreiber wieder eine größere Rolle spielen.
Wie ein Relikt aus vordemokratischen Zeiten mutet freilich der Satz an,
der wohl aus einer älteren Redaktionsstufe stehengeblieben ist: Damit ist natürlich noch nichts über den Zeitpunkt gesagt, zu dem die Reform der Reform ins Werk gesetzt wird. Das Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister hält noch starr an 2005 fest, nennt den jetzigen Zustand aber vorsichtshalber „Erprobungsphase”. Aus den Wörterbuchverlagen erfährt man frühere Termine. Die Rede ist von zwei bis drei Jahren bis zu einer Revision des Regelwerks. Für den späteren Termin plädieren erwartungsgemäß die Schulbuchverlage, die ja einiges in die orthographische Umstellung ihrer Publikationen investiert haben. Offen muß bleiben, wie sich im Hinblick auf die geplante Reform der Reform die Zeitungen verhalten werden. Deren eigenes Regelwerk (aus der Arbeitsgruppe der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen) verzichtet zwar auf die eindeutschenden Fremdwortschreibungen, die das Lesen erschwerende vereinfachte Zeichensetzung und die manchmal abenteuerliche neue Silbentrennung, läßt aber sonst die heftig kritisierten Regeln in den Abschnitten Getrennt- und Zusammenschreibung bzw. Groß- und Kleinschreibung unverändert. Eine Ausnahme bildet lediglich DIE ZEIT, die in ihrer Hausorthographie wenigstens die meisten zusammengesetzten Partizipien wieder zusammenschreibt. Eine allgemeine Rückkehr zu der von allen Ungereimtheiten gereinigten früheren Duden-Schreibung dürfte allerdings weder den Medien noch den Behörden schwerfallen. Außerhalb der Schulen ist die neue Orthographie nämlich im wesentlichen eine Domäne der Rechtschreibkonverter. Kaum jemand macht sich die Mühe, das verwirrende Regelwerk wirklich zu lernen, denn der Computer wird’s schon richten. Daß in den Zeitungen neuerdings so häufig divergierende Schreibungen für ein und dasselbe Wort anzutreffen sind, hat einen einfachen Grund: Konverter speziell für die dpa-Rechtschreibung gibt es noch nicht, folglich muß vorläufig bei jeder Schlußredaktion improvisiert werden. Unterdessen ergeben auch die neuesten Befragungen, daß etwa Dreiviertel aller Deutschen bei der traditionellen Rechtschreibung bleiben wollen. Ihnen bietet sich das Rechtschreibwörterbuch (mit neuformuliertem Regelwerk) Deutsche Einheitsorthographie (St. Goar 1999) des Erlanger Sprachwissenschaftlers Theodor Ickler als Hilfe an. Prof. Ickler spricht von der „üblichen” Rechtschreibung, die er in Texten aus Zeitungen und anderen Quellen – heute per CD-ROM leicht zugänglich – findet. Dabei ergibt sich übrigens, daß der Duden bislang zur „amtlichen” Norm erhob, was in den Belegen überwog. „Üblich” bedeutet aber nicht per se „einheitlich”. Alle neueren Entwicklungen, wie zum Beispiel die Zusammenschreibung von „ernstnehmen” oder „nochmal”, tauchen zunächst nur in wenigen Quellen auf, um dann allmählich mehrheitsfähig zu werden. Eine Rechtschreibnormierung, die solche Entwicklungen von vornherein abblockt, ist gegen den Geist der Sprache. Prof. Ickler unterscheidet deshalb in seinem Regelwerk wie in seinem Wörterbuch Schreibungen, über die es in der Schreibgemeinschaft keinen Dissens gibt, von solchen, die für Neuerungen offen sind. Für letztere gelten „fakultative” Regeln. Beim Vergleich von Prof. Icklers Regelwerk mit den Korrekturvorschlägen der Zwischenstaatlichen Kommission vom Januar 1998 kommt man zu dem verblüffenden Ergebnis, daß in weiten Bereichen die Reformbefürworter und die Reformkritiker (sofern sie sprachwissenschaftlich und nicht ideologisch oder populistisch argumentieren) in ihren Ansichten gar nicht so weit auseinander liegen. Ausländische Freunde, besonders die Franzosen, überrascht
die Passivität, mit der die deutsche Öffentlichkeit auch die
unsinnigsten Rechtschreibänderungen hinnimmt. Daß die Deutschlehrer
aller Schularten nicht gleich 1996 protestierten, mag man mit deren Erfahrungen
im Umgang mit den Schulbehörden erklären. Jede politische Richtung,
die gerade in den Kultusministerien das Sagen hat, setzt dort ihre Lieblingsideen
durch. Lehrer sind Beamte und haben die staatlichen Vorgaben zur übernehmen.
Im Falle der Rechtschreibreform kommt freilich hinzu, daß vielen
Deutschlehrern seit ihrem Studium die anti-elitären Vorstellungen
vertraut sind, auf die die Reformer sich gern berufen. Prof. Augst schrieb
im Frühjahr 1997 an den Präsidenten der Kultusministerkonferenz
(damals Rolf Wernstedt aus Niedersachen): Die sprachwissenschaftliche Kritik – gleich von welcher Seite – hält das Regelwerk von 1996 für ungeeignet, die hier aufgestellten Ziele zu erreichen. Untersuchungen über Änderungen des allgemeinen Schreibverhaltens gibt es verständlicherweise noch nicht, aber auch aus den Schulen erfährt man wenig. Einiges deutet jedoch darauf hin, daß pauschalierende Hinweise wie „In der Regel getrennt!” und „In der Regel groß!” jetzt schon zu Falschschreibungen führen, die es früher nicht gab. Sind die Lehrer von Amts wegen gehalten, die „amtliche” Rechtschreibreform mitzumachen, hätte man von den Journalisten ein unabhängiges Urteil erwarten dürfen, zumal diese Berufsgruppe ja wirklich die kompetenten Schreibpraktiker par excellence stellt. In der Tat hat es um den 1. August nicht an sarkastischen Kommentaren in den Zeitungen gefehlt, aber von ausgesprochenem Widerstand einzelner Journalisten oder ganzer Redaktionen war nichts zu hören. Immerhin haben die Zeitungsverlage es vermieden, die Zustimmung ihrer Redakteure zu der geplanten Umstellung einzuholen, und sie begründen ihren Schritt entsprechend dürftig mit dem Hinweis auf die „Leser von morgen”, an die sie zu denken hätten. Angesichts der Kapitalverflechtung und der Beteiligungsverhältnisse im Medienbereich muß man eher annehmen, daß die Großen der Branche mit Interessen im lukrativen Wörterbuchgeschäft sich durchgesetzt haben. Da aber praktisch alle mitmachen, versagt hier der investigative Journalismus. Man wird wohl nie erfahren, wie es zu der von der Öffentlichkeit nicht gerade herbeigesehnten Umstellung der Zeitungsorthographie kam. In diesen Zusammenhang gehört jedoch die Enttäuschung der Journalisten darüber, daß ihre Leser nicht energischer gegen die neuen Schreibweisen protestieren. Es hat zwar kritische Leserbriefe gegeben, doch wer wird sein Abonnement nur wegen „Missbrauch” und „Essstörungen” kündigen? Schon jetzt ist jedoch abzusehen, daß von der Einführung der neuen Schreibungen in den Druckmedien eine viel größere Wirkung ausgeht als von der bislang nicht sehr gründlichen Umsetzung in den Schulen und bei den Behörden. Konsequenterweise hat Anfang August die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihren Kompromißvorschlag vom Februar 1999 zurückgezogen, mit dem sie kurzfristig eine vernünftige Revision der Neuregelung erreichen wollte. Zugrunde lag Prof. Eisenbergs „minimalistisches” Programm, alles Sinnvolle und Hinnehmbare aus dem neuen Regelwerk beizubehalten. Insgesamt ist jedoch sein Urteil über die Rechtschreibreform trotz aller Zugeständnisse eindeutig: „Auch evidente Dummheiten muß sich eine Sprachgemeinschaft vom Staat nicht auferlegen lassen.” Das war wohl der letzte Versuch der Darmstädter Akademie, mit dem Sachverstand und dem Renommee ihrer hundert „Weisen der deutschen Literatur” etwas gegen die mißglückte Rechtschreibreform zu unternehmen. Unter diesen Umständen könnte es scheinen, als zöge der schleswig-holsteinische Landtag mit der skandalösen Aufhebung des Volksentscheids zur Rechtschreibreform den Schlußstrich unter die turbulenten Entwicklungen der letzten drei Jahre. In allen anderen Bundesländern sei der Protest gegen die Neuregelung zusammengebrochen, hieß es am 15. September in Kiel. Nur eine Partei, die vor kurzem noch konsequent für die traditionelle deutsche Orthographie eintrat, sieht weiterhin „erheblichen Korrekturbedarf”. Hieran ist zweierlei bemerkenswert: Unter den deutschen Kultusministern gibt es auch nach der Offenlegung der gröbsten Ungereimtheiten im neuen Regelwerk vorläufig keinerlei Bereitschaft, die einmal getroffene Entscheidung wenigstens teilweise zu revidieren. Wo Politiker die Unzulänglichkeiten zugeben, verweisen sie auf spätere Korrekturen. Auch die objektiv als falsch erkannten Schreibungen müssen also weiterhin an den Schulen gelehrt und gelernt werden. Erst wenn es nach 2005 mit der Wiederherstellung normaler Bewertungspraktiken offenbar wird, daß die Reform die deutsche Rechtschreibproblematik eher verschlimmert hat, wird man in den Kultusministerien wieder „Handlungsbedarf” sehen. Hoffentlich läuft es dann nicht auf jene Radikalreform hinaus, die den eingefleischten Reformern immer schon vorschwebte. „Die Sprachwissenschaftler haben die Rechtschreibung
nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, die Rechtschreibung
zu verändern.” Von dieser 11. These über Duden ist Prof.
Augst inzwischen abgerückt und wird wohl auch für neue Experimente
nicht mehr zu haben sein. In seiner Rechtschreibdidaktik (Augst/Dehn)
hat er sogar seinem alten Steckenpferd „Volksetymologie” (fast)
abgeschworen: Das ist ehrlicher und zugleich konzilianter als alles,
was man bis vor kurzem vom Vordenker der Reformer hörte. Konkret
ist freilich noch nichts zurückgenommen, und immer noch stehen die
orthographischen Scherze von 1996 mit dem „Tollpatsch” an
der Spitze in den Wörterbüchern. Übrigens ist in Frankreich
vor ein paar Jahren eine Rechtschreibreform an der Neuschreibung des Namens
der Seerose gescheitert: „nénufar” statt „nénuphar”.
Es gibt also doch noch Unterschiede zwischen den beiden großen kontinentalen
Kulturnationen – bei der Orthographie und im Demokratieverständnis. |
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