Inhalt Ausgabe 42

Vorwort

Marlene Dietrich: Das gestörte Verhältnis der Deutschen zu sich selbst

Sich einmischen oder wegschauen-Problemfall deutsche Sprache

Schlußstrich oder Schlussstrich? Neue deutsche Rechtschreibung

Maßnahmen zur Qualitätssicherung des Mathematikunterrichts

Schule und die Herausforderungen der neuen Zeit

Verpackungskunst an Schulgebäuden - endlich auch in Frankfurt

Astronomie an der Liebigschule

Hauptschule macht Schule

Nach Rom - ganz nah bei Frankfurt

 

Hans Stegerer

Marlene Dietrich: Das gestörte Verhältnis der Deutschen zu sich selbst

Im Sommer dieses Jahres gab die Illustrierte stern in Erwartung des heranrückenden Jahrtausendwechsels eine wöchentliche Gratisbeilage namens Millennium heraus. Zehn Hefte, eins für jedes Jahrhundert mit Beginn des Jahres 1000, gestaltet in typischer Illustriertenmanier, so als gäbe es den stern schon seit einem Jahrtausend. Das Titelblatt zierte jeweils das Porträt einer repräsentativen Persönlichkeit, bzw. die Allegorie eines bedeutenden Ereignisses. Am Ende der Reihe wartete ich ungeduldig auf das Titelblatt der letzten Ausgabe: „Wer wird die Persönlichkeit, was das Ereignis dieses Jahrhunderts sein?”

Und dann kam die große Überraschung: Marlene Dietrich! Also nein! Gibt es denn wirklich nichts Bedeutsameres zur Charakterisierung dieses Jahrhunderts als eine Filmschauspielerin? Und gab es in diesem Jahrhundert nicht auch größere Schauspieler als sie? Ist die seltsame Marlene-Dietrich-Verehrung also lediglich eine Marotte der Illustrierten stern? Mitnichten, man denke nur an die wichtigste Briefmarke der Deutschen Post, die für den Standardbrief nämlich! In den fünfziger und sechziger Jahren blickte uns von dort das Konterfei des jeweiligen Bundespräsidenten würdevoll entgegen, heute trifft uns tausendfach der kalte Blick des „blauen Engels”. Warum ist die Dietrich für uns Deutsche so wichtig? Repräsentiert sie uns? Hat sie für uns womöglich sogar Vorbildfunktion?

In unserem Nachbarland Frankreich wird zur Zeit Jeanne d’Arc durch die neueste Verfilmung ihrer Geschichte durch Luc Besson Kultfigur kollektiver Verehrung. Und obwohl in der Presse im Zusammenhang mit beiden Frauen Begriffe wie „Ikone” und „Legende” verwendet werden, die Behandlung der Themen also eine Art Heiligenverehrung ist (der stern nennt Marlene Dietrich: die preußische Madonna), so gibt es wohl kaum größere Gegensätze als diese beiden Frauen.

Die eine, Jeanne, ist tugendhaft und rein (Epithet: la pucelle, die Jungfrau), die andere, Marlene, ein mit allen Lastern in Berührung gekommener Genußmensch. In der „Laudatio” des stern wird berichtet, sie habe eine Ehe „mindestens zu dritt” geführt, habe zahlreiche lesbische Liebschaften gehabt und zudem den Ehrgeiz besessen, alle wichtigen Männer des amerikanischen Showbusiness zu verführen. (“It took a lot of men to make me Shanghai Lily”).
Jeanne d’Arc befreite unter Einsatz ihres Lebens die Franzosen von der Fremdherrschaft der Engländer, Marlene Dietrich marschierte mit den amerikanischen GIs triumphierend in ihre zerstörte und verelendete Heimat ein. Historiker bewerten heute den Einmarsch der Amerikaner als „Befreiung”, Marlene Dietrich ließ keinen Zweifel offen: Sie kam als „Siegerin“.
Jeanne d’Arc blieb sich selbst treu, handelte streng nach ihrer göttlichen Eingebung, verstellte sich nicht. Marlene gab des Erfolges wegen nicht nur ihre deutsche Staatsbürgerschaft auf, sondern zudem auch ihre persönliche Identität. Ihr Regisseur und persönlicher Berater, Josef von Sternberg, schrieb ihr bis ins Detail vor, wie sie auszusehen, was sie zu sagen und wie sie sich zu verhalten hatte.

Schließlich starb Jeanne d’Arc als Märtyrerin auf dem Scheiterhaufen zu Rouen , Marlene Dietrich hingegen beendete ihr Leben als Asoziale. Ohne durch Krankheit dazu gezwungen zu sein, verbrachte sie die letzten zehn Jahre ausschließlich in ihrem Apartment in Paris und verließ dort kaum noch ihr Bett. Sie konnte es nicht ertragen, als alternde bzw. als alte Frau gesehen - und viel schlimmer noch! - photographiert zu werden. In ihrem französischen Versteck „ernährte” sie sich laut stern hauptsächlich von Alkohol und Tabletten und belästigte regelmäßig zu nachtschlafender Zeit mit schnapsvernebeltem Geist die letzten Freunde und Bekannten mit endlosen Telefonaten. Man sollte nach alledem glauben, es gäbe aus deutscher Sicht so viel mehr Gründe, diese Frau möglichst schnell zu vergessen, als sie wie eine Nationalheldin auf Briefmarken und Illustriertentitelblättern zu feiern.

Glückliches Frankreich, armes Deutschland! Sage mir, wen du verehrst, und ich sage dir, wer du bist!

In einer anderen Ausgabe des stern (Nr. 36, 2.9.’99) drängte sich mir der Vergleich zu Frankreich erneut auf. In einem Beitrag betitelt: SPRACH-STÖRUNG wird berichtet, daß unter allen europäischen Sprachen die deutsche eine der korruptesten, die französische nahezu die gesündeste sei. Dieses Urteil stützt sich auf eine Untersuchung des Sprachkritikers Dieter E. Zimmer, der 1997 zehn europäische Sprachen daraufhin untersucht hat, ob sie die hundert meistgebrauchten Computerbegriffe der jeweiligen Landessprache anpassen konnten oder nicht. Danach landete Französisch nach Finnisch auf dem zweiten, Deutschland jedoch auf dem vorletzten Platz.

Überhaupt hat die hemmungslose Verwendung von Anglizismen in unserem Lande in einer Weise zugenommen, daß verantwortungsbewußte Leute sich fragen müssen, ob unsere Sprache überhaupt noch zu retten sei. Das Bedenkliche daran ist, daß die Deutschen noch nicht einmal merken, was das eigentliche Übel daran ist. Kritisiert man ihr denglisch - ein Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch - , so wird dies oft mit der Sprachsäuberungsaktion des „dritten Reiches” gleichgesetzt, so als ginge es um die Tabuisierung des Gebrauchs von Fremdwörtern im allgemeinen. In Frankreich besteht gesetzlich die Auflage, in für die Öffentlichkeit bestimmten Schreiben und Verlautbarungen hinter dem benutzten fremdsprachlichen Wort die französische Übersetzung hinzuzufügen. Im Grunde ist dies nur ein Zeichen des Respekts all jenen gegenüber, die die Bedeutung vieler Fremdwörter nicht kennen. In Deutschland hingegen werden Leute von ihren Vorgesetzten abgemahnt, weil sie genau dies tun. Ein Ingenieur der Lufthansa wurde offiziell abgemahnt, weil er, um Mißverständnissen vorzubeugen, in Arbeitsberichten hinter dem englischen exterior cleaning of aircraft den präzisen deutschen Ausdruck „Flugzeugwäsche“ in Klammern angefügt hatte. Die Arbeiter dankten es ihm, seine Vorgesetzten nicht.

Worum es geht, ist weniger in einer Art linguistischer Fremdenfeindlichkeit alle neuen Fremdwörter ab- und alle alten auszuweisen, wichtig ist vielmehr, die Muttersprache lebendig zu erhalten. Lebendig ist eine Sprache dann, wenn sie aus sich selbst heraus neue Wörter schöpft oder in alten Wörtern neue Bedeutung entdeckt. Wenn dies in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern so wenig gelingt, dann liegt das entweder an einem höheren Maß an sprachlicher Faulheit oder an einem geringeren Maß an sprachlicher Kreativität. Es ist aber auch nicht auszuschließen, daß beides zusammenkommt.

Das Verhältnis zu seiner Muttersprache ist im besten Fall wie jenes, das im Matthäus-Evangelium durch das Gleichnis mit dem Schatz im Acker ausgedrückt wird (13,44).

Jemand, der unsere Sprache solchermaßen als „Schatz” entdeckt hat, als etwas Kostbares also, das gehütet, gepflegt und vermehrt sein will, ist Walter Krämer, Professor für Wirtschaftsstatistik an der Universität Dortmund. Er gründete Ende November 1997 den Verein zur Wahrung der deutschen Sprache e.V., deren Mitgliederzahl binnen kurzer Zeit auf über 6500 angewachsen ist. Nachdem ich ihn um einen Beitrag für Schule in Frankfurt gebeten hatte, schickte er mir das Manuskript einer Rede, die er anläßlich der Verleihung des Deutschen Sprachpreises an ihn in Weimar gehalten hatte (abgedruckt in dieser Ausgabe von SchiFF). Dabei stieß ich auf einen Satz, der mich dem Verständnis der deutschen Marlene-Dietrich-Verehrung näher brachte.

Die Sprache Deutsch hat selbst in ihrer Heimat nicht mehr so viele Freunde, vom Rest der Welt ganz abgesehen, weil viele Deutsche sich so gern im Glanz der Siegersprache sonnen. Lieber ein halber Ami als ein ganzer Nazi, man möchte endlich, und sei es auch nur leihweise, zu denen gehört, die in Hollywoodfilmen gewinnen, zu den Edlen, Guten und Geliebten dieser Erde.

Ist nicht Marlene Dietrich die Verkörperung dieses „deutschen Traumes”, des Traums, aus seiner nationalen Haut zu schlüpfen, und damit den Vorurteilen anderer Nationen zu entkommen? Mehr noch, indem man gefühlsmäßig nicht mehr zu den Deutschen gehört, kann man endlich selber wieder nationale Vorurteile ausleben, jetzt nicht mehr gegen eine Minderheit in Deutschland, sondern gegen alle Deutsche, die sich noch als solche fühlen, die noch immer bestimmte typische Eigenarten ungeniert zeigen. Und Marlene Dietrich verkörpert nicht nur diesen Traum, sondern zudem auch noch die Möglichkeit des amerikanischen, des American Dream: „Von der Tochter eines preußischen Offiziers zum Weltstar”.

Dietrich Schwanitz schreibt in Bildung, Alles was man wissen muß im Kapitel Geschichte Folgendes (siehe auch Buchbesprechung in dieser Ausgabe von SchiFF):
Das Problem [der deutschen Geschichte; H.S.] ist hier das große historische Trauma der Nazi-Zeit: Diese Epoche wirkt wie ein implodierter Stern, der sich in ein schwarzes Loch verwandelt hat und alles Licht in seiner Dunkelheit begräbt. (S. 29)

Hieraus könnte man ableiten, daß die Deutschen vor diesem „schwarzen Loch” der NS-Zeit ein unbefangenes Verhältnis zu sich selbst hatten, daß nun aber durch die unseligen zwölf Jahre ein Bekenntnis zur nationalen Identität schwierig, wenn nicht gar unmöglich wurde. Diese These ist logisch, läßt sich geschichtlich jedoch nicht aufrecht erhalten.

Die Deutschen sind nicht erst seit dem Holocaust international unbeliebt, sondern waren dies auch schon vorher. Sie sind die Buhmänner - die bad guys - der Weltgeschichte schon seit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71. Simone Weil (1909-1943), eine französische Philosophin, schreibt in ihrem Hauptwerk Le déracinement (Die Entwurzelung):
Ab 1871 wandelte sich im Bewußtsein Europas das Bild des Deutschen zum „Preußen”. Vorher kannte man ihn als blauäugigen träumenden Musiker, „gutmütig” (im Original deutsch), Pfeifenraucher und Biertrinker, völlig friedlich, so wie man ihn noch bei Balzac findet.

Die Deutschen waren baff erstaunt, als sie sich plötzlich als Schreckensbild (objet d’horreur) in den Augen Europas wiederfanden, wohingegen es ihr einziger Fehler war, sich siegreich verteidigt zu haben. Aber der Besiegte war Frankreich; und trotz Napoleon genügte allein [die Jahreszahl] 1789, damit die Sieger Schrecken verbreiteten.

Hinzu kommt, daß viele Deutsche auch schon vor 1933 bzw. 1939 vergleichsweise leichtfertig ihre Sprache und ihre Identität aufgaben. Scharenweise emigrierten sie in die Vereinigten Staaten und bildeten dort die zahlenmäßig größte ethnische Gruppe mit beinahe einem Viertel der amerikanischen Bevölkerung. (1990 waren 58 von 248 Millionen Amerikanern deutschstämmig). Nur merkt man davon wenig, weil die ausgewanderten Deutschen “a template of assimilation” (Richard Brookhiser), ein „Muster an Anpassung” sind. “The Germans make the best Americans though they certainly make the worst Germans.” (Karl Shapiro)

Es steht zu vermuten, daß nicht die NS-Zeit das eigentliche „schwarze Loch” der Deutschen ist, sondern nur Ausdruck desselben. Das Problem der Deutschen ist weniger die Vergangenheit, als daß sie auf ihrem Acker keinen Schatz (mehr) entdecken. Und aus diesem Grund ist das Gras auf der anderen Seite des Zaunes so viel grüner, gibt nur der Amerikanische Traum von Beliebtsein und Reichwerden dem Leben Sinn und Ausrichtung.

In Deutschland herrscht seit langem schon die kritisce Haltung zu Sprache, Kultur und Herkunft vor. Dies „typisch deutsch” zu nennen, wäre aber nur die halbe Wahrheit. Charakteristisch ist auch die völlig entgegengesetzte Haltung. Ein Beispiel hierfür liefert die Zeit der deutschen Klassik, die Zeit der Deutschen als das Volk der Dichter und Denker. Während Friedrich der Große und mit ihm der Adel die deutsche Kultur geringschätzten und vornehmlich französisch sprachen, schufen die Dichter der Romantik und die Philosophen des Idealismus durch ihren lebendigen Bezug zur deutschen Sprache Werke von Weltgeltung. Der Schatz ist auf dem Acker, man muß ihn nur entdecken!
Für uns Lehrer gilt nun, den uns anvertrauten jungen Leuten den Zugang zu diesem Schatz zu ermöglichen und ihnen bei der Pflege desselben behilflich zu sein, auf daß sie nicht so kläglich enden wie die „Ikone” Marlene Dietrich.
In Rouen, unweit der Stelle, wo Jeanne d’Arc verbrannt wurde, steht zu lesen:
Jeanne sans sépulcre et sans portrait, Toi qui savais que le tombeau des héros est le cœur des vivants.

(Johanna ohne Grab und ohne Bildnis, Du wußtest, daß die Ruhestätte der Helden die Herzen der Lebenden sind).

Ich wünschte, wir hätten jemanden wie sie.

   

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