
| Inhalt Ausgabe 42
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Hans Stegerer Marlene Dietrich: Das gestörte Verhältnis der Deutschen zu sich selbst Im Sommer dieses Jahres gab die Illustrierte stern in Erwartung des heranrückenden Jahrtausendwechsels eine wöchentliche Gratisbeilage namens Millennium heraus. Zehn Hefte, eins für jedes Jahrhundert mit Beginn des Jahres 1000, gestaltet in typischer Illustriertenmanier, so als gäbe es den stern schon seit einem Jahrtausend. Das Titelblatt zierte jeweils das Porträt einer repräsentativen Persönlichkeit, bzw. die Allegorie eines bedeutenden Ereignisses. Am Ende der Reihe wartete ich ungeduldig auf das Titelblatt der letzten Ausgabe: „Wer wird die Persönlichkeit, was das Ereignis dieses Jahrhunderts sein?” In unserem Nachbarland Frankreich wird zur Zeit Jeanne d’Arc durch die neueste Verfilmung ihrer Geschichte durch Luc Besson Kultfigur kollektiver Verehrung. Und obwohl in der Presse im Zusammenhang mit beiden Frauen Begriffe wie „Ikone” und „Legende” verwendet werden, die Behandlung der Themen also eine Art Heiligenverehrung ist (der stern nennt Marlene Dietrich: die preußische Madonna), so gibt es wohl kaum größere Gegensätze als diese beiden Frauen. Die eine, Jeanne, ist tugendhaft und rein (Epithet: la
pucelle, die Jungfrau), die andere, Marlene, ein mit allen Lastern in
Berührung gekommener Genußmensch. In der „Laudatio”
des stern wird berichtet, sie habe eine Ehe „mindestens zu dritt”
geführt, habe zahlreiche lesbische Liebschaften gehabt und zudem
den Ehrgeiz besessen, alle wichtigen Männer des amerikanischen Showbusiness
zu verführen. (“It took a lot of men to make me Shanghai Lily”). Schließlich starb Jeanne d’Arc als Märtyrerin auf dem Scheiterhaufen zu Rouen , Marlene Dietrich hingegen beendete ihr Leben als Asoziale. Ohne durch Krankheit dazu gezwungen zu sein, verbrachte sie die letzten zehn Jahre ausschließlich in ihrem Apartment in Paris und verließ dort kaum noch ihr Bett. Sie konnte es nicht ertragen, als alternde bzw. als alte Frau gesehen - und viel schlimmer noch! - photographiert zu werden. In ihrem französischen Versteck „ernährte” sie sich laut stern hauptsächlich von Alkohol und Tabletten und belästigte regelmäßig zu nachtschlafender Zeit mit schnapsvernebeltem Geist die letzten Freunde und Bekannten mit endlosen Telefonaten. Man sollte nach alledem glauben, es gäbe aus deutscher Sicht so viel mehr Gründe, diese Frau möglichst schnell zu vergessen, als sie wie eine Nationalheldin auf Briefmarken und Illustriertentitelblättern zu feiern. Glückliches Frankreich, armes Deutschland! Sage mir, wen du verehrst, und ich sage dir, wer du bist! In einer anderen Ausgabe des stern (Nr. 36, 2.9.’99) drängte sich mir der Vergleich zu Frankreich erneut auf. In einem Beitrag betitelt: SPRACH-STÖRUNG wird berichtet, daß unter allen europäischen Sprachen die deutsche eine der korruptesten, die französische nahezu die gesündeste sei. Dieses Urteil stützt sich auf eine Untersuchung des Sprachkritikers Dieter E. Zimmer, der 1997 zehn europäische Sprachen daraufhin untersucht hat, ob sie die hundert meistgebrauchten Computerbegriffe der jeweiligen Landessprache anpassen konnten oder nicht. Danach landete Französisch nach Finnisch auf dem zweiten, Deutschland jedoch auf dem vorletzten Platz. Überhaupt hat die hemmungslose Verwendung von Anglizismen in unserem Lande in einer Weise zugenommen, daß verantwortungsbewußte Leute sich fragen müssen, ob unsere Sprache überhaupt noch zu retten sei. Das Bedenkliche daran ist, daß die Deutschen noch nicht einmal merken, was das eigentliche Übel daran ist. Kritisiert man ihr denglisch - ein Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch - , so wird dies oft mit der Sprachsäuberungsaktion des „dritten Reiches” gleichgesetzt, so als ginge es um die Tabuisierung des Gebrauchs von Fremdwörtern im allgemeinen. In Frankreich besteht gesetzlich die Auflage, in für die Öffentlichkeit bestimmten Schreiben und Verlautbarungen hinter dem benutzten fremdsprachlichen Wort die französische Übersetzung hinzuzufügen. Im Grunde ist dies nur ein Zeichen des Respekts all jenen gegenüber, die die Bedeutung vieler Fremdwörter nicht kennen. In Deutschland hingegen werden Leute von ihren Vorgesetzten abgemahnt, weil sie genau dies tun. Ein Ingenieur der Lufthansa wurde offiziell abgemahnt, weil er, um Mißverständnissen vorzubeugen, in Arbeitsberichten hinter dem englischen exterior cleaning of aircraft den präzisen deutschen Ausdruck „Flugzeugwäsche“ in Klammern angefügt hatte. Die Arbeiter dankten es ihm, seine Vorgesetzten nicht. Worum es geht, ist weniger in einer Art linguistischer Fremdenfeindlichkeit alle neuen Fremdwörter ab- und alle alten auszuweisen, wichtig ist vielmehr, die Muttersprache lebendig zu erhalten. Lebendig ist eine Sprache dann, wenn sie aus sich selbst heraus neue Wörter schöpft oder in alten Wörtern neue Bedeutung entdeckt. Wenn dies in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern so wenig gelingt, dann liegt das entweder an einem höheren Maß an sprachlicher Faulheit oder an einem geringeren Maß an sprachlicher Kreativität. Es ist aber auch nicht auszuschließen, daß beides zusammenkommt. Das Verhältnis zu seiner Muttersprache ist im besten Fall wie jenes, das im Matthäus-Evangelium durch das Gleichnis mit dem Schatz im Acker ausgedrückt wird (13,44). Jemand, der unsere Sprache solchermaßen als „Schatz” entdeckt hat, als etwas Kostbares also, das gehütet, gepflegt und vermehrt sein will, ist Walter Krämer, Professor für Wirtschaftsstatistik an der Universität Dortmund. Er gründete Ende November 1997 den Verein zur Wahrung der deutschen Sprache e.V., deren Mitgliederzahl binnen kurzer Zeit auf über 6500 angewachsen ist. Nachdem ich ihn um einen Beitrag für Schule in Frankfurt gebeten hatte, schickte er mir das Manuskript einer Rede, die er anläßlich der Verleihung des Deutschen Sprachpreises an ihn in Weimar gehalten hatte (abgedruckt in dieser Ausgabe von SchiFF). Dabei stieß ich auf einen Satz, der mich dem Verständnis der deutschen Marlene-Dietrich-Verehrung näher brachte. Die Sprache Deutsch hat selbst in ihrer Heimat nicht mehr so viele Freunde, vom Rest der Welt ganz abgesehen, weil viele Deutsche sich so gern im Glanz der Siegersprache sonnen. Lieber ein halber Ami als ein ganzer Nazi, man möchte endlich, und sei es auch nur leihweise, zu denen gehört, die in Hollywoodfilmen gewinnen, zu den Edlen, Guten und Geliebten dieser Erde. Ist nicht Marlene Dietrich die Verkörperung dieses „deutschen Traumes”, des Traums, aus seiner nationalen Haut zu schlüpfen, und damit den Vorurteilen anderer Nationen zu entkommen? Mehr noch, indem man gefühlsmäßig nicht mehr zu den Deutschen gehört, kann man endlich selber wieder nationale Vorurteile ausleben, jetzt nicht mehr gegen eine Minderheit in Deutschland, sondern gegen alle Deutsche, die sich noch als solche fühlen, die noch immer bestimmte typische Eigenarten ungeniert zeigen. Und Marlene Dietrich verkörpert nicht nur diesen Traum, sondern zudem auch noch die Möglichkeit des amerikanischen, des American Dream: „Von der Tochter eines preußischen Offiziers zum Weltstar”. Dietrich Schwanitz schreibt in Bildung, Alles was man
wissen muß im Kapitel Geschichte Folgendes (siehe auch Buchbesprechung
in dieser Ausgabe von SchiFF): Hieraus könnte man ableiten, daß die Deutschen vor diesem „schwarzen Loch” der NS-Zeit ein unbefangenes Verhältnis zu sich selbst hatten, daß nun aber durch die unseligen zwölf Jahre ein Bekenntnis zur nationalen Identität schwierig, wenn nicht gar unmöglich wurde. Diese These ist logisch, läßt sich geschichtlich jedoch nicht aufrecht erhalten. Die Deutschen sind nicht erst seit dem Holocaust international
unbeliebt, sondern waren dies auch schon vorher. Sie sind die Buhmänner
- die bad guys - der Weltgeschichte schon seit dem deutsch-französischen
Krieg 1870/71. Simone Weil (1909-1943), eine französische Philosophin,
schreibt in ihrem Hauptwerk Le déracinement (Die Entwurzelung): Die Deutschen waren baff erstaunt, als sie sich plötzlich als Schreckensbild (objet d’horreur) in den Augen Europas wiederfanden, wohingegen es ihr einziger Fehler war, sich siegreich verteidigt zu haben. Aber der Besiegte war Frankreich; und trotz Napoleon genügte allein [die Jahreszahl] 1789, damit die Sieger Schrecken verbreiteten. Hinzu kommt, daß viele Deutsche auch schon vor 1933 bzw. 1939 vergleichsweise leichtfertig ihre Sprache und ihre Identität aufgaben. Scharenweise emigrierten sie in die Vereinigten Staaten und bildeten dort die zahlenmäßig größte ethnische Gruppe mit beinahe einem Viertel der amerikanischen Bevölkerung. (1990 waren 58 von 248 Millionen Amerikanern deutschstämmig). Nur merkt man davon wenig, weil die ausgewanderten Deutschen “a template of assimilation” (Richard Brookhiser), ein „Muster an Anpassung” sind. “The Germans make the best Americans though they certainly make the worst Germans.” (Karl Shapiro) Es steht zu vermuten, daß nicht die NS-Zeit das eigentliche „schwarze Loch” der Deutschen ist, sondern nur Ausdruck desselben. Das Problem der Deutschen ist weniger die Vergangenheit, als daß sie auf ihrem Acker keinen Schatz (mehr) entdecken. Und aus diesem Grund ist das Gras auf der anderen Seite des Zaunes so viel grüner, gibt nur der Amerikanische Traum von Beliebtsein und Reichwerden dem Leben Sinn und Ausrichtung. In Deutschland herrscht seit langem schon die kritisce
Haltung zu Sprache, Kultur und Herkunft vor. Dies „typisch deutsch”
zu nennen, wäre aber nur die halbe Wahrheit. Charakteristisch ist
auch die völlig entgegengesetzte Haltung. Ein Beispiel hierfür
liefert die Zeit der deutschen Klassik, die Zeit der Deutschen als das
Volk der Dichter und Denker. Während Friedrich der Große und
mit ihm der Adel die deutsche Kultur geringschätzten und vornehmlich
französisch sprachen, schufen die Dichter der Romantik und die Philosophen
des Idealismus durch ihren lebendigen Bezug zur deutschen Sprache Werke
von Weltgeltung. Der Schatz ist auf dem Acker, man muß ihn nur entdecken! (Johanna ohne Grab und ohne Bildnis, Du wußtest, daß die Ruhestätte der Helden die Herzen der Lebenden sind). Ich wünschte, wir hätten jemanden wie sie. |
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