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Inhalt Ausgabe 40
Vorwort
T
I M S S
Die
Rechtschreibreform ist seit dem 1.8.1998 amtlich
Mit
der S-Bahn zu den Römerschiffen
1948
- 1998: 50 Jahre DLH
Liebigschule
Frankfurt - eine Schule hält Kurs auf Europa
Schulprofile
und der Konkurs der Schule
Schule
als „Dienstleistungsbetrieb“ - ein Irrtum, so alt wie die
Pädagogik selbst
Ist
die „Neue Kultur der Anstrengung“ nur ein Flop?
Lehrer
wagen nur Routineaufgaben abzuverlangen
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Wegen
der Aktualität des Themas möchten wir hier noch einen Leserbrief
veröffentlichen, den unser Redaktionsmitglied, Dr. C. Hartmann, aus
gegebenen Anlaß an die Frankfurter Allgemeine Zeitung geschickt
hat. Er erhielt daraufhin viele Anrufe und Briefe von Leuten, die ihn
in seiner Auffassung bestätigten. H.S.
Lehrer wagen nur Routineaufgaben abzuverlangen
Zu Leserin Regina Waches Brief „Eltern und Mathematiklehrer”
FAZ vom 2. September mit Bezug auf Hans Magnus Enzensbergers Artikel „Zugbrücke
außer Betrieb” (FAZ, „Bilder und Zeiten” vom 29.
August): Ich teile nicht die Auffassung meiner Kollegin Wache, daß
Enzensberger in seinem Beitrag den Lehrern vorwirft, an der Misere der
mangelhaften Vermittlung der Mathematik an unsere Mitmenschen und damit
der Unterschätzung des gesellschaftlichen Nutzens der Mathematik
beziehungsweise des Stellenwertes der mathematischen Forschung schuld
zu sein. Im Gegenteil, er sieht zu Recht die Ursache in den von der Ministerial-
und Kultusbürokratie verordneten Lehrplänen. Diese sind in Hessen
schulpolitisch motiviert und schreiben in der Unter- und Mittelstufe einen
stufenbezogenen, mathematischen „Einheitsbrei” vor. Schulformbezogene
Lehrpläne, zum Beispiel für das Gymnasium, gibt es nicht mehr.
Allerdings ist die Tatsache, daß der Mathematikunterricht bis in
die Oberstufe weitgehend zu einem Einüben von Rezepten verkommen
ist (Enzensberger nennt hier zu Recht das Beispiel der Infinitesimalrechnung)
und Schüler gute Noten erzielen können, ohne den Sachverhalt
verstanden zu haben (zum Beispiel den Grenzwertbegriff), nur zu einem
Teil eine Folge mangelhafter Lehrpläne. Zum anderen Teil ist der
schleichende Niedergang der Mathematik in unseren Schulen die Folge von
leistungsfeindlichen Erlassen, insbesondere des Erlasses über die
schriftlichen Arbeiten. Dieser Erlaß erzwingt, indem der seine Erfolgsquote
von 75 Prozent bei Mathematikarbeiten und Klausuren vorschreibt, quasi
eine Anpassung an das Niveau jener Schüler, die ohne entsprechende
Eignung auf weiterführende Schulen gehen, seitdem der Elternwille
über den Übergang entscheidet.
Da schlecht ausgefallene Klassenarbeiten in der Unter- und Mittelstufe
und Klausuren in der Oberstufe fast automatisch den Lehrern angelastet
werden, obwohl sie nichts dafür können, daß trotz intensiven
Übens und einfachsten Aufgaben Arbeiten schlecht ausfallen, ziehen
es viele Lehrer vor, länger als nötig für Klassenarbeiten
zu üben beziehungsweise nur noch Routineaufgaben abzuverlangen. Danach
fehlt in der Regel die Zeit, den Schülern die universelle Brauchbarkeit
mathematischer Methoden und Modelle für die Lösung einer Vielzahl
von Problemen der realen Welt vorzuführen, geschweige denn, wirklich
Mathematik zu betreiben und nicht dauern öde Rechenrezepte einzuüben.
Daher ist es unfair von Enzensberger, den Lehrern pauschal vorzuwerfen,
sie neigten zu vorauseilendem Gehorsam und sie nützten ihren Freiraum
als Beamte nicht, „sich den obsoleten Routinen, die man ihnen zumutet,
zu widersetzen ...”. Viele Fachkolleginnen und -kollegen haben sich,
diesen Freiraum nutzend, dem amtlich verordneten mathematischen „Fast
food” immer widersetzt und ganz gleich, was die jeweiligen Lehrpläne
vorschrieben, einen wissenschaftspropädeutischen Mathematikunterricht
angeboten. Sie waren aber stets den Anfeindungen seitens ignoranter Schüler,
Eltern, Kollegen und Schulleitern ausgesetzt.
Weil die Ignoranz angeblich eine Himmelsmacht von unbesiegbarer Stärke
ist, war man versucht, anzunehmen, daß die Nivellierung des mathematischen
Unterrichtsniveaus nach unten an unseren Schulen von TIMSS (Third Mathematical
Science Study), einem globalen Leistungsvergleich der mathematisch-naturwissenschaftlichen
schulischen Leistungen, bei dem die deutschen Schüler sehr schlecht
abschnitten, erwächst Unterstützung von außen. Der wegen
der Kulturhoheit der Länder von Bundesländern wie Hessen stets
unterdrückte nationale Wettbewerb wurde durch einen internationalen
ersetzt. Und der erlaubte Rückschlüsse auf das Niveau des Mathematikunterrichts
der einzelnen Bundesländer und Schulformen. Als Folge des schlechten
Abschneidens nicht nur der Schüler von Gesamtschulen, sondern auch
der Oberstufenschüler, ist eine Art mathematischer “Sputnikschock”
eingetreten. Es wird heftig über die Ursachen (einige bisher ungenannte
systemtypische für Hessen wurden oben beschrieben) und über
geeignete Gegenmaßnahmen gestritten. Enzensberger hat zu dieser
Diskussion, ohne TIMSS zu erwähnen, den äußerst wichtigen
gesamtgesellschaftlichen Aspekt der Beschäftigung mit der Mathematik
hinzugefügt. Man muß jetzt gut aufpassen, daß nicht diejenigen,
die die ganze Misere verursacht haben, nämlich eine unselige Allianz
von sozialdemokratischen Kultuspolitikern, Bürokraten und Gesamtschulideologen,
aus der Not eine Tugend macht und handlungsorientierten beziehungsweise
fächerübergreifenden Unterricht als Heilmittel propagiert, während
ein thematisch gut gegliederter, abstrahierender und schlußfolgernder
Fachunterricht unter Einschluß wirklichkeitsnaher Anwendung nötig
wäre.
Dr. Christoph Hartmann,
Frankfurt am Main
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