Inhalt Ausgabe 40

Vorwort

T I M S S

Die Rechtschreibreform ist seit dem 1.8.1998 amtlich

Mit der S-Bahn zu den Römerschiffen

1948 - 1998: 50 Jahre DLH

Liebigschule Frankfurt - eine Schule hält Kurs auf Europa

Schulprofile und der Konkurs der Schule

Schule als „Dienstleistungsbetrieb“ - ein Irrtum, so alt wie die Pädagogik selbst

Ist die „Neue Kultur der Anstrengung“ nur ein Flop?

Lehrer wagen nur Routineaufgaben abzuverlangen

 

HANS STEGERER

Schule als „Dienstleistungsbetrieb“ - ein Irrtum, so alt wie die Pädagogik selbst

Dienstleister und „Profil”
Solange ich mich entsinnen kann, wer- den wir Gymnasiallehrer von „fortschrittlichen” Pädagogen und Politikern kritisiert, weil wir „die Zeichen der Zeit” nicht erkennen sollen: In den siebziger Jahren war dies der Fall, als viele der Kollegen sich nur zögernd oder gar nicht dem neomarxistischen Traum einer antikapitalistischen Gesellschaft hingeben wollten; „Konkurrenz” galt damals noch als „dirty word”. Heute hingegen - nach dem Fall der Mauer - erfolgt die Kritik an uns offensichtlich auf der Basis marktwirtschaftlichen Denkens. Schule habe sich als „Dienstleistungsbetrieb” zu verstehen, der Lehrer sei „Dienstleister”, das neue Schülerbild: ein kritischer Verbraucher, der sich für das beste Bildungsangebot entscheidet. Aus diesem Grund bekommen die Schulen das Attribut „autonom” verliehen und sind gehalten, eine Art „Image” oder „Firmenphilosophie” als ihr unverwechselbares „Profil” auszuarbeiten. Mit ihrem Angebot sollen sie in Konkurrenz mit anderen Schulen um den Kunden Schüler werben.
Diese marktwirtschaftliche Sicht von Schule ist in zweierlei Hinsicht falsch. Zum einen ist sie aufgesetzt und in sich widersprüchlich, zum anderen ist sie auch pädagogisch falsch. Nichts ist dagegen einzuwenden, daß Lehrer versuchen, einen immer besseren Unterricht zu machen und Schulen, ein immer besseres Bildungsangebot bereitzustellen, ganz im Gegenteil! Doch wenn mit „Schule als Dienstleistungsbetrieb” gemeint ist, daß Schüler auf Unterricht und Bildungsangebot einen ähnlichen Einfluß eingeräumt bekommen wie der Fernsehzuschauer anhand der Einschaltquote auf das Programm, so ist eine solche Pädagogik ein Irrtum. Hat der Schüler nämlich die Wahl zwischen Unterhaltung und ernsthafter Bildung, dann wird er sich mehrheitlich - wie die Fernsehzuschauer auch - immer für die erste Möglichkeit entscheiden, etwas, das sich bei jeder Projektwoche immer wieder herausstellt.
Dieser Gegensatz zwischen ernsthaftem Lernen und spielerischer Geselligkeit ist so alt wie die Pädagogik selbst, das heißt, schon eines des ältesten Dokumente unserer Kultur, das wir über „Pädagogik“ besitzen, Platons Politeia, handelt hiervon und ergreift entschieden Partei. Und wenn dem so ist, dann zeigt sich, daß dieser Grundkonflikt seit eh und je besteht und nichts damit zu tun hat, daß unsere Gesellschaft im Laufe der letzten zehn Jahre martktwirtschaftlich(er) geworden ist und deswegen einer neuen entsprechenden Pädagogik bedürfe.
Im Folgenden werde ich sowohl das politische als auch das pädagogische Argument kurz erläutern und im Anschluß daran ein unterrichtspraktisches Beispiel geben, wie ein „am Kunden orientierter” Unterricht aussehen könnte. Das Unterrichtsbeispiel kann zugleich auch als Vorausblick oder Vorgeschmack für die nahe Zukunft dienen. Bald werden nämlich Gruppen von Studenten ihr „Praxissemester” an unseren Schulen absolvieren, und zwar ohne daß die Kollegen ausreichend Zeit haben werden, sich hinreichend um die Ausbildung der jungen Leute zu kümmern.

Mangel- statt Marktwirtschaft
Schulen sollen in Konkurrenz miteinander treten, das ist nicht neu, denn das gab es in den städtischen Schulen in gewisser Weise schon immer. In den ländlichen Gebieten mit ihrem großflächigen Einzugsgebiet hingegen wird das auch künftig nicht der Fall sein, es sei denn, es würden mehr Schulen dort gebaut. Konkurrenz in der freien Marktwirtschaft beruht wesentlich auf einem Überangebot an Waren und Anbietern. So entscheidet das Kaufverhalten der Kunden darüber, ob der eine Anbieter expandieren kann und ob ein anderer Pleite geht. Nun werden unsere Schulen weder expandieren noch Pleite gehen, weil beides den Schulträger nur Geld kosten würde. Des weiteren ist der Schüler ebensowenig ein Kunde wie ein Rentner oder Sozialhilfeempfänger einer ist, weil er nämlich Geld kostet und keines bringt. Schließlich ist in unserer heutigen Zeit der rigorosen Sparmaßnahmen das Angebot an Bildung und entsprechenden „Dienstleistern” ähnlich üppig wie das Waren- und Dienstleistungsangebot in der alten DDR: Mangelwirtschaft statt Marktwirtschaft also! Welchen Sinn soll es dann aber haben, ernsthaft von „Profil” und „Konkurrenz” zu reden, wenn es den proklamierten „Anbietern“ am Wesentlichen mangelt? Klassenräume platzen vor Überfüllung aus allen Nähten, Lehrer geben inzwischen mehr Stunden als ihre Kollegen noch vor 100 Jahren, die krankheitsbedingte Fehlquote der Kollegen steigt rapide an, Unterrichtsausfall von 5 - 10% gilt als normal, mancherorts ist sie schon auf 20% gestiegen? Das Gerede von marktwirtschaftlichen Strukturen in der Schule ist im Grunde nichts weiter als ein Vorwand, „kapitalistische” - und das heißt hier kostensparende - Maßnahmen im Umgang mit den Lehrern einzuführen und weiter auszubauen. Darüber hinaus dient es als Ablenkungsmanöver, um von der bestehenden bildungspolitischen Misere und ihren Verantwortlichen abzulenken, indem letztlich die Kollegen - die „faulen Säcke”! - für den Verlust an Qualität an unseren Schulen verantwortlich gemacht werden. Schließlich ist es ein Trick, die Lehrer dazu zu bringen, trotz aller Einschränkungen und Mehrbelastungen auch noch unentgeltliche „Aufbaustunden” zu erbringen.
Schule als Dienstleistungsbetrieb bedeutet dies notwendigerweise die Alternative Unterhaltung statt Bildung bzw. den Trend: weg von dieser, hin zu jener? Als Argument könnte man anführen, daß im Ausland kommerzielle Schulen mitunter das höchste Niveau haben. Ein solcher Einwand verkennt jedoch die Verhältnisse in Hessen, wo nahezu alles darauf angelegt ist, daß es weder Eliteschulen noch entsprechende Universitäten gibt. Wo diese fehlen, wetteifern auch die „Konkurrenten“ nicht um die Rangfolge. In Hessen kann ein Gymnasium weder öffentlich beweisen, daß es das höchste Niveau erzielt hat, noch zählt dies zunächst für die Zulassung zum Universitätsstudium. Was hingegen zählt, ist die Abiturdurchschnittsnote, und das marktwirtschaftlich geschulte Denken der Schüler sucht naturgemäß nach dem günstigsten „Preis-Leistungs-Verhältnis“. Wer konkurrieren will, muß wohl oder übel auch die Preise den Erfordernissen des „Marktes“ anpassen.
Ein weiterer marktwirtschaftlicher Trend ist die Nachfrage nach dem, was eine Schule außer dem traditionellen Lernen sonst noch zu bieten hat. Heutzutage muß eine Tankstelle mehr bieten als nur Benzin und Öl, eine Ausstellung mehr als nur Exponate, so auch Schule mehr als „nur“ Bildung. Und ähnlich wie bei den modernen Tankstellen fragt man sich mitunter, was denn der eigentliche Zweck der Institution sei.
Wenn Schule dem marktwirtschaftlichen Denken ausgeliefert wird, ohne daß von politscher Seite allgemeinverbindliche Standards und externe Kontrollmöglichkeiten eingeführt werden, so ist die Situation eines Schulleiters ähnlich der eines Kneipenwirts, der seine Stammkundschaft finden und erhalten will. Wer als schwacher Schüler auf seinem Gymnasium kaum Chancen hat, überhaupt in die Qualifikationsphase zugelassen zu werden, findet in Hessen, so er sich kundig macht, immer noch eine Oberstufe, die ihm letztendlich das Abitur aushändigt, und zwar weil es dort zum einen eine „Klientel“ gibt, die noch nicht einmal das Gymnasium besucht hat, zum anderen weil normalerweise keine Schule mehr als ein Drittel ihrer Abiturienten durchfallen läßt.
Folge hiervon ist, daß an unseren Universitäten Leute studieren - und zudem auch noch Lehrer werden wollen! - bei denen man sich fragen muß, wie sie jemals den Sprung in die Oberstufe geschafft haben. Man begegnet Studenten, die kaum oder gar nicht in der Lage sind, das Wesentliche eines Sachverhaltes zu erfassen und darzustellen, von den Mängeln im Ausdruck, der Orthographie und der Interpunktion ganz zu schweigen. Dies ist kein generelles Urteil über die Lehrerstudenten , allein es gibt eine Reihe solcher Studenten, und es steht zu befürchten, daß es ihrer immer mehr werden.

Platons paideia
Platons Höhlengleichnis in seinem Werk Politeia (Der Staat) handelt von der Erziehung des Menschen, von der paideia, der „Pädagogik” also.
Ein Gleichnis für uns Menschen (.) wenn wir wahrhaft erzogen sind und wenn wir es nicht sind. (514)
Als Repräsentanten für die nicht wahrhaft Erzogenen dienen jene gefesselten Leute, die vor der Höhlenwand sitzend das Vorüberziehen der darauf projizierten Schatten wachsam verfolgen und kommentieren. Es ist dies eine Art geselliges Spiel, bei dem Ehrungen und Lobsprüche und Geschenke festgesetzt sind und zwar für diejenigen, die die vorbeikommenden Schatten nicht nur genau erkennen, sondern auch die in Aussicht stehenden gut erraten können. Der Repräsentant für die wahrhafte Erziehung hingegen ist derjenige, der von seinen Fesseln gelöst sich unter Schmerzen dem Licht zuwendet und den langen und mühseligen Aufstieg aus der Höhle bewältigt. Der „Pädagoge” schließlich ist jener, der die Fesseln löst und dem Schüler bzw. Zögling den Weg nach oben zeigt. Dem unterhaltsamen, geselligen und lukrativen Ratespiel einerseits steht also das einsame, schmerzhafte und undankbare Zugehen auf die Wahrheit gegenüber. Diejenigen, die diesen beschwerlichen Weg gegangen sind, nennt Platon „Philosophen” bzw. „Dialektiker”. Es sind jene, die die Kraft haben, das ewig Gleiche sich zu eigen zu machen. Die Nicht-Philosophen hingegen sind gekennzeichnet durch das Umherirren im Vielen und Mannigfaltigen.

Um hier nicht zu ausführlich zu werden: es geht bei Platon darum, dasjenige („Unsichtbare”) zu erkennen, was mit Begriffen wie Idee, Struktur oder Sinn gemeint ist. Wissenschaft, Philosophie - und, wie ich hinzufügen möchte, auch Dichtung - haben mit dem Schauen von „Ideen” oder „Gesetzen” zu tun und sind deshalb Mittel für eine im Sinne Platons „wahrhafte Erziehung”.
Das Studium der beschriebenen Wissenschaften (Mathematik, Geometrie, Astronomie; H.S.) bewirkt aber dasselbe wie jene Befreiung von den Fesseln, jene Abwendung von den Schatten und Hinwendung zu den Gegenständen selber und zum Licht ... (532).
„Pädagogisch” ist das Studium der Wissenschaft(en) insofern, als daß es eine Erziehung zu einem Leben ist, das sich an der Vernunft orientiert, das heißt sich nicht von Lust und selbstsüchtigen Interessen lenken läßt. Vernunftorientierung ermöglicht nicht nur gute Wissenschaftler und Gelehrte, sondern auch integre und verantwortungsvolle Politiker. Auch wenn nicht garantiert werden kann, daß im Umgang mit „abstraktem“ Denken geschulten Leute auch tatsächlich ein vernunftorientiertes Leben führen, so ist die Schulung des vernünftigen Denkens doch unerläßliche Voraussetzung hierzu.

Schülerorientierter Unterricht
Kommen wir sodann zu dem angekündigten Unterrichtsbeispiel, das ich aufgrund von Aufzeichnungen aus meiner Zeit als Praktikumsbeauftragter an der Universität Frankfurt (1988-1992) rekonstruiert habe. Die geschilderte Art Unterricht kann man als „schülerorientiert” in dem Sinne charakterisieren, als daß alles vermieden wird, was dem Schüler mißfallen könnte: keine Reglementierung des sozialen Verhaltens, kein Widerspruch zu Aussagen, keine Zensur der Beiträge, weder eine Kritik an der Arbeitshaltung noch an den Ergebnissen, eine gemütliche und entspannte Atmosphäre. Es gibt hier kein Schauen irgendwelcher „Ideen”, so wenig wie die Klärung von wichtigen Begriffen. Eine Abwendung von den mannigfaltigen Einfällen hin zu den wenigen Ideen und Strukturen ist für Schüler „schwer” und deshalb bei den meisten zunächst unbeliebt. Will ein Lehrer nicht nur beliebt sein, sondern auch „wahrhaft erziehen”, so muß er die Schüler in gewisser Weise zwingen, diesen dem Alltagsdenken entgegengesetzten Weg zu gehen, auch auf die Gefahr hin, daß er damit den Mißmut der Schüler auf sich zieht. Es mag uns trösten, daß schon Platon wußte, daß die „wahrhafte Erziehung” eine undankbare wenn nicht gefährliche Aufgabe ist.

Schlaraffenland
Der Unterrichtsversuch der Praktikantin findet in einem Grundkurs Deutsch in der Jahrgangsstufe 13 in einem Frankfurter Oberstufengymnasium statt. Thema des Kurses ist die Lektüre von Heinrich Manns Schlaraffenland. Zu Unterrichtsbeginn um 7.50 Uhr sind erst wenige Schüler erschienen. Die Praktikantin begrüßt die Klasse und bietet ihr als Anredeform spontan das „Du” an. Danach gibt sie das Thema der Stunde bekannt: Es geht um Kritik. Sie bittet die Schüler, alles zu sagen, was ihnen zum Stichwort „Literaturkritik” einfällt. (Was versteht Ihr unter Literaturkritik?) Sie schreibt das Wort „Kritik” an die Tafel und sammelt die Beiträge. Auf diese Weise entsteht folgender Tafelanschrieb.

Kritik
- eigene Meinung
-Inhaltsangabe
-wie der Autor dem Leser die Kritik vermittelt
-Ausdruck und Stil des Autors
-Kritik meist subjektiv
-Vergleich zweier Autoren, die über dasselbe Thema schreiben
-Biographie des Autors

Fragen wie die, ob eine Kritik immer subjektiv sein muß oder auch objektiv sein kann, sind für einen stichwortartigen Tafelanschrieb wenig geeignet, da erst einmal geklärt werden müßte, was die Begriffe bedeuten und inwieweit sie als Attribute für „Kritik” zutreffen. Die Studentin findet jedoch schnell einen Ausweg, indem sie Kritik meist subjektiv an die Tafel schreibt.
Während des Sammelns der Einfälle öffnet und schließt sich immer wieder die Tür. Zu spät kommende Schüler betreten die Klasse, kommen ohne Ausdruck eines noch so leichten Schuldbewußtseins herein, begrüßen mit freundlichem Kopfnicken die Anwesenden, werden von ihnen wiedergegrüßt, setzen sich an ihre angestammten Plätze, legen ihre Garderobe ab, packen Buch und Schreibzeug aus, fragen ihre Tischnachbarn, was denn gerade gemacht werde. Das Zuspätkommen scheint in diesem Kurs nichts Außergewöhnliches zu sein, der Kursleiter, der diskret aus der hintersten Reihe das Unterrichtsgeschehen ohne viel Anteilnahme verfolgt, hält mit ausdrucksloser Miene die Verspätungsminuten seiner Schüler in seinem Kursheft fest. (Wenn der Schüler mehr als die Hälfte der Zeit nicht anwesend ist, wird’s brenzlig). Ebenso Usus scheint auch das morgendliche Frühstück während der Unterrichtszeit zu sein. Schüler gießen sich Kaffee aus dampfenden Thermoskannen in mitgebrachte Plastikbecher. Man kaut mit vollen Backen das Frühstücksbrot, es raschelt, wenn Süßigkeiten ausgepackt werden. Zwanzig Minuten nach Unterrichtsbeginn scheint das Zuspätkommen abgeschlossen zu sein. Wer jetzt noch nicht da ist, der fehlt in Gänze, zumindest aber für die ersten beiden Unterrichtsstunden im Fach Deutsch.

„Verlegerbrief”
Als die Studentin den Eindruck hat, es falle den Teilnehmern nichts mehr zum Stichwort „Kritik” ein, geht sie zur nächsten Unterrichtsphase über. Sie kündigt als Arbeitsform „Gruppenarbeit” an und stellt den Schülern das Thema: Ihr seid jetzt Verleger in der heutigen Zeit und Ihr schreibt in einem Brief an Heinrich Mann , ob Ihr sein „Schlaraffenland” verlegen wollt oder nicht. Die Schüler haben für die Erledigung dieser Aufgabe den Rest der Unterrichtsstunde und die gesamte nachfolgende Stunde Zeit. Am nächsten Tag will man dann über das Ergebnis der Gruppenarbeit sprechen.
Am folgenden Tag - Deutsch findet wieder zur ersten Stunde statt - nimmt alles wieder seinen gewohnten Gang: Das Zuspätkommen, das Frühstücken, das Plaudern. Die Studentin möchte den Inhalt der einzelnen „Verlegerbriefe” sammeln und an die Tafel schreiben. In drei Kolonnen sollen die Ergebnisse der drei Arbeitsgruppen stichwortartig gegenübergestellt werden. Die „Verlegerbriefe” auf Stichworte zu komprimieren, fällt den Schülern nicht schwer, denn sie haben - angeblich aus Zeitnot - ohnehin keine ausformulierten Sätze parat. Der mögliche Einwand, man hätte dies nach dem Unterricht als „Hausaufgabe” tun können, wird von der Studentin noch nicht einmal angedeutet. Bei Verlegergruppe 2 ist der Schriftführer noch nicht erschienen und seine Mitarbeiter haben leider weder eigene Aufzeichnungen, noch können sie sich an irgendwelche Details des Erarbeiteten erinnern. Glücklicherweise erscheint der Schriftführer alsbald und die Praktikantin kann das Tafelbild komplettieren. Am Ende dieser Unterrichtsphase steht Folgendes an der Tafel:

Verlegergruppe 1
- Informationen über ges. Verhältnis se der wilhelminischen Zeit
- Aufsteigertum auch heute (Bezug zur heutigen Wirklichkeit)
- gut: übertriebene Beschreibung der Charaktere
- Sexismus
- gut: Beschreibung der Dekadenz

Verlegergruppe 2
- negativ: plädiert nicht radikal für den Umsturz (bis auf Kapitel “Rache”)
- zu frauenfeindlich, nicht zeitgemäß
- zu viele Charaktere

Verlegergruppe 3
- historische Dimension
- (neutrale ?) objektive Beschreibung; Leser darf werten
- zu lange Szenenbeschreibung
- zu viele Charaktere

In einer zusammenfassenden Bemerkung stellt die Studentin fest, daß Verlegergruppe 1 und 3 den Roman verlegen wollen, Gruppe 2 jedoch nicht. Dann geht sie zur nächsten Unterrichtsphase über und läßt die Katze aus dem Sack, indem sie den Schülern verrät, die Idee zu den Verlegerbriefen sei ihr gekommen, als sie im kommentierten Anhang zum Roman einen authentischen Verlegerbrief zu Heinrich Manns Werk gefunden habe. Amüsiert schlägt man die Seite auf und liest den echten Verlegerbrief vor. Dieser besteht zum einen Teil aus dem persönlichen Eindruck des Verlegers als interessierter Leser des Werkes und zum anderen aus einem Angebot, unter welchen kommerziellen Bedingungen man das Buch zu verlegen bereit sei. In dem authentischen Verlegerbrief werden keine Gründe für die Akzeptanz des Buches genannt. Der Kommentar besteht aus Anmerkungen ohne Bitte oder gar Aufforderung, irgendwelche Änderungen vorzunehmen. (Der Titel sei nicht neu, das Buch erscheine zu lang, man wisse jedoch selbst nicht, wo gekürzt werden könne, an einigen Stellen finde man des Guten zuviel, so daß eine Übersättigung eintrete u.a.m.).

„Aktualisieren” eines Romans
Nach dem Vorlesen des Briefes fragt die Studentin, ob die Schüler glauben, daß die „Kritik” des Verlegers zu oberflächlich sei. Einige glauben dies, andere hinwiederum nicht, Gründe werden nicht gegeben und auch nicht erfragt. Als nächstes informiert sie die Schüler, daß das Interesse des Verlegers weniger am Buch als an seinem Publikum orientiert gewesen sei, und letztendlich sei das Buch damals bei den Bourgeois gut angekommen. Von hier aus leitet sie dann zum nächsten Arbeitsauftrag über. Sowohl der authentische als auch die selbstverfaßten „Verlegerbriefe” hätten den Sinn gehabt, durch die „Kritik” eine „Aktualisierung” des Romans zu ermöglichen. Die Schüler werden gebeten, aufgrund der Kritik die einzelnen Kapitel umzuschreiben. Wie müßte ein Roman aussehen, um aktuell zu sein?
Die meisten Schüler werden die Aufgabenstellung nicht verstanden haben, zum einen deswegen nicht, weil sie wegen des aufblinkenden Pausensignals den Klassenraum verlassen, zum anderen weil das Interesse an schriftlichen Hausaufgaben ohnehin sehr gering ist. Eine Gruppe von drei Mädchen bedrängt die Studentin mit den Worten, daß das Umschreiben von Kapiteln eine viel zu große Arbeit sei, worauf diese dann das „Mißverständnis” klärt. Nicht die Kapitel sollen umgeschrieben werden, sondern lediglich die Kapitelüberschriften im Sinne einer „Aktualisierung”

   

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